Full text: Zur Zukunft von Arbeit und Wohlfahrtsstaat (19)

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hung zueinander. Auf der einen Seite findet „Vereinbarkeit“ unter extremer Belastung und 
Selbsteinschränkung statt und ist typischerweise nur umsetzbar, wenn es ein – privates und/
oder professionelles – Netzwerk gibt, das Unterstützung leistet. Auf der anderen Seite ist die 
Erwerbsarbeit nicht notwendigerweise eine Frage der „Vereinbarkeit“, sondern auch ein Ort 
der Bereicherung und Anerkennung, der als Ausgleich zur Pflegesituation erlebt wird. In man-
chen Fällen macht tatsächlich die Erwerbstätigkeit das Leisten der informellen Pflege und 
Betreuung erst möglich; in anderen Fällen fungiert sie als Mittel, um den Anforderungen aus 
dem Pflegenetzwerk Grenzen zu setzen. Vielfach ist Erwerbsarbeit auch eine Frage der finan-
ziellen Notwendigkeit bzw. Unabhängigkeit. Besonders hervorzuheben ist die Gruppe der 
Pflegenden in mittlerem Alter, bei denen Angst vor Jobverlust und niedriger Pension ein star-
kes Motiv für die Erwerbstätigkeit – und eine zusätzliche Belastung – darstellt (vgl. ebenda). 
Aus diesen und weiteren Gründen wird die „Vereinbarkeit“ von Erwerbstätigkeit und Angehö-
rigenpflege ein Zukunftsthema in der Langzeitpflegepolitik sein – oder sollte es werden. Pfle-
gende Angehörige sind auf ihre Erwerbsarbeit zum Teil angewiesen, etwa finanziell, oder 
möchten sie nicht unterbrechen oder aufgeben, da sie ihnen wichtig ist oder gerade in der 
Pflegesituation einen unverzichtbaren Ausgleich bietet (vgl. ebenda). 
Zudem ist die Pflege zu Hause bzw. im familiären Rahmen weiterhin stark erwünscht, sowohl 
von Pflegebedürftigen als auch von Angehörigen. Erhebungen zu Einstellungen gegenüber 
Angehörigenpflege (vgl. Majce 2008; Kohli et al. 2005, 170; Haberkern/Szydlik 2008, 92  f.) 
weisen gemeinsam mit Ergebnissen des vorliegenden Projektes auf folgendes Zwischenfazit 
hin (vgl. Mairhuber/Sardadvar 2017a, 30): Das Problem in Österreich scheint derzeit weniger 
die Abnahme der Bereitschaft zur Übernahme von Angehörigenpflege zu sein als die Zunah-
me des Pflegebedarfes. Hier macht es die steigende Erwerbsbeteiligung von Frauen, auch 
aufgrund von Pensionsreformen, die einen längeren Verbleib im Erwerbsleben nach sich zie-
hen, zunehmend schwierig, die Bereitschaft in eine faktische Unterstützung umzuwandeln 
(vgl. Beham/Zartler 2010, 388).
Gegenwärtig sind die Rahmenbedingungen der Langzeitpflege auf eine Gleichzeitigkeit von 
Erwerbs- und Pflegearbeit aber nicht ausgerichtet. In dieser Situation geht die sogenannte 
Vereinbarkeit zulasten von Lebensqualität, Erholung, Freizeit und Autonomie (vgl. Sardadvar/
Mairhuber 2018 [im Erscheinen]). Es besteht generell ein Mangel an leistbaren, akzeptierten 
und qualitativ hochwertigen teilstationären und ambulanten Betreuungs- und Pflegedienst-
leistungsangeboten. Im Besonderen klafft eine Lücke zwischen umfassender stationärer Be-
treuung oder 24-Stunden-Betreuung und stundenweiser Betreuung durch mobile Dienste (vgl. 
Mairhuber/Sardadvar 2017a). 
Die Forschung im vorliegenden Projekt hat auch gezeigt, dass in der Praxis unterschiedlichs-
te Facetten der Betreuung und Pflege geleistet werden (vgl. ebenda): von Hausarbeit über 
Betreuungsmanagement und „einfach da sein“ bis zu Körperpflege sowie medizinischer Ver-
sorgung und Pflege. Angehörige, die Pflege übernehmen, definieren sich dabei jedoch nicht 
immer als „pflegende Angehörige“ – vor allem am Beginn der Übernahme von Pflege (vgl. 
auch Schneider et al. 2016, 225). Umgekehrt können auch Tätigkeiten, die unter Angehörigen-
pflege nicht unbedingt erfasst werden, sehr zeitintensiv sein – etwa die Übernahme von „nur“ 
Haushaltsarbeit, das Gesellschaftleisten oder auch tägliche Besuche, wenn eine Person in 
einem Pflegeheim untergebracht ist. Entsprechend vielfältig und niederschwellig müssten die 
Unterstützungsangebote sein; entsprechend offen und an den empirischen Realitäten ausge-
richtet sollte auch die Definition pflegender oder betreuender Angehöriger sein.
        

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