Full text: Solidarität - Juli 1953, Heft 194 (194)

Sengend brennt die Mittagssonne aut die weiten Gärtenfiächen der Simmeringer Heide in Wien. Auf den Gemüsefeldern verrichten Männer und Frauen mit schweißtriefenden Stirnen ihr schweres Tagewerk. Salaternte! Aber es ist eine ganz seltsame Ernte, die wir da zu sehen bekommen. Die schon hoch ausgewachsenen Salathäupteln werden Stück für Stück mit flinken Händen abge- schnitten, in große Schubkarren geworfen und auf einen am Rande des Feldes gelegenen Mist¬ haufen geführt. Ja, Sie haben schon ganz richtig gelesen, liebe Kolleginnen und Kollegen ... auf einen Mist¬ haufen geführt und zu den dort schon meterhoch auigehäuften, halbverfaulten anderen Salat¬ häupteln geworfen. Stundenlang dauert diese sinnlose Arbeit; die Frucht schwerer, fleißiger Gartenarbeit wandert Fuhre um Fuhre auf den Düngerhaufen. Drüben bei den großen Kohlrüben¬ feldern geschieht dasselbe. Die zarten, hellgrünen Rüben, die auf den Märkten 40 bis 50 Groschen das Stück kosten, verfaulen auf den Misthaufen der Simmeringer Heide und der riesigen Gemüse¬ gärten von Kagran zusammen mit hunderttausenden Salathäupteln, während in den Töpfen und Schüsseln vieler Familien vitaminreiches Gemüse und erfrischender Salat zu wenig werden. n Gewinne ohne Grenzen Auf dem Lagerplatz der Gemüse- und Obstverwertungs¬ gesellschaft in Simmering herrscht ein reger Betrieb. Hoch- beiadene Pferdefuhrwerke und Lastautos bringen von den Gärtnereien das frischgeerntete Gemüse zum Verkauf an die Großhändler. Und hier kann man nun die widerwär¬ tigste Auswirkung eines Kartellsystems erleben, das um des Profites willen nicht davor zurückscheut, wertvolle Lebensmittel der Vernichtung preiszugeben. „Der Salat wird heute gar nicht .gedruckt' ", ruft ein Gärtner einem mit einer riesigen Fuhre Salat ankommenden Kollegen zu. Nicht, „gedruckt", das heißt, die Großhändler verweigern mit der Begründung, der Markt ist „gesättigt", die Über¬ nahme des frischen, Vollreifen Salates. Würden sich diese Händler, von denen kein einziger wahrs’cheinlich jemals eine Pflanze gesetzt hat, oder seinen Rücken in aufreibender Feldarbeit krümmen mußte, mit einem angemessenen Handelsgewinn begnügen, dann würde das Häuptel Salat, das sie den Gärtnern um 10 Groschen abnehmen, beim Grünzeughändler höchstens 20 Groschen kosten. Dann würde der Markt aber auch nicht „gesättigt" sein, denn die Hausfrauen könnten um einen Schilling nicht zwei, sondern fünf Häuptel Salat kaufen. „Als eine Kohlrübe am Markt 60 Groschen gekostet hat, habn uns die Großhändler 10 Groschen für das Stück ge¬ geben, und für ein großes Büschel Dillenkraut auch nur 10 Groschen. Dasselbe Büschel haben sie dann am Nasch¬ markt an die Detaillisten um zwei Schilling verkauft. Das berichtet uns der Gärtnersohn Albert L., und die anderen Gärtnereiarbeiter, die von allen Seiten herbeikommen, um sich bei uns über den Preisdruck der Gemüsegroß- händier zu beklagen, bestätigen seine Angaben. Um die hohen Marktpreise zu halten, kaufen die Großhändler das Häuptel Salat um nicht einmal 8 Groschen. Die ganze Salaternte wandert auf den Düngerhaufen. Die schwere Arbeit vieler Wochen war umsonst. Viele Gärtner warten oft mit ihren Salatfuhren vergeblich auf ein Angebot. Der Salat wird nicht „gedruckt", das heißt, die Großhändler verweigern die Übernahme der Ware, um den Preis hochzuhallen. Vernichtung im gtoßen Am Naschmarkt in Wien sind die Salathäupteln und Kohlrüben zu Bergen aufgeschlichtet und warten auf Käufer. Im Lagerhof der Gemüse- und Obstverwertungsgesellschaft auf der Simmeringer Heide wird der