Full text: 40 Jahre 40-Stunden-Woche in Österreich. Und jetzt? (18)

22 Die Arbeitszeitverkürzung selbst – sie dauerte ja fünf Jahre – war sicher ein wichtiges Ereignis. Aber die Diskussionen über die Arbeitszeit im Allgemeinen und über Lohnarbeit im Besonde- ren sind für mich der Anfang einer Politisierung, die bis heute andauert. Die Arbeit und die Arbeitszeit waren damals für mich etwas Selbstverständliches, Unumstößliches gleichsam Schicksalhaftes. Der kritische Umgang mit diesen „Selbstverständlichkeiten“ erschütterte mein bisheriges Weltbild grundlegend. Plötzlich war Arbeitszeit enteignete Lebenszeit, Zeit der Entfremdung und gleichzeitig der Versuch der Selbstverwirklichung. Arbeitszeit war Herr- schaftsinstrument und ihre Verkürzung Emanzipationsziel. Da wurde mir klar, dass der Mensch seine Geschichte selbst macht, wenngleich unter vorge- fundenen Bedingungen. Das hieß für mich: Ich bin keinem unumstößlichen Schicksal ausge- liefert, ich kann die gesellschaftlichen Verhältnisse beeinflussen und mitgestalten! Die vorgefundenen gesellschaftlichen Verhältnisse waren eine bürgerliche Demokratie – das heißt, die Demokratie endete vor dem Fabriks- bzw. Bürogebäude! Im politischen Bereich konnte ich meine Vorgesetzten wählen, im wirtschaftlichen Bereich wurden sie mir vorgesetzt. Die Fragen „Wie demokratisch kann ein Mensch sein, der acht Stunden in undemokratischen Verhältnissen lebt?“ und „Was bedeutet das für die sogenannte Freizeit?“ wurden heftig dis- kutiert. Mitbestimmung wurde auf eine neue gesetzliche Grundlage gehoben und verstand sich als ein Hebel zur gesellschaftlichen Veränderung und als Einschränkung der Verfügungsgewalt der Eigentümer der Produktionsmittel. Mit meinen Erinnerungen versuche ich, eine damals allgemein herrschende Aufbruchstim- mung wiederzugeben. Eine Erfahrung aus meiner langjährigen politischen Tätigkeit: Erkenntnisse sind eine unab- dingbare Voraussetzung zur Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse, sie bleiben aber fol- genlos, wenn ihre emanzipatorischen Inhalte nicht erkämpft werden! Wer kämpft, kann verlie- ren, aber wer nicht kämpft, hat schon verloren. Danke für die Einladung!

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.