Full text: Wirtschaftspolitik - Standpunkte 2012 Heft 4 (4)

Wirtschaftspolitik – Standpunkte. 04 | 2012. seite 3 von 26 
alle MarktteilnehmerInnen an den Rohstoff-
Futuremärkten.4
Diese InvestorInnen behandeln Rohstoffe 
als Anlageklasse, das heißt, sie wetten auf ei-
nen bestimmten Preistrend. Sie handeln nicht 
systematisch auf der Basis von fundamenta-
len Angebots- oder Nachfrageverhältnissen 
in einzelnen Märkten, auch wenn Schocks ihr 
Verhalten kurzfristig beeinflussen mögen. Im 
Allgemeinen sind ihre Kauf- und Verkaufsent-
scheidungen von  Herdenverhalten geprägt: 
Sie wurden von denselben  Informationen 
gelenkt, die auch auf anderen Finanzmärk-
ten zur Verfügung stehen. Da sie die weitaus 
größten Positionen auf den Rohstoffmärkten 
halten, ist es unbestreitbar, dass sie einen be-
deutenden Einfluss auf die Preisbewegungen 
in diesen Märkten haben. Deshalb folgen die 
Preise auf finanzialisierten Rohstoffmärkten 
in der Regel den Preisen auf reinen Finanz-
märkten. 
Seit 2009 hat sich die Korrelation zwi-
schen den Preisen auf verschiedenen Roh-
stoffmärkten und den Preisen in anderen 
spekulativen Finanzmärkten erheblich ver-
stärkt. In einem in Kürze erscheinenden 
UNCTAD-Diskussionspapier werden die 
Parallelbewegungen zwischen den Erträgen 
in verschiedenen Rohstoffmärkten und auf 
dem US-Börsenmarkt über den Zeitraum 
1997-2011 unter Verwendung von Tick-
Daten5 analysiert (Bicchetti und Maystre, 
2012). Deutliche Parallelbewegungen mit 
hoher Frequenz erscheinen bis zu einem 
Sekundenintervall. Es ist klar, dass diese 
Rohstoffpreisänderungen in winzigen Inter-
vallen nicht durch Änderungen bei Angebot 
und Nachfrage in einem spezifischen Markt 
erklärt werden können. Denn die Funda-
mentaldaten für den US-Börsenmarkt und 
Rohstoffmärkte weichen stark voneinander 
ab. Unterschiedliche Fundamentaldaten kön-
nen nicht – andauernd und gleichbleibend in 
den letzten Jahren, über alle untersuchten 
Märkte hinweg – gleichzeitig ähnliche Preis-
bewegungen auslösen. Im Gegenteil, unter 
Berücksichtigung der großen Zahl überprüf-
ter Rohstoffe wäre aufgrund von Saisonein-
flüssen, industrieller Nachfrage und spezifi-
scher Dynamiken in den Rohstoffmärkten 
ein unterschiedliches Verhalten zu erwarten 
gewesen. Solche Unterschiede wurden je-
doch nicht beobachtet.
Während die Fundamentaldaten diese 
parallelen Preisbewegungen also nicht er-
klären können, teilen Börsen und Rohstoffe 
eine bedenkliche Gemeinsamkeit: die markt-
beherrschende Stellung von Finanzinvestor-
Innen. In der gegenwärtigen Zeit großer 
wirtschaftlicher Unsicherheiten haben Neu-
igkeiten über die Entwicklung der globalen 
Wirtschaft und politische Ankündigungen 
große Auswirkungen auf die Aktivitäten der 
Herden von FinanzinvestorInnen. Ihre Wahl 
der Finanzpositionen auf Rohstoff-Derivate-
märkten folgt Marktgefühlen und -erwartun-
gen, kaum jedoch den Fundamentaldaten.
Ein sehr erhellendes Beispiel bot sich im 
Laufe dieses Jahres. Nachdem Rohstoffinves-
titionen zu Beginn 2012 kurzfristig anstiegen, 
brachen sie im 2. Quartal ein. Laut Barclays 
Capital (2012) zogen InvestorInnen im Mai 
2012 8,2 Mrd. US-Dollar an Rohstoffinvesti-
tionen ab. Doch mehr als alle Gerüchte über 
Kriegsvorbereitungen hier oder erfreuli-
chere Wirtschaftsdaten da, haben sich die 
Ölpreise in Übereinstimmung mit den eu-
ropäischen Börsen und der Entwicklung von 
politischen Entscheidungen und Gerüchten 
in der Eurozone bewegt.
Abbildungen 1 und 2 zeigen die Preisent-
wicklung auf Euro Stoxx 600, WTI Rohöl-
preis – eine Vergleichsgröße für die USA – 
und den Standard & Poor´s Goldman Sachs 
Rohstoffindex (SPGSCI), ein Rohstoffindex, 
der sich hauptsächlich aus in den USA in 
den ersten acht Monaten von 2002 und 
2012 gehandelten Warentermingeschäften 
(Futures) zusammensetzt.
Vergleicht man die Entwicklung dieser 
Preise während 2012 mit den Preisen 10 
Jahre zuvor, so zeigt sich die dramatische 
Veränderung: Trotz der Ähnlichkeiten, was 
die realen Schocks 2002 und 2012 betrifft 
– Unsicherheit in Westasien, die Nachwir-
kungen des Börsenkrachs und die schwieri-
ge Getreideernte – könnte die Entwicklung Quelle: UNCTAD-Berechnungen auf Grundlage von Daten aus der Bloomberg-Datenbank.
Preisentwicklung unterschiedlicher rohstoffindizes im Jahr 2012:
Preisentwicklung unterschiedlicher rohstoffindizes vor 10 Jahren:
        

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