Full text: Vergleich europäischer Systeme der Wasserversorgung und Abwasserentsorgung (197a)

schafteten Gewinne tatsächlich besteuert wird. Matt (2017) schätzt, dass Veolia durch die An-
wendung von Gruppenbesteuerungssystemen in Frankreich, den USA und im Vereinigten König-
reich seit 2001 rund 2,7 Mrd. EUR an Steuern gespart hat, davon alleine 572 Mio. EUR im Zeitraum 
2012–2016. Die Gruppenbesteuerung impliziert, dass die Töchterunternehmen im Rahmen der 
Gruppenbesteuerung ihre Steuerlast individuell berechnen und an das Mutterunternehmen abfüh-
ren, was insb. dann interessant ist, wenn einige der Töchter Verluste machen, die gegenüber Ge-
winnen anderer Töchter geltend gemacht werden können. Die 2001 von Veolia Environment in 
Frankreich etablierte Gruppenbesteuerung hat bis 2016 einen aggregierten Verlust von 3,6 Mrd. 
EUR angehäuft. Die Nettogewinne der Töchter, die Teil der französischen Gruppenbesteuerung 
sind, bewegen sich zwischen 300 und 600 Mio. EUR pro Jahr. Das legt nahe, dass fast der gesamte 
Gewinn, den Veolia und seine Töchter in Frankreich erwirtschaften, in den nächsten zehn Jahren 
nicht besteuert wird. Das Schema ist legal und ermöglicht es Veolia Environment die Steuern in 
Frankreich drastisch zu senken, obwohl es operativ/buchhalterisch in Frankreich Gewinne erwirt-
schaftet. Darüber hinaus weist die Studie auf die Notwendigkeit erhöhter Transparenz- und Be-
richtspflichten hin. Denn obwohl Veolia Environment mehr als 2.728 Töchter hat, gibt es nur für 
etwa 100 davon öffentich zugängliche Informationen. Dies ist umso kritischer einzuschätzen als 
Veolia Environment in Frankreich und zudem in zentralen Bereichen der Daseinsvorsorge agiert, die 
im wesentlichen staatlich garantierte Monopole darstellen und bei denen der Staat eine implizite 
Garantie für das Funktionieren dieser zentralen Infrastrukturen übernimmt. 
 
Angesichts zahlreicher politischer Initiativen auf unterschiedlicher Ebene – von den G20 bis zur na-
tionalen Ebene – gewinnt die Auseinandersetzung um die Finanzialisierung von Infrastrukturen und 
ihren potentiellen Folgen an Bedeutung. Die theoretischen und empirischen Befunde aus der mitt-
lerweile recht ausdifferenzierten Finanzialisierungsliteratur weisen auf einige potentielle Problemfel-
der hin, die im Falle von zentralen Infrastrukturen der Daseinsvorsorge noch größere Bedeutung 
haben dürften.  
Auf Basis dieser Zusammenschau kann geschlossen werden, dass die „Finanzialisierung“ auch bei 
den führenden internationalen Wasserkonzernen seit den 2000er Jahren im Zusammenhang mit 
der strategischen Neuausrichtung und dem finanziellen Engagement von FinanzinvestorInnen Ein-
zug gehalten hat (für den spanischen Konzern AGBAR siehe March und Purcell 2014). Dies zeigt 
sich nicht nur an der zunehmenden Bedeutung von Finanzgeschäften und konzerninternen Mit-
telflüssen für den Unternehmenserfolg, sondern auch an der steigenden Verschuldung, die 
häufig zur Finanzierung von Ausschüttungen an AktionärInnen dienen. Zu betonen ist, dass – 
wie in Kapitel 2.1 ausgeführt – Infrastrukturen, die mit spezifischen ökonomischen Eigenschaften 
verknüpft sind, ein starkes staatliches Engagement – im Sinne der Daseinsvorsorge, zumindest aber 
stark reguliert – nahelegen. Die Diskussion um das Phänomen der Finanzialisierung und die hier 
kurz beschriebenen Entwicklungen zeigen, dass Finanzkonstruktionen und Finanzmarktlogiken die 
Qualität, Leistbarkeit und Versorgungssicherheit v.a. im Bereich der lebensnotwendigen und ohne 
Substitutionsmöglichkeiten bestehenden Daseinsvorsorge langfristig gefährden können: Kurzfristige 
Gewinnerwartungen werden mit der mittel- und langfristigen Abschreibung der Anlagen bezahlt. 
Staatliche Eingriffe werden – da die Anlagen nicht erhalten werden können oder die Unternehmen 
durch Krisen oder Nachfrage- und Angebotsverschiebungen auf den Finanzmärkten in wirtschaftli-
che Probleme geraten – wiederum notwendig, um eine entsprechende Versorgung der BürgerInnen 
zu gewährleisten. Somit sind entweder direkte staatliche Eingriffe essentiell, die mittelbar (z.B. bei 
Banken oder Versorgungsunternehmen in staatlichen Eigentum) wiederum den BürgerInnen ent-
        

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