Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1923 Heft 15 (15)

579 ARBEIT UND WIRTSCHAFT Wicklung; seit Kriegsende. Mit einem wirkungsvollen Appell an die internationale Aktion der Arbeiterschaft, welche allein den Ausweg aus dem Chaos der Gegenwart weisen kann, schließt Kautskys tiefschürfende Arbeit, die besonders für Betriebsräte und Gewerkschaftsfunktionäre die wertvollen Dienste eines Lehrkurses der theoretischen Volkswirtschaft leisten wird. Weit weniger gelungen ist der Versuch eines Herrn Fer¬ dinand v. Gerhardt, die „Hauptfragen der theoretischen Volkswirtschaftslehre" auf 63 Seiten in 280 kurzzeiligen Antworten zu lösen (Verlag Blazek und Bergmann, Frank¬ furt atn Main 1923). Solche Büchelchen mögen höchstens dem Bedürfnis von Einpaukerschulen und Studenten ent¬ gegenkommen, die möglichst schmerzlos durch die Tücken und Nücken der Rigorosenprüfungen schlüpfen wollen, aber ein wirklich tieferes Eindringen in die Probleme der Nationalökonomie verstatten sie nicht. Ein recht gedankenvolles Werk stammt wieder aus dem Verlag E. Laub. Gottfried Salomon hat dortselbst den Ideengängen eines längst Toten wieder zu frischem Leben verholfen. Er hat P. J. Proudhons „Bekenntnisse eines Revolutionärs" in der Ubersetzung von Arnold Rüge her¬ ausgebracht und dazu eine eigene Einleitung geschrieben, welche die historische Würdigung des Lebens Proudhons als Politikers und Kämpfers, Publizisten und Philosophen vornimmt (Berlin 1923, 392 Seiten, Grundzähl 5.50). Proudhons glänzende Analyse der Revolutionsgeschichte seiner Zeit wird auch heute noch mit hohem Genuß gelesen werden. Einem anderen Großen der Geschichte des Sozialismus ist Konrad H ä n i s c h'. in Prachtausstattung erschienenes Werk „Lassalle, Mensch und Politiker" gewidmet (Verlag Franz Schneider, Berlin-Leipzig-Wien-Bern 1923, 148 Seiten, mit einem Bildnis Lassalles und 10 Faksimile-Beilagen, 54.000 K). Es ist eine Jubiläumsausgabe aus Anlaß des 60. Jahrestages der Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereines (23. Mai 1863). Hänisch hat sich die Auf¬ gabe gestellt, der jüngeren sozialistischen Generation das menschliche und politische Charakterbild des großen Orga¬ nisators der deutschen Arbeiterklasse neu zu gestalten und das ist ihm wahrlich gelungen. Mit der schon in der Hauptmann-Biographie bewiesenen feinsinnigen Stilkunst führt uns Hänisch durch alle Höhen und Tiefen des an Sturm und Bewegtheit, an Kraft und Tatenlust so reichen Leben Lassalles. Wir begrüßen diese seine neueste Biographie als eine vorbildliche Werbeschrift für den sozialistischen Ge¬ danken. Zufällig ist zu ungefähr gleicher Zeit auch die schon vor zehn Jahren geschriebene Broschüre von Robert D a n n eberg „Karl Marx, der Mann und sein Werk" neu heraus¬ gegeben worden (Volksbuchhandlung, Wien 1923, 64 Seiten, 6000 K). Sie erschien als unveränderter Nachdruck. Die in ihr enthaltenen Beiträge von Karl K a u t s k y, Leopold W i n a r s k y, Adelheid Popp, Otto Hahn, Max Adler, Oswald B i e n, Otto Bauer, Julius Deutsch, Gustav Eckstein, Anna Schlesinger und Danneberg selbst geben in populärster Form ein fast erschöpfendes Bild über Leben und Werk des Großmeisters der sozialisti¬ schen Theorie. Den geschichtsphilosophischen Gedankenströmen des Marxschen Geistes ist eine langatmige Aufsatzserie von Georg Lukdcs zugewandt: Ceschichte und Klassen¬ bewußtsein (Malik-Verlag, Berlin 1923, 343 Seiten). In acht blutleeren, auch stilistisch matten Essays zerquält sich Lukäcs mit Studien über marxistische Dialektik. Wer den frischen, lebendigen und immer originellen Einfallsreichtum etwa eines Max Adler kennt, der wird mit der blasierten Langweile des ungarischen Philosophen nur Mitleid haben können. Wie man richtig schimpft und spuckt, das mag Herr Lukäcs seinem Parteikollegen R a d e k abgucken, der diese Technik sogar in einem kurzen Vorwort, das er einer Schrift des zu den Kommunisten übergelaufenen A. M a r t ynow: „Vom Menschewismus zum Kommunismus" (Verlag Karl Hoym, Hamburg 1923, 59 Seiten) voransetzt, meister¬ lich zu handhaben versteht. Im übrigen gilt von dieser Schrift dasselbe, wie von fast allen' kommunistischen Kund¬ gebungen: was darin wahr ist, ist nicht sehr neu, ünd was neu, nicht wahr! Max Beer, von dessen „Allgemeiner Geschichte des Sozialismus und der sozialen Kämpfe" wir schon gesprochen haben („Betriebsrat", 1922, Nr. 18), hat sein Werk mit dem nun vorliegenden fünften Teil: „Die neueste Zeit bis 192(1", zu Ende gebracht (Verlag für Sozialwissenschaft, Berlin 1923, 111 Seiten, Grundzahl 1.45). Beer hat es auch diesmal 580 verstanden, auf sehr knapp bemessenem Raum