Full text: Solidarität - Oktober 1953, Heft 202 (202)

Der neue UltrakurzweHensender auf der Stephaniewarte auf dem Kahlen¬ berg. Die Mastspitze ragt 35 Meter über den 483 Meter hohen Berggipfel hinaus. Zu den zahllosen möglichen und unmöglichen Abkürzungen, die oft die einfachsten Voraussetzungen der Phonetik und des Sprachempfindens ignorieren, man denke nur an GAK, WIBRO, USIA usw., ist ein neues Buchstabengetjilde gekommen, das in Österreich sofort populär geworden ist, UKW — keine neue Zauberfor¬ mel, sondern die Abkürzung für Ultrakurzwellen, jene elektromagneti¬ schen Wellen, die in unserer Radio¬ industrie, in unseren Sendern und wahrscheinlich über kurz oder lang auch in unseren Brieftaschen, eine kleine Revolution hervorrufen wer¬ den. Die Ultrakurzwellen, die auch in der Fernsehtechnik angewendet wer¬ den, ermöglichen durch ihre hohe Schwingungszahl eine Tonwieder¬ gabe, die praktisch alle Töne umfaßt, die vom menschlichen Ohr wahr- genommen werden können. Der UKW-Empfang klingt daher viel na¬ türlicher und plastischer 'als eine Radiowiedergabe. Ja, man hört so¬ gar d.e Obertöne eines Klaviers, die man selbst im Konzertsaal nicht wahrnehmen kann. Gegenüber den Mittelwellen, deren Störungen einem manchmal ganze Sendungen verleiden, sind die Ultra¬ kurzwellen „die reinsten Glöckerln", versichert uns ein glücklicher Be¬ sitzer eines UKW-Empfängers. Er kann sogar seinen elektrischen Rasier¬ apparat laufen lassen, ohne daß der Empfang auch nur im mindesten be¬ einträchtigt würde. UKW ohne Zensur In allen Kulturstaaten der Welt ist das Fernsehen längst zu einem selbst¬ verständlichen Begriff geworden. In Österreich bedeutet es leider noch im¬ mer eine „ernste Gefahr" für die vier Großmächte. Der Ultrakurzwellenfunk hat nun in -den Augen der Besatzung. Gnade gefunden. Sogar gegen den UKW-Funkdienst der Wiener Feuer¬ wehr, der eine dauernde Verständi¬ gung zwischen den Kommandostellen und den ausgerückten Fahrzeugen er- möglicht, und gegen die Amateur¬ funker besteht keim alliierter Ein¬ wand mehr. Der Beginn der UKW-Sendungen ist also nicht nur eine technische Großtat, sondern hat auch eine poli¬ tische, unserem Freiheitsdrang ent¬ gegenkommende Bedeutung. Die in Österreich vorgesehenen 28 Ultra- kurzweliensehder .werden unter zen¬ traler Leitung stehen und uns täglich mit „Radio Österreich" begrüßen. Da¬ mit soll zum Ausdruck gebracht wer¬ den, daß die Alliierten auf sie keinen Einfluß mehr ausüben. Nichtbesitzer oder Besitzer eines UKW-Empfängers — über diesen endlichen Entschluß, die lästige Radiozensur wenigstens bei UKW-Sendungen aufzuheben, können wir uns alle nur freuen. Brauchen wir neue Geräte? Zu Beginn der Herbstmesse 1953, als der erste Kurzwellensender auf dem Kahlenberg in Wien den Betrieb aufnahm, brachte die heimische Radioindustrie die ersten UKW- Empfänger auf den Markt, sehr zum Leidwesen jener Radiokäufer, die einige Wochen oder Tage vorher noch einen gleich teuren „Vollsuper, Marke 1954" gekauft hatten. Können nun diese „alten", bestimmt noch . viele Jahre haltbaren Geräte auf UKW „umgebaut" werden? Leider nein! Wohl wird es möglich sein, durch zwischengeschaltete Zusatzgeräte die UKW-Sendungen auch auf Mittel¬ welle zu hören. Auf die Feinheiten und Tonqualitäten — das Um und Auf der ganzen Kurzwellenfunkerei •— werden die „gewöhnlichen" Radio¬ hörer aber verzichten müssen. Außer sie riskieren einen tiefen UKW-Griff in die Brieftasche — bis zum