nicht¬ verkäufliche Salat aus großen Last¬ kraftwagen abgeladen, auf einen Strohhaufen geworfen und mit dem Stroh zu Dünger verarbeitet. Und die Ursache dieser sinnlosen aufreizenden Handlungsweise . . .? Einige Großhänd¬ ler haben kartellartige Vereinbarun¬ gen getroffen, auf Grund deren sie unter einer Handelsspanne von 400 bis 500 Prozent nicht „arbeiten“. Auf den Lagerplätzen der Gemüse- und Obstverweitungsgesellschaft auf der Simmeringer Heide werden hunderttausende Häuptel Salat abgeladen und zu Dünger verarbeitet. Handelsspannen von 120 bis 150 Prozent sind den Großhändlern zu wenig. Genau so wie man ihre Praktiken mit den Kopplungsverkäufen kennt, bei denen sie den kleinen Gemüse¬ händlern schwer verkäufliche Bana¬ nen und Dörrpflaumen aufzwingen, genau so weiß man auch, worauf sich die Herren heuer bei der Preisgestal¬ tung des Salates ausreden. ln Oberösterreich, Salzburg und Steiermark wurde heuer mehr Salat geerntet als bisher. Diese Länder kommen als Entlastung für den Wie¬ ner Markt nicht mehr in Frage. Auch haben die burgenländischen Salat¬ bauern heuer ihre Ware eine Woche länger nach Wien geliefert. Wien hat also ein Überangebot an Salat. Wer nun annimmt, daß der Salat dadurch logischerweise billiger werden müßte, der rechnet nicht mit der Profitgier mancher Gemüsegroßhändler. Ihre Funktion wäre es, die Preise der ge¬ gebenen Marktlage nun richtig, das heißt, zugunsten der Konsumenten, zu regulieren. Sie denken aber gar nicht daran. Ihr Zwischenhandel bringt auch funktionslos Hunderte von Prozente Gewinn. Salat und Gemüse verfaulen zu lassen, ist außerdem viel einfacher. Im Punkt 9 und 10 des wirtschaft¬ lichen Forderungsprogramms, mit dem sich der Bundesvorstand des österrei¬ chischen Gewerkschaftsbundes am 3. April 1952 an die Regierung wandte, heißt es unter anderem: „Die Lebens¬ haltung der Arbeiter und Angestellten verträgt keine neuen Belastungen. Um die erzielten Erfolge der Preissenkun- Seite 4 Nr. 194 SOLIDARITÄT, Bild oben: Bei normalen Handels¬ spannen hätte das Häuptel Salat an dem Tag, da diese Frau am Wiener Naschmarkt ihre Einkäufe besorgte, 20 Groschen kosten müssen. Es kostete aber 50 und 60 Groschen. Bild unten: Der Markt ist „gesättigt“, sagen die Großhändler. Kommentar überflüssig. gen sicherzustellen gnd weitere Er¬ folge zu erreichen, fordert der Ge¬ werkschaftsbund die gesetzliche Ein¬ führung amtlicher Preisbegutachtungs¬ kommissionen zur Kontrolle der Preise und zur Bekämpfung der Preisdiktate der Monopole und Kartelle. Ferner for¬ dert der Gewerkschaftsbund mit allem Nachdruck Schutzbestimmungen für wettbewerbswillige Händler und Pro¬ duzenten,“ Unter dem Druck der empörten Öffentlichkeit konnten zwar heuer beim Gemüseverkauf weitere Preis- e>;zesse verhindert werden, aber es müssen gesetzliche Maßnahmen ge¬ troffen werden, um in Zukunft die Vernichtung von Lebensmitteln aus Profitgründen auf alle Fälle unmög¬ lich zu machen. Die Preisgestaltung des Obst- und Gemüsegroßhandels ist so faul, wie der weggeworfene Salat auf den Mist¬ haufen der Simmeringer Heide. Die Gesetzgebung schütze endlich die " Konsumentenschaft vor diesen Preis¬ diktatoren. , f. n. Eigentümer und Herausgeber: österreichischer Gewerkschaftsbund. Verleger: Verlag des österreichischen Gewerkschaftsbundes. Chef¬ redakteur: Fritz Kiennet Verantwortlicher Redakteur: Karl Franta. Für die Bildbeilage verantwortlich: Fritz Konir. Gestaltung der Bildbeilage: August Makart Alle Wien, (., Hohenstaufengasse 10—12. Druck: Waldheim- Eberle, Wien, VII., Seidengasse 3—11.

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