Full text: Solidarität - Oktober 1953, Heft 201 (201)

Am 5. August rief der sozialistische Gewerkschahsbund „Force ouvriere“ zum Generalstreik auf. Die übrigen Geweikschaftsv@*bhnde schlossen sich in den folgenden Tagen diesem Streik an, der sodann nach dreiwöchiger Dauer die Regierung zu einigen Zu¬ geständnissen veranlaßte. Die Regie¬ rung versprach, für Preissenkun¬ gen einzutreten und den schlechtest- bezahlten Arbeitern und Angestell¬ ten des Staates und der verstaatlich¬ ten Betriebe Lohnerhöhungen zuzugestehen. Auch die Privatwirt¬ schaft erklärte sich zu bescheidenen Lohnnachziehungen bereit. Die* Gewerkschaften planen jedoch weitere Streikaktionen im Monat Oktober, falls es nicht zu einer wirk¬ lich fühlbaren Verbesserung der Lebenshaltung aller Arbeiter und An¬ gestellten kommt. Vorläufig wird also abgewartet. Der Kampf der französischen Arbei¬ terschaft um ein besseres Leben fand in der gesamten freien Welt lebhafte Sympathie. Der Internationale Bund freier Gewerkschaften (IBFG) ver¬ öffentlichte eine Erklärung, in der es über die Streikbewegung heißt: „Diese Streiks sind nicht politischer Natur, sondern wurden den Arbeitern durch die herausfordernden Maßnahmen der Regierung aufgezwungen. Diese Ma߬ nahmen richteten sich einseitig ge¬ gen die öffentlich Bediensteten, deren Lebensbedingungen ohnehin viel zu wünschen übrig ließen. Die französi¬ sche Regierung hätte von anderen Teilen der Bevölkerung Opfer verlan¬ gen sollen. Durch Herabsetzung der Preise hätte sie die Lebensbedin¬ gungen der arbeitenden Menschen er¬ träglicher gestalten können!" Es wird Zeit, daß Frankreich — und übrigens auch Italien — zur Ruhe kommen, indem man für die Arbeiter¬ schaft in diesen beiden Ländern end¬ lich die sozialen Erfordernisse aner¬ kennt. Wie er’s auch dreht und wende?... es wird weder CDU noch SPD daraus! Karikatur aus einer deutschen Ge¬ werkschaftszeitung. gefunden und die Christlich Demokra¬ tische Union (CDU) des Bundeskanz¬ lers Adenauer hat sie gewonnen. Dieser Wahlsieg bot dem Vorstand des Sozialausschusses der CDU Veran¬ lassung, dem Deutschen , Gewerk- schaflsbund vorzuwerfen, er hätte im Wahlkampf die Neutralität verletzt. Gleichzeitig wurden dem DGB acht Forderungen überreicht. Es wird ver¬ langt, daß der DGB eine Änderung sei¬ ner Haltung zu Staat, Gesellschaft und Wirtschaft vornimmt, ferner wird eine verstärkte Vertretung der christ¬ lichen Arbeiterschaft in sämtlichen Leitungen der Organisation gefordert und schließlich ein größerer Einfluß auf die Gewerkschaftspresse und ge¬ werkschaftliche Bildungsarbeit. Soll¬ ten diese Forderungen nicht erfüllt .werden, so sei die Gründung eigener / Gewerkschaften geplant. Die Verhand¬ lungen hierüber sind noch nicht ab¬ geschlossen. Die „Neutralitätsverletzung", die man dem DGB vorwirft, bestand aus folgenden Worten des Wahlaufrufes: „Wer den Frieden und Fortschritt, Freiheit und Einheit will, wer nicht will, daß wieder Gewaltherrschaft und Krieg, Terror und Bombennächte über uns kommen, der muß durch Abgabe seiner Stimme zur Wahl eines besseren Bundestages die Kräfte ausschließen helfen, die das deutsche Volk ein zweites Mal ins Unglück stürzen wollen." Am 20. August wurde dieser Wahlaufruf von 600 gewählten Delegierten aller Parteirichtungen auf einer Tagung in Essen beschlossen. Der stellvertre¬ tende Vorsitzende des DGB, Mathias Bildernachweis: Keystone, Associated Press. Da der französische Streik die öffentlichen Transportmittel lahmgelegt hat, mußten die Streikenden, welche einer Massenversammlung bei der Zentrale der französischen Gewerkschaften in Paris am 22. August beiwohnten, zu Fuß gehen oder Fahrräder und Motorräder benützen. und die beste Methode ihrer, Über¬ führung in das öffentliche Eigentum untersucht werden. Die britische Gewerkschaftsbewe¬ gung will, wie ein Sprecher des Gene- ralrates erklärte, auf dem Weg des Sozialismus mittels- Erweiterung und Ausdehnung des öffentlichen Eigen¬ tums vorwärtsschreiten. Es