Full text: Das Recht der Arbeit - Heft 372 (372)

Karenz anstelle Elternteilzeit – kein endgültiger Untergang des Anspruchs auf Elternteilzeit ? K. BURGER-EHRNHOFER
DRdA ? 5/2017 ? Oktober420
proklamierte Recht auf Arbeit sei eigentlich als ein 
Recht auf Einkommen anzusehen. In Wahrheit ginge es 
aber um ein Recht auf ein zeitgemäßes Leben. Keller-
mann betont den anthropologischen Zusammenhang 
von Bedürfnis und Arbeitsvermögen. Von einem bedin-
gungslosen Grundeinkommen erwartet er sich, anstelle 
der Fokussierung der Arbeit auf Einkommen, eine 
Betonung der Qualität der Arbeitsprozesse und seiner 
Produkte. Ausschlaggebend für geglückte Arbeit sei 
weniger der finanzielle, sondern der soziale und psy-
chische Lohn. Das Arbeitsvermögen ausschließlich auf 
den Gelderwerb zu konzentrieren sei der Grundfehler 
der heutigen Konzeption.
Interessante Facetten finden sich im Beitrag von 
Hildegard Nickel. Sie stellt die Frage, inwieweit Frauen 
Pionierinnen des Wandels sind und untersucht das Ver-
sprechen auf Selbstbestimmung durch Erwerbsarbeit. 
Konstatiert wird, dass die Subjektpotenziale der Arbei-
tenden zunehmend zur Produktivitätsressource werden. 
Die Individuen müssten zunehmend sich selbst und 
ihren ambivalenten Arbeits- und Lebenszusammenhang 
organisieren. Dadurch sei Druck auf die arbeitswelt-
lichen Rahmenbedingungen zu erwarten. Inzwischen 
würden zunehmend (vor allem qualifiziertere) Frau-
en und auch jüngere Männer ihre Ansprüche auf ein 
„Leben jenseits der Erwerbsarbeit“ geltend machen. Ein 
derartiger Transformationsprozess könne aber ohne 
Demokratisierung von unten nicht gelingen. Skeptisch 
beurteilt sie die These, die Dienstleistungsgesellschaft 
werde die Ungleichheiten im Geschlechterverhältnis 
abschleifen. Die Frauenfrage sei nach wie vor eine sozi-
ale Frage. Geschlechterungleichheit entstehe vor allem 
durch die gesellschaftliche Missachtung von Repro-
duktionsarbeit. Das herrschende System kennzeich-
net sie als „makroökonomischen Androzentrismus“. 
Ist damit gemeint, dass die Bewegungsgesetze und 
ökonomischen Dynamiken kapitalistischer Ökonomien 
feministisch unterlaufen werden können? Das wäre 
ein theoretischer Rückfall, nämlich eine Gleichstellung 
feministischer Perspektiven mit den Kernwidersprü-
chen kapitalistischer Gesellschaften.
Höchst gewinnbringend ist die Lektüre des Bei-
trags von Karin Sardadvar und Ursula Holtgrewe. Sie 
beschäftigen sich unter dem Titel „Zum Glück ein Job?“ 
mit den Arbeitsbedingungen und der Verwundbarkeit 
in Niedriglohnbranchen ausgewählter europäischer 
Wachstumsbranchen, gestützt auf europaweite Studien, 
die „Work and Life Quality in New and Growing Jobs“ 
in 11 Ländern untersucht haben. Dabei wird ein präzi-
ses, durch überzeugende Kommentierungen begleitetes 
Bild von den Ursachen und Wirkungsmechanismen 
prekärer Niedriglohnarbeit gezeichnet. Beschrieben 
werden Kombinationen von flexiblen Arbeitszeiten, 
atypischen Arbeitsformen, Wettbewerbsdruck, physi-
schen und psychischen Belastungen und der schwa-
chen Repräsentation dieser Arbeitskräfte im System der 
tradierten kollektiven Akteure. Als besonders prekär 
erweisen sich die Branchen Altenpflege, Reinigung 
und Catering. Der Beitrag endet mit einer Reihe von 
Forderungen und Maßnahmen, die die Situation nach-
vollziehbar verbessern könnten.
