Full text: Wirtschaftspolitik - Standpunkte 2012 Heft 4 (4)

Wirtschaftspolitik – Standpunkte. 04 | 2012. seite 12 von 26 
arum die bilanz zur corporate gover-
nance praxis negativ ausfällt? We-
sentliche Kodex-Bestimmungen werden 
noch immer ignoriert, die Börse Wien ver-
liert zunehmend sowohl an Umsätzen als 
auch an Emittenten. Und: Die gutgemeinten, 
freiwilligen Benimmregeln für den Kapital-
markt konnten die Skandale rund um Immo-
finanz, Meinl oder die Telekom Austria nicht 
verhindern. Dabei waren die Erwartungen 
der Investorenwelt groß als vor zehn Jahren 
der Österreichische Corporate Governance 
Kodex die Welt erblickt hat. Von mehr Trans-
parenz, besserer Unternehmensführung und 
-kontrolle und Erhöhung des Shareholder 
Value war die Rede. Freiwillige Selbstregu-
lierung ist zum Schlüsselwort in Bezug auf 
verantwortungsvolle Unternehmensführung 
und -kontrolle geworden. Diese Philosophie 
spiegelt den Kapitalmarktzeitgeist des letz-
ten Jahrzehnts wider:
corporate governance kodex oder „die re-
geln machen wir uns selbst“ Selbstgewähl-
te Regeln oder Standards für „good gover-
nance“ ersetzen immer mehr Normen und 
Sanktionen des Gesellschaftsrechts. Geht 
doch der Corporate Governance Kodex 
davon aus, dass es keiner Gesetze bedarf, 
weil der „Markt“ ohnehin Verfehlungen ab-
straft. Der österreichische Kodex richtet 
sich laut Präambel vorrangig an börsenno-
tierte Aktiengesellschaften, soll aber zudem 
als Empfehlung für nicht börsennotierte 
Kapitalgesellschaften verstanden werden. 
Der für das Geschäftsjahr 2011 geltende 
Kodex in der Fassung 2010 gliedert sich in 
drei Regelkategorien, insgesamt umfasst das 
Regelwerk 85 Bestimmungen: 
Den Kern bildet der gesetzliche Regel-
block (Legal Requirements), der 36 Ge-
setze zur Unternehmensleitung und Un-
ternehmensüberwachung börsennotierter 
Gesellschaften widergibt.
Zur zweiten Kategorie gehören die 
Comply or Explain Regeln, sogenannte 
Empfehlungen: Diese 43 Kodex-Standards 
sind grundsätzlich einzuhalten, kommt es 
zu einer Abweichung, so soll diese jedoch 
erklärt und begründet werden. 
Die weichste Regelkategorie sind die so-
genannten Recommendations, diese dienen 
lediglich als Anregung, sind daher weder zu 
begründen, noch offenzulegen. In der aktu-
ellen Kodex-Version finden sich sechs Re-
commendations.
Seit seiner Etablierung bekennen sich 
immer mehr Unternehmen an der Wiener 
Börse zum Kodex. War es 2003 nicht ein-
mal ein Drittel der Unternehmen, sind es 
im Jahr 2012 bereits 84 Prozent. Doch der 
theoretischen Akzeptanz der Empfehlungen 
steht die praktische Umsetzung oftmals 
diametral gegenüber, fallen doch in die Ära 
des Kodex die größten Börsenskandale der 
jüngsten Vergangenheit. Ist der Corporate 
Governance Kodex doch bloß ein „krallen- 
und zahnloser Tiger“, der sich beliebig gegen 
den Strich streicheln lässt? 
evaluierung 2012: kodex-empfehlungen 
bleiben wirkungslos. Die Ergebnisse der 
Kodex-Evaluierung der Abteilung Be-
triebswirtschaft der AK Wien vom Okto-
ber 2012 zeigen: Nur drei Unternehmen 
(Do&Co Restaurants & Caterings AG, vo-
estalpine AG und Wienerberger AG) halten 
sich an alle Empfehlungen. Die überwiegen-
de Mehrheit (93 Prozent) weicht von zu-
mindest einem Kodex-Standard ab. An der 
gesamten Wiener Börse sind 290 Nichtein-
haltungen von Empfehlungen festzustellen, 
bei einem Unternehmen wurden sogar 16 
Abweichungen gezählt. Sogar im Prime Mar-
ket2 ignoriert jedes der Unternehmen im 
Schnitt knapp mehr als drei Empfehlungen. 
Am häufigsten missachten die Unterneh-
men (wieder einmal) die Empfehlung zur 
individuellen Angabe der Vorstandsvergü-
tung: Sechs von zehn Unternehmen machen 
daraus ein Geheimnis. Neben mehr Trans-
parenz sieht der Kodex aber vor allem eine 
Neuausrichtung der Vorstandsvergütungs-
systeme nach den Kriterien Angemessen-
heit und Nachhaltigkeit vor: Dies umgehen 
40 Prozent der Unternehmen ebenso wie 
sich mehr als ein Drittel weigert, zu den 
Grundsätzen der Vergütung zu berichten. 
Zudem hat der Österreichische Corporate 
Governance Arbeitskreis  keine Fortschrit-
te bei der ausgewogenen Vertretung von 
Frauen und Männern an der Unterneh-
mensspitze erzielt: Im September 2012 sind 
in der gesamten Unternehmensbreite der 
Wiener Börse nur fünf Frauen (3 Prozent) 
im Vorstand vertreten, lediglich 11 Prozent 
der AufsichtsrätInnen sind weiblich.
sanktionslose, freiwillige selbstregulie-
rung ist gescheitert. Wie die jährlichen 
Auswertungen zeigen, schaffte es der ös-
terreichische Kodex bislang nicht, eine Vor-
ist der corporate governance kodex doch bloß 
ein „krallen- und zahnloser tiger“, der sich be-
liebig gegen den strich streicheln lässt?
cOrpOrate gOvernance kOdex 
10 Jahre und kein biSSchen WirkSam
unDurchSichTige unTernehMenSSKanDale, überzogene VorSTanDSgehälTer unD MächTige Männer-
neTzWerKe in Den FührungSeTagen – Von einer VorreiTerrolle in Sachen „gooD goVernance“ SinD Die 
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zudem hat der Österreichische corporate governance arbeits-
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frauen und Männern an der unternehmensspitze erzielt.
        

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