Full text: Solidarität - Dezember 1953, Heft 206 (206)

fest frei von Hunger und Kälte und überstrahlt vom müden Lichte eines bescheidenen Christbaumes zu si¬ chern. Noch sind viele Ziele nicht er- reidit, noch gibt es unerfüllte Wün¬ sche, und noch sind nicht alle Men¬ schen eines guten Willens, aber trotzdem sollen wü, gerade im Frie¬ den der Weihnachtszeit, die bishe¬ rigen Erfolge anerkennen und uns vornehmen, mit gutem Willen und nach besten Kräften in unserer ge¬ werkschaftlichen Organisation mit¬ zuarbeiten, daß es besser werde — von Weihnacht zu Weihnacht. f. n. (Fortsetzung von Seite 1) Produktivitätssteigerung auf schmaler Grundlage Von dem ganzen, großen und sehr hoffnungsvoll aussehenden Projekt bleibt also auf dem Sektor der ge¬ werblichen .Wirtschaft nur die Kredit- gewährung für einige wenige volks¬ wirtschaftlich besonders wichtige Projekte zurück. Vom gewerkschaftlichen Stand¬ punkt ist aber die Abwicklung auch dieser wenigen Projekte von Inter¬ esse. Der Grundgedanke bei der Pro¬ duktivitätssteigerung war und ist, dal! die Produktivitätsgewinne in einem wirtschaftlich angemessenen Verhältnis zwischen Arbeitnehmer, Unternehmer und Konsumenten ge¬ teilt werden sollen. Der Unternehmer soll mit den Mehrgewinnen Investitionen durch¬ führen, seine Rohstofflager ver¬ größern, Lizenzen erwerben, das Be¬ triebskapital erhöhen und so weiter, dde Arbeitnehmer sollen Produktivi¬ tätsprämien erhalten und die Preise sollen für den Konsumenten gesenkt werden Diese Ziele sollen in der Form er¬ reicht werden, daß Unternehmer, die sich mit dem Gedanken tragen, einen Produktivitätskredit in Anspruch zu nehmen, sich an das österreichische Produktivitätszentrum wenden, um von dort betriebswirtschaftliche Rat¬ schläge einzuholen, Betriebsunter¬ suchungen ansteilen und bei der Ab¬ teilung für wirtschaftliche Koordi¬ nation des Bundeskanzleramtes (des früheren ERP-Büros) einen Kredit¬ antrag befürworten .zu lassen. Ehe die Vorarbeiten abgeschlos¬ sen sind, wird den Betriebsräten Gelegenheit gegeben werden, ihre Auffassungen zu vertreten. An den Verhandlungen zwischen den Be¬ triebsleitungen und der Belegschaft werden sich auch die Vertreter der zuständigen Gewerkschaften beteili¬ gen. Bei dieser Gelegenheit werden end¬ gültige Abkommen über die Vertei¬ lung der Produktivitätsgewinee ge¬ schlossen. Ehe formell abgeschlossen wird, sind nochmals die zuständigen Gewerkschaften und die Interessen¬ vertretungen der Unternehmer zu konsultieren. Das Ergebnis der Ver¬ handlungen wird dann in Form eines Anhanges zur Arbeitsordnung nieder¬ gelegt und von den Verhandlungs¬ partnern unterzeichnet. Nun kann die Produktivitätsaktion wirklich durch¬ geführt werden. Die Beträge, die für Forschung und Wirtschaftsentwicklung zur Verfü¬ gung stehen, werden vor allem für volkswirtschaftlich wichtige Projekte verwendet werden müssen, wie für Braunkohlebrikettierung, einen Kon¬ sumentenberatungsdienst, für Zweck¬ forschung in den entwicklungsfähigen Bereichen unserer Industrie, und schließlich müssen auch die Gelder, die für die Landwirtschaft zur Ver¬ fügung gestellt werden, so einge¬ setzt werden, daß mit ihnen eine höhere Produktivität in der Landwirt¬ schaft, das heißt, niedrigere Preise für die Konsumenten erreicht werden. H. K. Das Jugendemstellungsgesefz Nach den vom Nationalrat angestellten Berechnungen sollte durch das Jugendeinsteliungsgesetz in ganz Österreich eine zusätzliche Einstellung von 23.000 Jugendlieben erreicht werden. Es ist derzeit noch zu früh, Schlüsse über den wirklichen Erfolg des Gesetzes ziehen zu können, da sämtliche hie- für in Betracht kommenden statistischen Erhebungen erst im Frühjahr er¬ folgen werden. Um jedoch jetzt bereits einen gewissen Überblick über die Aus¬ wirkungen des Gesetzes zu erlangen, haben vor kurzem die Gewerkschaften in einer Tagung über ihre Erfahrungen berichtet. Hiebei wurde allgemein festgestellt, daß auf Grund des Gesetzes zweifellos eine gewisse Entlastung des Arbeitsmarktes der Jugendlichen erreicht