Full text: Kommerzielle digitale Überwachung im Alltag

82 / 88 Kommerzielle Digitale Überwachung im Alltag | Studie im Auftrag der österreichischen Bundesarbeitskammer | 2014 ? Tausende Firmen in den Bereichen Online-Tracking, Analyse und Werbung identifizie- ren NutzerInnen über Websites, Apps und Geräte hinweg und sammeln gewaltige Mengen an persönlichen Informationen. Beim Aufruf beinahe aller populären Websites wird jeder einzelne Klick an mehrere Dritt-Unternehmen übertragen, ebenso bei vielen Smartphone- Apps. Die Analyse- und Werbeplattform Flurry ist global auf 1,4 Milliarden Smartphones und Tablets installiert und zeichnet die Nutzungsaktivitäten in 540.000 Apps auf. Flurry ermög- licht Werbetreibenden eine gezielte Ansprache nach Geschlecht, Alter und Interessen - und sortiert NutzerInnen in Kategorien wie Hardcore-SpielerInnen, frischgebackene Mütter oder nach ihrer sexuellen Orientierung. Durch eine Kooperation mit der Marktforschungsfirma Research Now stehen seit kurzem weitere 350 „Profil-Attribute“ über Demographie, Interes- sen und Lifestyle zur Verfügung.261 Gesellschaftliche Auswirkungen von kommerzieller digitaler Überwachung262 Durch die beschriebenen Entwicklungen und Praktiken wird klar, dass eine Art von Überwa- chungsgesellschaft Realität geworden ist, in der die Bevölkerung ständig auf Basis persönli- cher Daten klassifiziert und sortiert wird. KonsumentInnen können oft nicht mehr nachvoll- ziehen, welche Daten über sie und ihr Verhalten von Unternehmen digital erfasst und gespei- chert werden, wie diese Daten verarbeitet werden, an wen sie weitergegeben oder verkauft wer- den, welche Schlüsse daraus gezogen werden und welche Entscheidungen auf Basis dieser Schlüsse über sie gefällt werden. Persönliche Daten werden zunehmend in völlig anderen Be- reichen eingesetzt als die ursprünglichen Verwendungszwecke bei deren Erfassung. Außer- dem besteht überall, wo große Datenmengen gespeichert werden, das Risiko von Datenmiss- brauch und -verlust. Dadurch entstehen große Risiken für Einzelne – von Belästigung und Stalking bis Identitätsdiebstahl und Cyber-Kriminalität. Wenn Unternehmen Kriterien wie Geschlecht, Alter, ethnische oder religiöse Zugehörigkeit, Ar- mut oder den Gesundheitszustand in ihre Entscheidungen mit einbeziehen, besteht die Gefahr von Diskriminierung oder Ausschluss ganzer Bevölkerungsgruppen. Die Chancen und Wahlmöglichkeiten von Einzelnen können dadurch eingeschränkt werden – von Preisdiskrimi- nierung und der der Frage, welche Angebote jemand bekommt bis zu lebensentscheidenden Fragen in den Bereichen Finanzen, Gesundheit, Versicherung oder Arbeit. Sogar die Federal Trade Commission befürchtet, dass für KonsumentInnen mit „riskanteren“ Verhaltensweisen in Zukunft höhere Versicherungsprämien anfallen könnten. Michael Fertik diagnostiziert im Scienti- fic American, dass durch individuelle Preise und personalisierte Angebote schon jetzt die „Rei- chen“ ein „anderes Internet als die Armen“ sehen würden. Abgesehen von Fehlern bei der Erfassung der gesammelten Daten können Fehler in den Prognosemodellen und damit falsche Schlussfolgerungen massive negative Auswirkungen auf Einzelne haben. Wer beispielsweise die falschen Personen kennt, im falschen Bezirk wohnt oder sich in der Smartphone-App „falsch“ verhält, wird in einer bestimmten Art und Weise klassi- fiziert und muss die Konsequenzen tragen, ohne Einfluss darauf zu haben. Auch eine Verwei- gerung der Teilnahme kann Konsequenzen haben: Wenn keine oder zu wenige Daten über ei- ne Person vorhanden sind, schätzt ein Unternehmen das Risiko für eine Kundenbeziehung unter Umständen prinzipiell als zu hoch ein. Wenn Versicherungsunternehmen die Risikoabschätzung von Lebensgewohnheiten und Verhaltensweisen abhängig machen, wird außerdem Risiko in- dividualisiert. Der Netz-Theoretiker Evgeny Morozov warnt vor einer mit der „Umweltkatastro- phe“ vergleichbaren „Datenkatastrophe“, die uns in einer Welt erwartet, in der persönliche Daten 261 Siehe Kapitel 5.4 262 Siehe Kapitel 6 Zugriff auf 1,4 Milliarden Geräte Permanente Sortierung der Bevölkerung Auswirkungen auf lebensent- scheidende Fragen Wer sich falsch verhält…

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