Full text: Solidarität - Mai 1954, Heft 215 (215)

?Mi 9 Ist deine Rente gesichert ? Das ist heule eine Frage, die schwerer wiegt als alle anderen sozial¬ politischen Fragen. Leider aber gibt es auch kaum eine andere, die sich schwerer beantworten lädt. Im kleinen Österreich fristet derzeit ein Heer von über eine Million Menschen als Rentner, Pensionisten oder Kriegshinterbliebene zum über¬ wiegenden Teil ein Leben, welches mehr als bescheiden zu nennen ist. Es muß auch festgestellt werden, daß sich diese Menschenmasse von Tag zu Tag vergrößert, das Geld aber, das die Existenz dieser Menschen sichern soll, immer weniger wird. Diese Entwicklung spiegelt sich in erbitterten parteipolitischen Kämpfen, in stürmischen Versammlungen der Rentner und in unablässigen Kämpfen in der Öffentlichkeit wider. Auch die Regierungskrise im vorigen Jahr war zum Teil auf diese Entwicklung zurückzuführen. Die Bevölkerung wurde „älter“ Die wesentlichste Ursache des Rent¬ nerelends in Österreich ist die über¬ raschend zunehmende „Überalterung" der Bevölkerung, die der Sozial¬ gesetzgebung zeitlich weit vorausge¬ eilt ist. Die Statistik drückt sich hier nüchtern aus: Vor 50 Jahren ent¬ fielen auf je 100 Österreicher nur fünf alte Leute über 65 Jahren, «rber 13 Kinder unter sechs Jahren. Heute schon ist es beinahe umgekehrt: Das Verhältnis ist jetzt eit alte Leute zu acht Kindern,' und im Jahre 1980 wird es 16 alte Leute zu nur mehr sieben Kindern sein. Die monatlichen Aufzeichnungen der UNO ergänzen dazu, daß Öster¬ reich der Staat mit der niedrigsten Geburtenziffer der Welt ist. Was wird 1980 sein? Wenn nicht „von unten her" die Bevölkerung laufend durch neue Staatsbürger ergänzt wird, dann „über¬ altert" sie — erklären die Statistiker. 1953 Einwohner verloren haben, und zwar vor allem Kinder und junge Leute. An Stelle der verminderten Kinder¬ zahl wird es um die Hälfte mehr Rentner und Pensionisten als heute geben, das heißt, es werden weniger arbeitsfähige Menschen mehr arbeits¬ unfähige^ alte Leute erhalten müssen. gebung des Landes, sondern den gan¬ zen Staat in seinen Grundtesten er¬ schüttern könnte — wenn nicht irgend etwas geschieht, das die heute völlig veralteten versicherungstech¬ nischen Grundlagen der Altersver¬ sicherung von Grund auf ändert. „Überalterung“ - ein irreführender Ausdruck Wir sprechen von ;,Überalterung*, und manchmal wird sogar das Wort „Vergreisung" in den Mund genom¬ men. Aber diese Begriffe erwecken völlig falsche Vorstellungen. Denn das, was wir jetzt erleben, ist keine Vergreisung, sondern vielmehr ein Gesünderwerden. Die Welt hat sich seit einem hal¬ ben Jahrhundert grundlegend geän¬ dert: Um die Jahrhundertwende, als die gesundheitliche Betreuung der Be¬ völkerung noch in den Kinderschuhen steckte, als es noch eine zehn- bis Es fällt oft nicht nur seelisch sehr schwer, endgültig vom Arbeitsplatz abzutreten, son¬ dern es bedeutet heute auch einen Sturz knapp rn das Existenzminimum Ta ?'3: m i Vor fünfzig Jah¬ ren entfielen auf je hundert Öster¬ reicher fünf • alte Leute über 65 Jah¬ ren und dreizehn Kinder unter sechs Jahren. Jetzt ist das Verhältnis — elf alte Leute zu acht Kindern und im Jahre 1980 wird es sechzehn alte Leute zu nur mehr sieben Kindern sein In welchem Ausmaß sie überaltert, zeigte das Statistische Zentralamt auf, das die Bevölkerung Österreichs, unterteilt nach Altersgruppen, bis zum Jahre 1980 vorausberechnete. Unter der Annahme, daß Geburten- und Sterbeziffer gleich bleiben, wer¬ den wir demnach in Österreich in 30 Jahren um 250.000 Kinder unter 14 Jahren ärmer geworden sein, da¬ gegen werden die alten Leute über 45 Jahre — derzeit -765.000 an der Zahl — die Eine-Million-Grenze über¬ schritten haben. Auch die Masse der erwadrsenen Menschen, die „tra¬ gende", arbeitende Bevölkerung, wird sich bis dahin um 200.000 verringert haben. Alles in allem gesehen, wird Österreich also in 30 Jahren 200.000 - Seite 8 Nr. 215 SOLIDARITÄT Zehn Milliarden Schilling für Rentner und Pensionisten! Die Sicherung der Existenz unserer Pensionisten und Rentner in der der¬ zeitigen Form kostet dem Bund, den Ländern und den Rentenversicherungs¬ anstalten jährlich rund sieben Milliar¬ den Schilling oder täglich 20 Millio¬ nen Schilling. Bereits im Jahre 1980 wird der jährliche Renten- und Pen¬ sionsaufwand die Zehn-Milliarden- Grenze überschritten haben. Zehn Milliarden Schilling — das entspricht vergleichsweise der Hälfte der jähr¬ lichen Gesamtausgaben des Bundes. Wir sehen also, daß sich durch die „Überalterung" eine Entwicklung an¬ bahnt, die nicht nur die Sozialgesetz¬ vierzehnstündige Arbeitszeit in den Betrieben gab und die Arbeitsstätten in hygienischer Hinsicht oft jeder Beschreibung spotteten, da war der Arbeiter meist schon nach 50 Lebens¬ jahren am Ende seiner Kräfte. Ein Neugeborener hatte damals, nach statistischen Berechnungen, die nicht sehr beruhigende. Aussicht, nur 39 Jahre alt zu werden. . Seither hat sich aber vieles geän¬ dert: Die Gewerkschaften erkämpften nach und nach günstigere Arbeits¬ bedingungen, sie ermöglichten eine moderne gesundheitliche Betreuung aller Arbeitnehmer, und die Lebens¬ erwartung ist allmählich auf 64 Jahre angestiegen. Heu^e fühlen sich Hunderttausende mit selbst diesem Alter noch zu „jung", um endgültig vom Arbeits¬ platz abzutreten. Für sie bedeutet der Eintritt in das Rentnerheer nicht nur einen Sturz knapp an das Existenz- minimum, sondern meist auch eine schwere seelische Erschütterung, aus dem Gefühl, bei kaum geminderter Arbeitskraft „nicht mehr gebraucht zu werden”. Anpassung an die biologische Entwicklung Die biologische Entwicklung unserer Bevölkerung treibt also einem Sta¬ dium entgegen, dem wir gerade jetzt größte Aufmerksamkeit schenken müs¬ sen. Es ist schlecht, wenn man das Problem des sich ständig vergrößern¬ den Rentnerheeres durch halbe Lösun¬ gen, durch eine „Vogel-Strauß-Politik” zu beseitigen versucht. Wir glauben vielmehr, daß hier völlig neue sozial¬ politische Wege beschritten werden müssen. Wir müssen uns anpassen! Anpassen an die biologische Entwick¬ lung durch eine auf weite Sicht pla¬ nende Sozialpolitik — das ist alles, aber auch das Richtige', was wir machen können. Es liegt in unserer Macht, die richtige Sozialpolitik zu bestimmen. Neue Wege der Sozialpolitik Das Rentenproblem beschäftigt nicht nur Österreich in steigendem Maße, sondern veranlaßt auch andere Län¬ der, sich mit seiner Lösung zu be¬ fassen. In einigen Staaten, besonders in England und in Skandinavien, aber auch in den Vereinigten Staaten wird dieser Frage immer größere Aufmerk¬ samkeit zugewendet. Man sagt sich mit Redrt, daß es wirtschaftlicher sei, mehr Arbeitsplätze zu schaffen, als gesupde oder nur leicht arbeitsbehin¬ derte Menschen in das große Heer unzufriedener Rentner zu stoßen._ gehen dahin, der abnehmenden Ar¬ beitskraft des alternden Mönschen durch eine schonende Beschäftigung entgegenzukommen. Nicht mit einem Sprung ins kalte Wasser — so wie das jetzt allgemein der Fall ist — soll die Dienstzeit abgeschlossen wer¬ den, sondern allmählich, bei ständig abnehmender täglicher ArbetUrzm^l^^^ soll der alternde Mensch "iil-l(I5n^ Ruhestand geführt werden. Der abnehmenden täglichen Arbeits¬ zeit entsprechend wird natürlich auch der Verdienst allmählich gekürzt, der dadurch entstehende Verdienstaus¬ fall wird durch eine ständig steigende Rente auf den vollen Wert des ur¬ sprünglichen Verdienstes ergänzt. Den alternden Menschgn urrd ’mlai den Rentenanstalten Icäme dieses System der Anpassung an die logische Entwicklung sehr zugute.^ Wirtschaftlich dürfte es aber auf sehr große Schwierigkeiten stoßen. Der Vorschlag, die Arbeitszeit bei ent¬ sprechendem Alter auf eine Halbtags¬ beschäftigung — unter den gleichen Verdienstvoraussetzungen — herab¬ zusetzen und dafür einen zweiten Arbeitnehmer einzustellen, ist jeden¬ falls sehr diskutabel und könnte auch“* technisch ohne weiteres durchgeführt werden. Hunderttausende wertvolle Arbeits¬ kräfte w'ürden dadurch der Volks¬ wirtschaft erhalten bleiben, ohne daß den Jungen die ArbeitsmöglichkeU*,/' genommen wird. Hier handelt es sich um Vorschläge, die wert sind, disku¬ tiert zu werden. Siegfried S t r e n i t z Eigentümei, Heiausneber und Verleger: Osler- reichischer Gewerkschaftsbund. Redaktion: Fritz Klenner und Franz Nekuia. Verantwort¬ licher Redakteur Karl Franta. Für die Bild- beilage verantwortlich: Fritz Konir. Gestaltung der Bildbeilage: August Makart. Alle Wien, I, Hohenstauienqasso 10—1?. Druck: Wald- heim-Eberle, Wien, VII., Seidengasse 3—11-

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