werden konnte. So wurden zura Beispiel von Juli bis September 1953 durch das Arbeitsamt Wien rund 8000 Lehrlinge gegenüber 5000 im selben Zeitraum des Vorjahres vermittelt. In Vorarlberg stehen 174 offenen Lehrstellen 141 vorgemerkte Lehrlinge gegenüber. Nach den Berichten scheinen also die bisherigen Auswirkungen des Ge¬ setzes in den Bundesländern ver¬ schieden zu liegen. Die Gewerk¬ schaften machten jedoch gleichzeitig darauf aufmerksam, daß die von vorn¬ herein bei den Diskussionen über das Jugendeinstellungsgesetz aufgewor¬ fene Frage, ob nicht durch die Ein¬ stellung von Jugendlichen eine Ge¬ fährdung der Arbeitsplätze der Er¬ wachsenen eintreten könnte, nunmehr bereits aktuell zu werden beginnt. An diesem Problem wird sich über kurz oder lang der gesamte Wert des Jugendeinstellungsgesetzes zeigen. Ungünstige Auswirkungen müssen verhindert werden Gelingt es, die Unternehmungen dahin zu bringen, die Jugendeinstel¬ lung als eine zusätzlich übernommene Pflicht zur Bewahrung der schul¬ entlassenen Jugend vor Arbeitslosig¬ keit und deren schädlichen Folgen aufzufassen, wird das Gesetz als Er¬ folg betrachtet werden können. Gehen jedoch die Unternehmun¬ gen dazu über, zwar einerseits wohl der Jugendeinstellungspflicht zu entsprechen, aber anderseits hie- für nicht zusätzliche Arbeitsplätze zu schaffen, sondern erwachsene Arbeitnehmer abzubauen, geht der eigentliche Wert des Gesetzes ver¬ loren. Um die Wirkungen des Ge¬ setzes nicht in sein Gegenteil zu verkehren, werden die Betriebsräte und alle gewerkschaftlichen Ver¬ trauensmänner auf dem Platz ste¬ hen müssen. Neben den Arbeitsmarktproblemen der Erwachsenen zeigt das Jugend- einstellungsgesetz noch eine andere kaum bedachte Auswirkung, die sei¬ nen Wert für die kommenden Jahre wesentlich herabmindert. Die Unter¬ nehmungen sind bestrebt, um mög¬ lichst wenig Wechsel in ihrem jugendlichen Personal zu haben, ihrer Einstellungsverpflichtung durch Auf¬ nahme von knapp 14jährigen nach¬ zukommen. Diese neueingestellten Jugendlichen werden dem Betrieb somit für die nächsten Jahre auf die Schlüsselzahl angerechnet, da als Jugendliche alle Personen bis zum vollendeten 18. Le¬ bensjahr gelten, so daß, im allgemei¬ nen gesehen, kaum zu rechnen ist, daß in den nächsten zwei bis drei Jahren das Jugendeinsteliungsgesetz eine nennenswerte Anzahl neuer Arbeitsplätze bringen wird. Nach einer jüngst vom Sozialministerium verlautbarten Zahl sind derzeit bei den Arbeitsämtern noch zirka 30.000 als arbeitsuchend gemeldet. Im kom¬ menden und im nächstfolgenden Jahr 1960 gibt es bereits um 43.000 weni¬ ger Schulentlassene als 1954. wird die Zahl der Schulabgänger gegenüber diesem Jahr noch etwas ansteigen. Lehrling — nicht Hilfsarbeiter Zu den nicht vorhergesehenen Aus¬ wirkungen des Jugendeinstellungs- gesetzes tritt noch hinzu, daß zahl¬ reiche Unternehmungen, ja sogar ganze Industriezweige dazu über¬ gehen, an Stelle der bisher verwende¬ ten angelernten Jugendlichen nun¬ mehr Lehrlinge einzustellen. So be¬ grüßenswert an sich dieser Wechsel ist,' da grundsätzlich die Gewerk¬ schaften für eine Vermehrung der Lehrplätze eintreten, um den Ausge- 140 130 jT' 14-18 ' JÄHRIGE 120 110 VJ »Vt r-' 100^ ^ ^ ? Mi m \e .(6 90 19 5 — 1C .. 0 ^ WIE WERDEN SICH DIE ALTERSGRUPPEN BIS 19B0 ENTWICKELN 4 0- X 1951 52 53 54 55 56 57 58 59 1980 Die Zahl der Jugendlichen nimmt ab 1957 bedeutend ab, die Zahl der über 60jährigen aber wesentlich zu. lernten eine bessere Konkurrenzfähig¬ keit auf dem Arbeitsmarkt zu ver¬ mitteln, wird in diesem Falle die Haltung der Unternehmungen doch problematisch. Es ist kaum zu erwar¬ ten, daß die neu eingestellten Lehr¬ linge zu wesentlich anderer Tätigkeit herangezogen werden als bisher die angelernten Jugendlichen. Während jedoch die Angelernten einen ihrer Arbeitsleistung entspre¬ chenden Lohn erhielten, gebührt den Lehrlingen nur eine im allge¬ meinen nicht bedeutende Lehrlings¬ entschädigung. Am deutlichsten wird diese einfache Rechnung der Unternehmungen bei jenen Wirt- schafls- und