Full text: Nachverdichtung (1)

INTERVIEW 
Alltags-ExpertInnen der Stadt 
Welche Konflikte tauchen bei 
Nachverdichtungsprojekten 
auf? Die Städte gehören 
weder Politik und Verwaltung 
noch lautstarken Bürgergrup-
pen oder Investoren mit einsei-
tigen Besitzansprüchen. Inter-
essenkonflikte gibt es daher 
auf mehreren Ebenen: Ganz 
grundsätzlich gegenüber ste-
hen sich Private und Wohn-
baugesellschaften mit Bau-
land-Besitz auf der einen und 
BestandsmieterInnen und 
Anrainende auf der anderen 
Seite. Immer häufiger zeigt 
sich auch der Konflikt zwi-
schen notwendiger Sanierung 
und den Interessen der Altein-
gesessenen, die zunehmend 
jegliche Veränderung im unmit-
telbaren Umfeld kategorisch 
ablehnen. Themen sind außer-
dem der Schutz allgemeiner 
Grünflächen, die Verteidigung 
von Parkplätzen und oft auch 
die Angst vor Zuziehenden. 
Die Konfliktlinien verlaufen 
auch zwischen Wohnversorg-
ten und Wohnungssuchenden 
sowie wirtschaftlich zwischen 
möglichst hoher Rendite und 
der Leistbarkeit des Wohnens 
für Einkommensschwache. 
Wie lassen sich Konflikte 
lösen? Unabdingbare Voraus-
setzungen sind Glaubwürdig-
keit und Fairness sowie eine 
klare Linie bei Stadtplanung 
und Politik. Um Interessen-
konflikte vernünftig lösen 
zu können, ist vor allem 
eine transparente, 
ehrliche Kommunika-
tion der geplanten 
Bauvorhaben not-
wendig. Weiters bedarf es 
einer möglichst frühzeitigen 
und umfassenden Information 
und Einbindung der Betroffe-
nen. Last not least muss auch 
ein konkreter, nachvollziehba-
rer Mehrwert für die Betroffe-
nen gegeben sein. 
Wie können BewohnerInnen 
den Prozess mitgestalten? 
Die Bewohnerinnen und 
Bewohner sind die Alltags-
ExpertInnen der gelebten 
Stadträume. Ihre Beteiligung 
gelingt durch frühes, alle 
gesellschaftlichen Gruppen 
einbeziehendes „Change 
Management“. Anlassbezoge-
ne Öffentlichkeitsarbeit, wenn 
faktisch schon alles entschie-
den ist, bringt nichts.
Wie kann man sich einen 
Beteiligungsprozess vorstel-
len? BürgerInnen an gesell-
schaftlichen Entscheidungs-
prozessen aktiv zu beteiligen, 
ist ein Grundrecht und wird 
sowohl von der Verfassung als 
auch von der Leipzig-Charta 
eingefordert. Sie konkretisiert 
das „Modell der europäischen 
Stadt am Anfang des 21. Jahr-
hunderts“, indem sie Werte wie 
Mit- und Selbstbestimmung 
propagiert. Die Charta setzt 
sich für Durch mischung, sozia-
le Integration und mehr öffent-
lichen Raum ein. Vorgeschla-
gen wird darin, dass alle 
Ansprüche an die Stadtent-
wicklung gerecht abgewogen 
werden. Das ist natürlich Theo-
rie. Die Praxis ist gezeichnet 
von den Mühen der Ebene des 
demokratischen Handelns.
AK Stadt · Seite 11 wien.arbeiterkammer.at/meinestadt
Mit seinem Team von wohnbund:consult berät, organi-
siert und forscht Raimund Gutmann zu den Themen 
Stadtentwicklung und sozialem Wohnungsbau.
sche Dienststelle, die bauliche Ergänzung 
als wichtigen Lösungsansatz forciert, sollte 
sich der Thematik annehmen.
Ein optimiertes Flächenmanagement der 
Stadt und bei den Wohnbauträgern, eine 
grundsätzliche Evaluierung und Potenzial-
prüfung im Falle einer Objektsanierung und 
die Entwicklung von nachvollziehbaren 
Rahmenbedingungen bei städtebaulichen 
Verträgen könnten erste wichtige Hand-
lungsstränge zur Unterstützung gesamt-
städtischer Zielvorstellungen sein.
Qualität verbessern
Qualitätsvolle Dichte muss das Ziel sein. 
Gebiete mit zunehmender Dichte müssen 
vor allem qualitativ gestärkt werden, wie 
beispielsweise durch Zielvorgaben beim 
Verhältnis von Wohnungsanzahl zu einem 
attraktiven öffentlichen Raum als Aus-
gleich. Bauliche Ergänzung könnte jeden-
falls  einen wichtigen Beitrag zur Reali-
sierung von leistbarem Wohnraum darstel-
len. Es geht darum, alle Möglichkeiten zu 
nutzen, um dem neuen Wohnbedarf zu 
ent sprechen und mit ausreichend leistba-
rem Wohnraum zu versorgen.
Dr. Raimund Gutmann ist Firmenin haber des unabhängi-
gen Büros wohnbund:consult und im Beirat der IBA-Wien 
– Neues soziales Wohnen sowie Coautor der AK Studie 
„Leistbaren Wohnraum schaffen – Stadt weiter bauen“. 
Argumente  müssen nachvollziehbar und 
anschaulich kommuniziert werden. 
Befürchtungen ernst nehmen!
Die Verbauung der Aussicht ist mit 80 Prozent 
bei Weitem die größte Befürchtung der 
 Alt-MieterInnen bei Nachver dichtungen. Etwa 
die Hälfte gibt an, sich Sorgen zu machen, 
dass Kfz-Stellplatze und Grün fläche verloren 
gehen. 41 Prozent ängstigen sich vor Zu - 
ziehenden, und etwa ein Drittel mutmaßt 
 steigende Wohnkosten.
80 Prozent
        

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