Full text: Neoliberale Union oder soziales Europa? (20)

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setzt, armutsgefährdet zu sein wie der/die durchschnittliche BürgerIn in der EU-27. Der Ver-
gleich mit dem Jahr 2008 zeigt einmal mehr, dass vor allem für Haushalte mit Kindern die 
Gefährdung zugenommen hat. Lediglich bei den Haushalten von Alleinerziehenden kann ein 
Minus von 1,4 Prozentpunkten in der Neun-Jahres-Periode als Fortschritt vermerkt werden.
Ein Merkmal, das das Armutsgefährdungsrisiko deutlich beeinflusst, ist die Herkunft. So zeigt 
sich etwa für den EU-Raum, dass StaatsbürgerInnen ab 18 Jahren, die in ihrem eigenen Land 
leben, im Jahr 2016 mit 15,5 % ein unterdurchschnittliches Armutsgefährdungsrisiko aufwei-
sen. EU-BürgerInnen, die in einem anderen EU-Land leben, sind demgegenüber mit 22,3 % 
schon überdurchschnittlich häufig von Armutsgefährdung betroffen. Bei Personen, die zwar in 
der EU leben, aber die Staatsbürgerschaft eines Drittstaates innehaben, ist die Wahrscheinlich-
keit, von Armutsgefährdung betroffen zu sein, mit 38,8 % noch einmal deutlich höher. Bei Letz-
teren hat sich das Risiko übrigens seit 2009 (+ 3,3 Prozentpunkte) – im Vergleich zu den ersten 
beiden Gruppen (+0,5 und +0,7 Prozentpunkte) – im Zeitverlauf überproportional erhöht. 
Dass eine gute Ausbildung ein guter Schutz gegen Armutsgefährdung ist, untermauert die 
empirische Evidenz deutlich: Eine nicht über die Pflichtschulausbildung hinausgehende Aus-
bildung korreliert deutlich häufiger mit Armutsgefährdung als eine höhere Bildung oder gar ein 
Tertiärabschluss. Für 2016 liegen die entsprechenden Quoten bei 25,5 %, 15,1 % und 8,2 %. 
Zwar erhöhte sich diese Quote seit 2008 für alle drei Gruppen. Der Anstieg bei jenen mit einem 
Tertiärabschluss fiel allerdings etwas geringer aus (+1,6 Prozentpunkte vs. +2 Prozentpunkte 
bei höherem Schulabschluss und +2,1 Prozentpunkte bei Pflichtschulabschluss). Mit dem 
Ausbildungsniveau eng in Zusammenhang stehend zeigt sich für 2016 generell eine deutlich 
geringere Armutsgefährdung von Personen, die überwiegend erwerbstätig sind (9,6 %), ge-
genüber jenen, die überwiegend keiner Erwerbstätigkeit nachgehen (48,7  %). Wiederum 
mussten beide Gruppen im Vergleich zu 2008 Verschlechterungen im Hinblick auf die Ent-
wicklung ihrer Armutsgefährdung hinnehmen. Der Anteil der armutsgefährdeten Erwerbstäti-
gen stieg allerdings „nur“ um einen Prozentpunkt an (von 8,6 % auf 9,6 %), der Anteil der Er-
werbslosen allerdings um 3,8 Prozentpunkte (von 44,9 % auf 48,7 %). 
Diese Informationen und Entwicklungen zeigen deutlich, dass sich bislang – trotz ambitionier-
ter Armutsbekämpfungsziele – auf Ebene der EU nicht nur kein Erfolg eingestellt hat, sondern 
die Anzahl der von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedrohten Menschen seit 2008 sogar 
zugenommen hat. Das gilt insbesondere für Personengruppen, die bereits 2008 von einer 
höheren Armutsgefährdungsquote betroffen waren als der Durchschnitt. Damit ist die Errei-
chung des entsprechenden Europa-2020-Ziels mehr als unwahrscheinlich. 
„Schuld“ daran wird vielen Einflussfaktoren gegeben, nicht zuletzt der Wirtschafts- und Fi-
nanzkrise von 2008/2009 und der darauffolgenden fiskalischen Krise in vielen Mitgliedstaaten 
der EU – mit entsprechend engen budgetären Handlungsspielräumen. Schließlich sind etliche 
Länder der EU auch noch mit den Konsequenzen der Flucht- und Migrationskrise des Jahres 
2015 beschäftigt – und damit auch mit einer Bevölkerungsgruppe, die insbesondere in den 
reicheren Mitgliedsländern eher zur Armutspopulation gezählt werden muss. 
Auch wenn die ökonomischen Rahmenbedingungen der letzten Jahre zweifellos schwierig 
waren, wird der politische Kampf gegen Armut und soziale Ausgrenzung auf EU-Ebene 
schlicht zu wenig vehement betrieben, nicht zuletzt weil andere Agenden, vor allem ökonomi-
sche Ziele, Vorrang genießen. Etliche Länder der EU schlitterten etwa durch die mit den Struk-
turanpassungsprogrammen verbundenen Auflagen noch tiefer in eine Arbeitsmarktkrise – mit 
dramatischen Zuwächsen vor allem bei der Arbeitslosigkeit von jungen Erwachsenen.
        

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