die Fülle des Stoffes zu meistern und vor den Augen des Lesers ein, wenn auch konzentriertes und oft lückenhaftes, so doch plastisch wohlgelungenes Bild der Entwicklung all der machivollen Grundgedanken, welche die sozialistische Weltanschauung der Gegenwart gezimmert haben, entstehen zu lassen. Am 28. Juni hat sich zum neuntenmal der Tag des Dramas von Sarajevo, welches den Weltkrieg einläutete, gejährt. Aus diesem Anlaß erschien im Verlag der Frankfurter Societätsdruckerei ein sehr bemerkenswerter Beitrag zur Ent¬ stehungsgeschichte des Weltkrieges aus der Feder des Ser¬ ben Stanoje Stanojevic: „Die Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinand" (66 Seiten, Grundzahl 0.80). Stanojevic, welcher Professor der Belgrader Universität ist, befleißigt sich einer peinlichen Objektivität und bringt eine Menge neuen, bisher völlig unbekannten Materials, insbesondere über die Organisation des Attentats bei. Die Ubersetzung aus dem Serbischen ins Deutsche hat Hermann Wendel besorgt, was allein schon die Qualität des Büdhlein's ga¬ rantiert. Von Wendel ist übrigens vor nidit langem eine neue Sammlung von Essays unter dem Titel: „Aus drei Kulturen" herausgegeben worden (Verlag für Sozialwissen¬ schaft, Berlin 1923, 240 Seiten, Grundzähl 3). In drei Ab¬ schnitten führt er da eine ganze Reihe von Geistesträgern des deutschen, französischen und südslawischen Volkes vor und erfreut trotz des Widerspruches, der sich gegen manche Einzelheit regen mag, wie immer durch die anmutige Leich¬ tigkeit seiner Darstellung. Sehr interessante, gesellschaftsgeschichtliche Aspekte er¬ öffnet das gigantisch angelegte Werk des Historikers Fried¬ rich Mückle: „Der Geist der jüdischen Kultur und das Abendland" (Rikola-Verlag, Wien 1923, 689 Seiten). Von Oswald Spengler sichtlich beeinflußt, wenn auch in ausge¬ sprochenem Gegensatz zu ihm. gibt Mückle an der Hand geschichtsphilosophischer Grundsätze, deren Stichhältigkeit, insbesondere soweit sie gegen Marx polemisieren (Seite 40 ff.), einigermaßen bestreitbar ist, eine' an bunter Fülle der Gesichtspunkte reiche Charakteristik des indischen und babylonischen Kult.urkreises, um sodann zum Haupt¬ thema überzugehen: dem Werdegang der jüdischen Kultur, welcher angefangen vom Heldenzeitalter in der Wüste und in Kanaan bis zum Niedergang im Zeitalter der Propheten und zur Wiedererweckung durch die neue Kultur aes Christentums sowie den beginnenden Einflüssen auf das Abendland eine recht phantasievolle Schilderung erfährt. Von Literatur über Oswald Spengler selbst heben wir diesmal die Spengler sehr skeptisch gegenüberstehende Schrift des Freiburger Professors Götz Briefs hervor: „Untergang des Abendlandes, Christentum und Sozialismus" (Verlag Herder, Freiburg LB., 116 Seiten, Grundzahl 1.60). Die Quintessenz der Untersuchungen Briefs ist eine Ver¬ herrlichung des katholischen „Sozialismus". Mit triefender Begeisterung spengler f r e u n d 1 i c h gibt sich hingegen das Buch von Manfred Schröter: „Der Streit um Spengler. Kritik seiner Kritiken" (C. H. Becksche Verlags¬ buchhandlung, München 1922, 168 Seiten). Was der Autor sachlich vorzubringen hat, ist in keiner Hinsicht belangvoll. Von Wert hingegen sind die mit großem Fleiß zusammen¬ gestellten Literaturangaben, welche einen annähernden Überblick über den kolossalen Buchbetrieb gestatten, der durch Oswald Spenglers Werke hervorgerufen worden ist. Knapp vor Torschluß, vor dem Ende eines mit Geistes¬ schätzen so reich gesegneten Lebens hat der in der Vor¬ woche verstorbene bedeutende Wiener Philosoph Wilhelm Jerusalem sein populärstes Werk „Einleitung in die Philosophie" in neunter und zehnter Auflage herausgegeben. (Verlag Wilhelm Braumüller, Wien—Leipzig 1923, X + 370 Seiten, Grundzähl 14.) Auch diesmal sind Verbesserungen und Erweiterungen angebracht worden. So finden wir dem Buche die Ideen Husserls und den Gedankengang der „Philosophie des Als-Ob" neu einverleibt. Der soziologische Grundcharakter, welcher durch die Einfügung eines eigenen neuen Paragraphen über „soziologische Erkenntnislehre" und durch die Fortführung der Geschichte der Soziologie bis zur Gegenwart noch deutlicher unterstrichen wird als bisher, macht das Werk auch für die marxistische Forschung zu einer Quelle wichtiger Erkenntnisse. Eingelaufene Bücher. Christoph Hinteregger: Der Judenschwindel (Volks¬ buchhandlung, Wien 1923, 96 Seiten, 6000 K). Bericht über den Internationalen Transportarbeiterkongreß in Wien vom 2. bis 6. Oktober 1922 (Verlag der Inter¬ nationalen Transportarbeiter-Föderation, Amsterdam 1923, 130 Seiten).

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.