bestünden jedoch Zweifel an den Methoden, wie diese Ausdehnung am besten durchzuführen sei. Auch über die Teilnahme der Ar¬ beiter an der Verwaltung der ver¬ staatlichten Industrie wurde auf die¬ sem Kongreß diskutiert. Ein Teil der Delegierten forderte, daß die Hälfte der Sitze im Vorstand jeder verstaat- durch sachliche Beratungen den für die Arbeiterschaft günstigsten Weg zu finden. Frankreich: Generalstreik aus Verzweiflung Im August wurde Frankreich von einer gewaltigen Streikwelle er¬ schüttert. Drei Wochen hindurch standen die Bediensteten der Post, der Eisenbahnen, der öffentlichen Ämter, der städtischen Verkehrsbetriebe so¬ wie der Gas- und Elektrizitätswerke im Generalstreik, ebenso streik¬ ten die Bergarbeiter und ein Teil der Metallarbeiter. Seit 17 Jahren hat Frankreich keine so umfassende Streikbewegung mehr erlebt. Deutschland: Gefahr einer Absplitterung In Westdeutschland gibt es, so wie bei uns in Österreich, einen einheit¬ lichen, überparteilichen Gewerk¬ schaftsbund. Während aber in Öster¬ reich kein Gewerkschafter ernstlich an eine Absplitterung denkt, war der DGB in den letzten Wochen.von einer solchen bedroht. Noch ist eine endgültige Entschei¬ dung nicht getroffen, doch ist zu hoffen, daß es zu keiner Absplitterung kommen wird, die ja letzten Endes keinem deutschen Arbeiter, hingegen vielen deutschen Unternehmern Vor¬ teile bringen würde. Wie ist es aber dazu überhaupt gekommen? Am 6. September haben in West¬ deutschland Parlamentswahlen statt- F ö c h e r, der selbst der CDU ange¬ hört, hat sich damals für diesen Wahl¬ aufruf ausgesprochen. Wir können nur hoffen, daß sich die Wogen wieder glätten werden und alle deutschen Gewerkschafter, mögen sie nun der SPD oder der CDU ange¬ hören, erkennen, daß es jetzt erst recht auf Einigkeit und Geschlossenheit an¬ kommt! England: Zurückhaltung bei Verstaatlichungsplänen Der britische Gewerkschaftsbund TUC (Trades Union Congress) hielt heuer seinen Jahreskongreß in der Woche vom 7. bis 11. September, ab. Zur Frage einer weiteren Verstaat¬ lichung unter der nächsten Ar¬ beiterregierung — deren Zustande¬ kommen nach den nächsten Wahlen von niemandem angezweifelt wird —, nahm der Generalrat des TUC in einem Bericht eine vorsichtige Hal¬ tung ein. Die Grundindustrien sind bekannt¬ lich bereits von der Arbeiterregierung in den Jahren von 1945 bis 1950 ver¬ staatlicht worden. Inzwischen haben die Konservativen die Stahlindustrie und den Lastautoverkehr in den Privat¬ besitz zurückgeführt. Diese beiden Wirtschaftszweige werden von der nächsten Arbeiterregierung unter allen Umständen wieder verstaatlicht werden. Der britische Gewerkschaftsbund ist jedoch dagegen, daß weitere Sektoren der Fertigwarenindustrie sodann über¬ stürzt verstaatlicht werden. Vorerst sollten in jedem einzelnen Falle die Probleme der betreffenden Industrie Kommt es zu dem Verhängnis einer gewerkschaftlichen Absplitterung oder nicht? Das ist die Frage, die gegenwärtig viele deutsche Arbeiter beschäftigt. Im Bilde: Zwei Stahlarbeiter im Werk Ftuckingen an der Ruhr. lichten Industrie- von den betreffenden Gewerkschaften besetzt werden sollen, ein anderer Teil der Delegierten war dagegen, weil dies die Freiheit der Arbeiter bei Lohnkämpfen beschrän¬ ken würde. Man wird sich mit dieser Frage noch eingehend zu beschäftigen haben. Jedenfalls zeigt der gesamte Verlauf des heurigen Jahreskongresses des britischen Gewerkschaftsbundes, daß man auch in England bemüht ist, Es war ein Generalstreik der Ver¬ zweiflung. Die Regierung des Mini¬ sterpräsidenten L a n i e 1 wollte der arbeitenden Bevölkerung zu große Lasten aufbürden. Insbesondere soll¬ ten die öffentlich Bediensteten her¬ halten, um das ungeheure Defizit des Staates zu verringern. So wurden also das Pensionsalter hinaufgesetzt und die Dienstpostenpläne gekürzt. Die niedrigen Löhne und die hohen Preise aber sollten bestehen bleiben. Stile 4 Nr. 201 SOLIDARITÄT

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