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Full text: Grundlegende Einschätzungen zu Vor- und Nachteilen des "Kapitaldeckungsverfahrens" (KDV) gegenüber dem Umlageverfahren (UV) aus makroökonomischer, demografischer und alterssicherungssystematischer Sicht

„Kapitaldeckungs“- versus Umlageverfahren   Erik Türk, Mai 2022 
2 
  
unmittelbaren Verfügungsmöglichkeiten darüber fließen anteilig den am Einkommensentstehungs- 
prozess (der Güter- und Dienstleistungsproduktion) Beteiligten zu. Mit dem Renteneintritt und dem 
damit verbundenen Entfall des Erwerbseinkommens versiegt diese für die Masse der Menschen 
zentrale (wenn nicht gar einzige) Einkommensquelle. Die Zuweisung eines unmittelbaren Anspruches 
auf einen entsprechenden Anteil an der laufenden Wertschöpfung aufgrund der Erwerbsarbeit 
entfällt. Um auch nach dem Versiegen dieser zentralen Einkommensquelle den Lebensstandard und 
die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben (weitgehend) aufrecht erhalten zu können, muss 
Einkommen von den Aktiven zu den nicht mehr Erwerbstätigen transferiert werden. Für Rentiers 
stellt sich diese Frage naturgemäß nicht. 
Alterssicherungssysteme sind demnach ihrem Wesen nach Transfersysteme, mit der zentralen 
Aufgabe, diesen erforderlichen Transfer von Verfügungsmöglichkeiten über einen angemessenen 
Anteil an der laufenden Wertschöpfung sicherzustellen. 
Daran ändert auch das Anhäufen von (Finanz-)Vermögen im Rahmen des KDV nichts, denn dieses 
Anhäufen schafft keine zusätzlichen Einkommensquellen. Es bewirkt keine Ausweitung des künftig 
produzierten und zur Verteilung bereitstehenden Güter- und 
Dienstleistungsvolumens3, 
sondern ist 
lediglich der Versuch, den (künftig) erforderlichen Einkommenstransfer anders als kollektiv, nämlich 
durch Zwischenschaltung der Finanzmärkte, zu organisieren. Durch den Erwerb von Vermögenstiteln 
wird kein zusätzliches Einkommen 
geschaffen4, 
es findet lediglich ein Einkommenstransfer von der 
Person, die Vermögenstitel kauft zu jener, die diese verkauft, statt. Wenn ich also Beiträge an einen 
Pensionsfonds leiste, der „für mich“ auf den Finanz-, Immobilien- (etc.) Märkten Vermögenstitel 
erwirbt, dann transferiere ich einen entsprechenden Teil meines Einkommens an den/die 
Verkäufer:in dieser Vermögenstitel - und nicht mehr. Wenn „mein Pensionsfonds“ diese 
Vermögenstitel künftig wieder zu veräußern versucht, um mir eine Rente auszahlen zu können, dann 
transferiert der/die Käufer:in dieser Vermögenstitel (etwa mit der Motivation für die eigene Rente 
vorzusorgen) wiederum einen Teil ihres/seines Einkommens an mich. 
Der wesentliche Unterschied zwischen „Kapitaldeckungs-“ und Umlageverfahren liegt somit nicht im 
Transfercharakter, der für beide Finanzierungsverfahren prägend ist, sondern in den sehr 
unterschiedlichen, jeweils zur Anwendung gelangenden Transfermechanismen. Innerhalb eines 
öffentlichen, umlagefinanzierten Rentensystems folgen Rentenhöhen, Beiträge und Steuern 
gesetzlichen Vorgaben und die Aufteilung der realen Lasten erfolgt auf Basis von demokratischen 
Entscheidungen, die auf einen gesamtgesellschaftlichen Ausgleich bedacht sind. Der Transfer von 
den Aktiven zu den Rentner:innen erfolgt mittels Beitrags- und Steuerzahlungen 
direkt5 
 ohne 
Umweg über die Finanzmärkte und damit ohne unnötige Reibungsverluste. Demgegenüber erfordert 
der Transfer im KDV einen Umweg durch Zwischenschaltung von Finanzintermediären zwecks 
Vermögensansammlung und deren späteren Veräußerung, was zwangsläufig mit entsprechenden 
zusätzlichen Kosten (Vertrieb, Veranlagung etc.) verbunden ist. Die Entscheidung über die konkrete 
Lastenverteilung wird im Rahmen finanzmarktabhängiger Rentensysteme den Marktmechanismen 
überlassen. 
  
3 
Die Frage, ob ein Forcieren des KDV in der Altersvorsorge für die künftige wirtschaftliche Entwicklung 
förderlich oder hinderlich wäre, ist in diesem Zusammenhang ebenfalls von großer Bedeutung. Diese Frage ist 
aber gesondert zu behandeln, weil hierzu eine Analyse der möglichen expansiven und kontraktiven 
ökonomischen Effekte durchzuführen wäre und das Ansammeln von (Finanz)Vermögen eben nicht einfach mit 
einem Erschließen zusätzlicher Einkommensquellen gleichgesetzt werden kann - aber dazu später. 
4 
Ökonomisch betrachtet ist (reales) Einkommen nichts anderes als die in einer Periode neu geschaffenen Güter 
und Dienstleistungen, die zur Befriedigung der Bedürfnisse der Menschen dann auch real zur Verfügung stehen. 
5 
Idealerweise mittels hoch effizienter Renten(versicherungs)systeme mit minimalen Verwaltungskosten, 
sodass ein Maximum der Transferleistungen auch tatsächlich bei den Rentner:innen ankommt.
	        
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