Full text: Smart cities (21)

SMART CITIES 72 ARBEITERKAMMER WIEN Edward Glaeser, Städte seien ohnehin nur soziale Suchmaschinen, die dazu dienten, Menschen mit ähnlichen Interessen zusammenzubringen. Das aber ist bekanntlich Googles Kerngeschäft. Sidewalk-Chef Dan Doc- toroff jedenfalls ist sicher: „Wir stehen am Anfang einer historischen Ver- wandlung unserer Städte.“ Wohin sie führen wird, bewegt auch den Städte- planer Mark Elliott, der für Melbourne einen Zukunftsplan entworfen hat. Er stellt sich vor, dass aus verkehrsreichen Straßen bald sichere Orte für Fuß- gänger werden könnten. „Man könnte über einen belebten Highway gehen, ohne den Verkehr zu unterbrechen, wenn die autonomen Fahrzeuge und die mit ihnen verbundenen Netzwerke sich der Annäherung durch Passan- ten bewusst wären und schon im Voraus ihre Fahrweise anpassten.“ Google lotst uns mit seiner Navigationssoftware längst an Geschäften vor- bei, die mit unseren Präferenzen korrespondieren – und am meisten für Werbung bezahlen. Der Internetkonzern steuert nicht nur das Suchverhalten im Netz, sondern auch im realen Raum. (…) Was bedeutet das für ihre Bewohner? Tatsächlich könnten Sensoren jede Aktivität erfassen und lückenlose Bewegungsprofile erstellen. Der Städte- planer Mark Elliott sagt: „Google könnte Kalendereinträge und E-Mails aus- werten, um Reiserouten zu erstellen, und so den Verkehr optimieren.“ Inter- netfähige Geräte im Smart Home könnten den Stromverbrauch an den Energieversorger weiterleiten, der die Daten wiederum mit den Behörden teilt. Was daraus folge? „Die googlianischen Möglichkeiten erfordern Ver- trauen in das System – und dass Daten nicht nur mit Google geteilt werden, sondern auch mit Dritten, mit denen Google kooperiert“, so Elliott. Dass der Netzkonzern nicht am Gemeinwohl, sondern an Profit interessiert ist, liegt auf der Hand. In einigen amerikanischen Städten wie Kansas City, in denen Google Glasfaserkabel installiert hat, zahlen die Einwohner für In- ternet plus Fernsehen 130 Dollar im Monat. Wer das nicht aufbringen kann, schaut in die Röhre. Das befeuert die Sorge, dass ärmere Viertel von der di- gitalen Infrastruktur abgeschnitten werden könnten und ein Internet der zwei Geschwindigkeiten sich durchsetzen wird. Google will bei Kunden seines Glasfaser-Dienstes in Kansas das Tracking von Sehgewohnheiten testen, um maßgeschneiderte Werbespots spielen zu können. Wer Googles Diens- te nutzt, zahlt mit Geld oder Daten. Das aber widerspricht dem demokrati- schen Bild einer Stadt, in der die Infrastruktur allen Bürgern zugänglich und politische Partizipation kostenlos ist. Googles Idealstadt wäre vor allem eine Investorenstadt und ein Labor der Subjektivität, in dem das Individuum so berechenbar wird wie der Stromverbrauch.

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