Full text: Wirtschaftspolitik - Standpunkte 2012 Heft 4 (4)

Wirtschaftspolitik – Standpunkte. 04 | 2012. seite 5 von 26 
nur noch zwei prozent des Handels auf den rohstoffbörsen enden 
mit dem Verkauf oder der Lieferung physischer waren. es sind inzwi-
schen die finanzmärkte, die die physischen Märkte leiten.
eltweit leiden heute 870 Millionen 
Menschen an Hunger, 98% von ihnen 
leben in so genannten Entwicklungsländern1. 
Mit ein Grund für die Ernährungsunsicher-
heit hunderttausender Familien sind die seit 
Jahren steigenden Marktpreise von Grund-
nahrungsmitteln wie Mais, 
Weizen oder Reis. Hohe Ge-
treidepreise sind vor allem für 
die ärmsten kleinbäuerlichen 
Familien, die selbst nicht genug 
ernten, um sich über das Jahr 
mit ausreichend nährstoffrei-
cher Nahrung zu versorgen, und deshalb am 
Markt Getreide zukaufen müssen, höchst 
problematisch. Sie geben über 70% ihres 
spärlichen Einkommens für Lebensmittel 
aus. Deshalb können bereits kleine Preis-
steigerungen fatale Folgen haben.2 
Die Gründe für den Anstieg der Getrei-
depreise in den vergangenen Jahren sind 
vielfältig: Ernteausfälle in den wichtigsten 
Getreideländern, Anbau von Getreide für 
Agrotreibstoffe, zu geringe Lagerhaltung 
oder hohe Ölpreise. Doch – wie viele 
Studien u.a. der FAO3 oder der Weltbank4 
feststellen – spielen vor allem  spekulative 
Geschäfte auf Nahrungsmittel eine Rolle bei 
den Preiserhöhungen.
Und gerade diese Art von Spekulation ist 
in den vergangenen 10 Jahren rasant ange-
stiegen.1998 waren noch 77 % der Markt-
teilnehmerInnen physische Risikoabsicherer, 
also Bauern, Zulieferfirmen oder Lebens-
mittelunternehmen, die ihre Geschäfte ab-
sicherten. Im Jahr 2008 bestand der Markt 
nur noch zu 31 % aus Absicherern, dafür 
stiegen der Anteil an IndexspekulantInnen 
auf 41% und der Anteil der „traditionellen“ 
SpekulantInnen auf 28%5.  Der FAO zufolge 
enden nur noch zwei Prozent des Handels 
auf den Rohstoffbörsen mit dem Verkauf 
oder der Lieferung physischer Waren6. Das 
bedeutet, dass die reine Gewinnspekulati-
on angestiegen ist, die zum Großteil nichts 
mehr mit notwendigen Preisabsicherungen 
zu tun hat.
getreidepreise als spielball für spekulan-
tinnen. Laut Héylette Geman, Spezialistin 
für Agrarrohstoffmärkte, sind es die Finanz-
märkte, die die physischen Märkte leiten.7 
Je mehr Geld auf die Finanzmärkte fließt, 
umso enger und bedeutender wird diese 
Verbindung. Die SpekulantInnen verlassen 
sich nicht mehr auf die Fundamentaldaten, 
sondern versuchen, sich möglichst gut an 
das Herdenverhalten anderer spekulativer 
AnlegerInnen anzupassen – eine Dynamik, 
die auch zum Aufschaukeln der Preise füh-
ren kann. Herdenverhalten wirkt sich zu-
dem fatal auf die Volatilität der Preise aus8. Je 
größer die Zahl rein spekulativer AnlegerIn-
nen ist, desto mehr verschiebt sich die Art 
und Weise, wie ein Preis entsteht, von der 
Preisbildung durch Angebot und Nachfrage 
auf den physischen Märkten hin zu einer 
Preisbildung, die vor allem durch die virtuel-
len Preise spekulativer MarktteilnehmerIn-
nen zustande kommt: Denn die Preise, die 
bei den Finanzverträgen für zukünftige Ge-
eu-finanzmarktregulierung mifid: 
eine chance, exzeSSive SpekulatiOn auf  
lebenSmittel einzudämmen!
Durch zunehMenDe beTeiligung Von groSSen FonDS aM rohSToFFhanDel WerDen Die preiSe Für roh-
SToFFe Mehr unD Mehr Durch MarKTgerüchTe unD herDenVerhalTen beSTiMMT, unD nichT Durch Fun-
DaMenTalDaTen. Die DaDurch beWirKTe VolaTiliTäT haT graVierenDe auSWirKungen auF Die nahrungS-
MiTTelVerSorgung Vor alleM Der MenSchen in Den ärMSTen länDern Der WelT. DzT Wir Die eu-richTlinie 
„MiFiD“, Die auch Die regulierung Der agrarrohSToFFMärKTe uMFaSST, zWiSchen eu-parlaMenT unD raT 
enDVerhanDelT. eS bleibT zu hoFFen, DaSS Die FinanzMarKTlobby bei Den naTionalen regierungen nichT 
Die erSTen poSiTiVen anSäTze, Wie Vor alleM poSiTionSliMiTS Für rohSToFF-FuTureS unD eine VerlangSa-
Mung DeS hanDelS, WieDer zunichTe MachT.
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bild zur kampagne: „stopp spekuLation auf naHrungsMitteL!“
        

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