Industriezweigen, die nunmehr zur Neueinführung von Lehrberufen übergehen wollen, in denen bisher niemals Lehrlinge ver¬ wendet wurden. So hat unter anderem die Bundes¬ innung der Fensterputzer den Ver¬ such unternommen, den Fensterput¬ zerlehrling einzuführen, der nunmehr nach Meinung der zuständigen Innung eine dreijährige Lehrzeit benötigt — selbstverständlich lediglich unter der Bezahlung einer Lehrlingsentschädi¬ gung —, um gediegenes Fensterputzen bewerkstelligen zu können. Es sei hier denn doch mit aller Deutlichkeit festgestelit, daß alle diese Bestrebun¬ gen noch klarer als die bisher von den Gewerkschaften vorgebrach¬ ten Argumente nachweisen, daß all das Gerede der Unternehmer von der kostspieligen Lehrlingshaltung aus der Luft gegriffen ist. Die bisherigen Erfahrungen be¬ stätigen, daß zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit das bisher vom Nationalrat verabschiedete Ju¬ gendeinsteliungsgesetz bei weitem nicht ausreicht und bereits in näch¬ ster Zeit weitere Maßnahmen ge¬ troffen werden müssen. Die Gewerk¬ schaften können auf bereits vor Jahren vorgelegte konkrete Vor¬ schläge hinweisen. ..Wachstumsschwierigkeiten“ In der Zeit vom 19. bis 31. Okto¬ ber hielten sich 24 kommunistische Gewerkschafter aus Österreich in Ostdeutschland auf, um nach ihrer Rückkehr über die großartigen Ver¬ hältnisse in diesem Lande zu berich¬ ten. In einer gemeinsamen Erklärung schildern sie ihre überwältigenden Eindrücke aus dem ostdeutschen „Ar¬ beiterparadies". Nur an einer ein¬ zigen Stelle dieser Erklärung erwäh¬ nen sie verschämt, daß es auch „ver¬ schiedene Mängel und Fehler" gibt. Auf diese wird dann gar nicht näher eingegangen, sondern es wird nur er¬ klärt, daß sie auf „Wachstumsschwie¬ rigkeiten" zurückzuführen seien. Um dem Gedächtnis der Reiseteil¬ nehmer etwas nachzuhelten, ist man genötigt, das Organ des ostdeutschen kommunistischen Gewerkschaftsbun¬ des, die „Tribüne", vom 13. Novem¬ ber, heranzuziehen. Da heißt es in einem Artikel, daß ein Teilnehmer der österreichischen Delegation, über seine Eindrücke befragt, unter ande¬ rem folgendes wörtlich gesagt habe: „Im Pierdestall des Volkseigenen Gutes Greppin liegen die Tiere, weil ein Holzrost fehlt, auf dem Stein¬ boden. Hiedurch können die Pferde krank werden. Der junge, bestimmt sehr tüchlige Betriebsleiter sagte mir, daß es bisher noch nicht möglich war, das nolwendige Holz zu erhal¬ ten. Ich kann mir wirklich nicht vor¬ stellen, daß in der ganzen DDR nicht ein paar Bretter aufzutreiben sind, um wertvolles Tiermaterial vor Krankheil zu schützen." Auf einer Mitte November abgehat» tenen Tagung berichtet der ost¬ deutsche Minister für Energieversof^ gung, Selbmann, über die Zusammen¬ brüche des Verbundnetzes, die in Ostdeutschland noch immer zu den alltäglichen Erscheinungen gehören: „Da sich der Strombedarf in wenigen Abendstunden zusammendrängt, mu߬ ten große Teile der Stromabnehmer in der Industrie sowohl als auch in der Bevölkerung von den Abschal¬ tungen betroffen werden." Der Arbeiter A. Kirchhof aus Holz¬ hausen wäre, wie aus einer Leser¬ zuschrift der „Tribüne" zu entnehmen ist, schon froh, wenn er wenigstens auf seinem Fahrrad Licht hätte, um in der Dunkelheit etwas weniger ge¬ fahrvoll fahren zu können. Er schreibt: „Ich habe einen weiten Weg zu meiner Arbeitsstelle und bin des¬ halb auf mein Fahrrad angewiesen. Seit einiger Zeit versuche ich, einen Dynamo für meine Fahrradlampe zu bekommen, doch meine Bemühungen waren bisher ergebnislos. Überall er¬ halte ich die Auskunft, daß es keine zu kauten gibt .“ über solche „Wachstumsschwierig¬ keiten" wußte die Delegation nach ihrer Rückkehr aus Ostdeutschland nichts zu berichten. Vielleicht aber sollte die Bezeichnung „Wachstums¬ schwierigkeiten" nur andeuten, daß die Schwierigkeiten, denen sich Wirtschaft und Bevölkerung in Ost¬ deutschland gegenübersehen, dank der verfehlten Politik immer mehr an Wachstum zunehmen. Seite 2 Nr. 206 SOLIDARITÄT

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