nächsten Fernsehgerät. . Der Radiohandel hat in Zukunft jedenfalls bei uns noch einige Pfeile im Köcher. Es besteht aber gar keine Ursache, unsere in Ehren „überholten" Radio¬ apparate Hals über Kopf auszutau¬ schen, denn in den nächsten Jahren wird sich der UKW-Funk ausschlie߬ lich auf musikalische und sprech¬ künstlerische Sendungen beschränken. Einer der größten Wiener Radiohänd¬ ler hat uns erklärt, daß trotz der UKW-Geräte immer noch mehr ein¬ fache Radioapparate gekauft werden. Mit dem neuen Ultrakurzwellen- empfänger können natürlich auch alle Sendungen auf Mittel-, . Kurz- und Langwellen gehört werden. Die Sen¬ dezeiten sind: Wien, 11 bis 13 Uhr und 14 bis 22 Uhr, Linz, Salzburg, Klagenfurt, 14 bis 22 Uhr. ' UKW-Nelz über Österreich Der Wellenplan von Stockholm hat den Österreichern 28 Wellen ein- hauptstadt das Programm ganz ein¬ fach von dem Sender der anderen übernimmt. Auch müssen in den ent¬ fernten, engen Alpentälern Relais¬ stationen eingerichtet werden, um überhaupt einen Empfang zu ermög1 lidren. Wenn also einmal alle 28. UKW-Sender, bei uns in Betrieb sind, wird Österreich, von einem dich¬ ten Wellennetz- überzogen sein. Trotz der tatkräftigen Unterstützung durch das Bündesministerium für Verkehr, des Finanzministers und der Generaldirektion der Post- und Tele¬ graphenverwaltung, die einen kon¬ sequenten Ausbau des neuen Sender- netzes ermöglicht, wird es noch eine geraume Zeit dauern, bis die Radio- Ullrakurzwellenempfänger werden montiert. Sie bieten für die Radioindustrie einen gangbaren Exportartikel. In Österreich werden aber zum Großteil noch die „gewöhnlichen" Radioapparate gekauft, denn die Preise für den UKW- Empfänger sind noch zu „ultra". geräumt. Diese große Anzahl ist des- hörer der westlichen Bundesländer halb notwendig, weil ein UKW-Sen- mit UKW bedient werden können. Bis der nur ein Strahlungsbereich von ungefähr 100 Kilometer hat. Diese verhältnismäßig kurze Reichweite läßt es nicht zu, daß eine Bundes¬ jahresende — nach Aufnahme der allerdings noch provisorischen Sende- anlagen in Graz, Innsbruck und Bre¬ genz -— wird ungefähr die Hälfte der österreichischen Bevölkerung mit die¬ sen drei Meter Tangen Wunderwel- len versorgt sein. Derzeit wird ein Ultrakurzwellen¬ programm nur von Wien, Linz, Kla¬ genfurt und Salzburg gesendet. * Der Rundfunk ist in Österreich erst 28 Jahre alt. Wir erinnern uns noch an das geduldvolle Suchen im Detek¬ tor und an den unruhigen Schlaf mit den vergessenen Hörern am Kopf. Heute gibt es in Österreich über ein¬ einhalb Millionen. Rundfunkteilneh¬ mer und mindestens 50 verschiedene Radiomodelle (mit den neuen UKW- Geräten werden es noch mehr sein). Eine Frage taucht nun bei dieser Feststellung der erfreulichen techni¬ schen Entwicklung auf: Warum be¬ schränkt die Radioindustrie ihre Er¬ zeugung nicht auf weniger, dafür aber billigere und ebenso leistungsfähige Modelle? Denn wenn sich ein Arbei¬ ter oder Angestellter keinen UKW- Empfänger kauft, so ist das keine Ein UKW-Vollsuper — einstweilen noch ein Wiinschtraum für viele Arbei- Abwehr oder Verständnislosigkeit ge- ter und Angestellte. Wäre es der Radioindustrie nicht möglich, weniger ver- 9en den technischen Fortschritt, son- schiedenartige, dafür aber billigere und ebenso leistungsiähige Radiomodelle dern ausnahmslos eine Frage der auf den Mark! zu bringen? Brieftasche. Ln. Seile 4 Nr. 202 SOLIDARITÄT

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