Manuela Vollmann und Daniela Hirsch stellen in 
ihrem Beitrag „Arbeit neu bewerten – neu verteilen – neu 
managen“ neue Zugänge zur gesellschaftlichen Arbeit 
vor, wobei sie den sehr weiten Arbeitsbegriff von Frigga 
Haug übernehmen. Mit Adelheid Biesecker sollte es in 
den Unternehmen zu einer Umverteilung von hohen zu 
niedrigen Lohneinkommen kommen. Erforderlich sei 
auch eine massive Arbeitszeitverkürzung, die auch eine 
gerechtere Aufteilung der Sorgearbeit bewirken soll. 
Besonders hervorgehoben werden Lösungsansätze, die 
auf Unternehmensebene ansetzen. In concreto sind die 
Vorschläge aber eher enttäuschend: Gemeinwohlorien-
tierte Unternehmen, flexible Arbeitszeitmodelle und Job 
Sharing können hilfreich sein, werden aber die ange-
strebte große Wende nicht herbeiführen. Bei der Umset-
zung hoffen die Autorinnen etwa auf die „Generation Y“ 
und auf eine Neuorientierung der Führungskräfte. Auch 
das wird wohl nicht genügen.
Theo Wehner und Sascha Liebermann stellen eine 
große Frage: „Würden Menschen arbeiten, wenn sie 
über ein bedingungsloses Grundeinkommen verfü-
gen?“ Überzeugende Antworten bleibt der Beitrag – 
das kommt nicht unerwartet – schuldig. Sie betrach-
ten Sinnstiftung und Einkommenserzielung als zwei 
voneinander unabhängige Dimensionen. Kernthese 
ist, dass bei Gewährung eines Grundeinkommens die 
Erwerbsarbeit nicht an Attraktivität verlieren würde. Mit 
den in großer Zahl vorhandenen, unangenehm harten 
Gegenargumenten setzen sie sich nicht auseinander. Sie 
verweisen zB auf die bestehenden Sozialhilfesysteme, 
die nicht zu einer Verweigerung von Arbeitsleistungen 
geführt haben. Ja, das ist soweit nicht ganz falsch, aber 
die Autoren verschweigen oder übersehen, dass dieser 
Typus der sozialen Absicherung genau gegenteilig zu 
einem bedingungslosen Grundeinkommen konstruiert 
ist. Seltsam ist ihre Haltung zu feministischen Positio-
nen, die befürchten, die Sorgearbeit werde bei Einfüh-
rung eines bedingungslosen Grundeinkommens wieder 
an den Frauen hängen bleiben. Sie treten für einen 
„sozialisatorischen Schonraum“ für die Kinder ein, der 
durch Erwerbsarbeit (professionelle Kinderbetreuung) 
nicht bereitgestellt werden könne. Im Klartext: Sie zei-
gen sich erfreut über die besondere Anerkennung der 
Mutterrolle, die unter dem Regime eines bedingungslo-
sen Grundeinkommens ermöglicht wird. Frauen hätten 
nämlich für die Sorgebeziehungen „auf Grund ihrer 
Leiberfahrung“ eine höhere Sensibilität. Man muss 
den Autoren für diese wenig diskutierte Facette des 
bedingungslosen Grundeinkommens dankbar sein. Sie 
liefern ungewollt einen weiteren Beweis dafür, dass 
das bedingungslose Grundeinkommen eine prä- oder 
postmoderne, gemütliche und biedermeierhafte Gesell-
schaft mit einem hohen Stellenwert der Gemeinschaften 
und mit dem Ziel von Selbstverwirklichung in Nischen 
abstützen soll. Es zeigt sich, dass für die Befürworter 
des bedingungslosen Grundeinkommens eine moderne 
Arbeitsgesellschaft mit ihrer hohen Komplexität und 
ihren hohen Anforderungen unerwünscht ist.
Als besonders spannenden Teil des Bandes habe 
ich den Abdruck der Podiumsdiskussion empfunden. 
Hier werden einige der vorab präsentierten Thesen 
(etwa durch Christoph Klein) auf ihre Widersprüche 
und ihre Realisierbarkeit hin kritisch hinterfragt. Gera-
de der bedingungslosen Grundeinkommensidee, die 
zunehmend als Patentlösung für nahezu alle Probleme 
herhalten muss, wird damit ein Rendezvous mit der 
Realität offeriert. Hoffentlich nicht vergebens.
KLAUS FIRLEI (SALZBURG)
BUCHBESPRECHUNGEN
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.