Full text: Europäischer Pakt für sozialen Fortschritt

   88 „Sozialen Fortschrittsprotokoll“ des EGB angelegte Anliegen eingelöst. Mitgliedstaatliche  Gestaltungen  von  Gemeinwohl  und  sozialem  Ausgleich  jenseits  von  Regelungen  im  Rahmen der mitgliedstaatlichen Arbeits? und Sozialverfassung blieben aber erschwert.  15. Mit Blick auf die Interessen der abhängig Beschäftigten in der Union ist es sehr dringlich,  die  mitgliedstaatliche  Arbeits?  und  Sozialverfassung  vom  Anwendungsbereich  des  Wettbewerbsrechts  und  von  sanktionierten Vorgaben  im Rahmen makroökonomischer  Überwachung zur Stabilisierung des Euro auszunehmen.  16. Der  Grundsatz  territorialer  Arbeitskostengleichheit,  den  die  Formel  „gleicher  Lohn  für  gleiche Arbeit am gleichen Ort“ zum Ausdruck bringt, ist zentral um einen transnationalen  Wettbewerb zu hindern, der allein auf der Basis von Arbeitskosten ausgetragen wird. Dies  ist  die  Voraussetzung  dafür,  dass  die  in  den  Mitgliedstaaten  lang  erreichte  oder  sich  immerhin  langsam  entwickelnde  Sozialstaatlichkeit  unter  der  Bedingung  des  Binnenmarktes fortbestehen kann.  17. Die  Marktfreiheiten  sowie  geltendes  Sekundärrecht  (Richtlinie  zur  Arbeitnehmerentsendung, Verordnung zur Koordinierung der Systeme sozialer Sicherheit)  setzen der Verwirklichung des Grundsatzes territorialer Arbeitskostengleichheit rechtliche  Grenzen. Denn zum einen verlangt der Grundsatz teilweise offene Ungleichbehandlungen,  die  die Marktfreiheiten  auch  nach  einem Rückbau  zu Gleichbehandlungsgeboten  nicht  gestatten würden. Zum anderen stehen sekundärrechtliche Regeln entgegen, bei deren  Erlass  die Bedeutung des Grundsatzes  territorialer Arbeitskostengleichheit  nicht  richtig  erkannt wurde.  18. Abhilfe  verspricht  eine  primärrechtliche  Verankerung  des  Grundsatzes  territorialer  Arbeitskostengleichheit  als Rechtfertigungsgrund  für offene Ungleichbehandlungen.  Sie  ist den bereits vorhandenen Rechtfertigungsgründen für offene Ungleichbehandlungen an  die  Seite  zu  stellen,  die  nach  geltendem  Primärrecht  für  jede  der  Marktfreiheiten  vorgesehen  ist  (Art.  36,  52 Abs.  1,  62,  65 Abs.  1  b) AEUV). Um auch die  fehljustierten  sekundärrechtlichen  Regelungen  zu  korrigieren,  müsste  den  Mitgliedstaaten  im Wege  einer Protokollerklärung Abweichungen von diesen Regelungen gestattet werden, soweit  sie dazu dienen, den Grundsatz territorialer Arbeitskostengleichheit zu verwirklichen.  19. Die  Fallstudien  zu  den  sensiblen  Feldern  der  Tarifautonomie,  der  staatlichen  Unternehmenskontrolle  durch  „goldene  Aktien“  und  der  Arbeitnehmerentsendung  belegen,  dass  der  vorgeschlagene  umfassende  Rückbau  der  Marktfreiheiten  zu 

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