Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1923 Heft 15 (15)

557 ARBEIT UND WIRTSCHAFT strecken wurden Personenzüge mit französischem Personal zur Benutzung auch für die deutsche Bevölkerung einge¬ richtet. Die Bevölkerung verzichtete auf die Benutzung, das Reisen wurde eingeschränkt, neue Verkehrsmittel, wie Lastenautos, wurden neben den Straßenbahnen zur Be¬ förderung von und nach der Arbeitsstätte in Betrieb ge¬ nommen, aber se'hr bald von den Franzosen verboten. Die Benutzung der Telephon- und Telegraphenämter durch Militär brachte auch dieses wichtige Verständigungsmittel sehr bald zum Stillstand, so daß wichtige Großstädte wie Düsseldorf, Essen, Bochum und andere kleinere Orte schon seit Monaten ohne Telephon sind, der Telegrap'henverkehr wird notdürftig durch Kuriere von den nächstgelegenen Nachbarorten weitergeführt. Für Kohlentransporte von der Zeche und von allen Lagerstätten innerhalb des besetztet Gebietes sind französische Genehmigungs- und Begleit¬ scheine vorgeschrieben. Alle solche Transporte werden be¬ schlagnahmt, wenn die Erlaubnis nicht eingeholt wird. Da¬ mit haben die Besatzungsmächte in ein wichtiges Recht der Bergarbeiter eingegriffen, denn auch für den Transport der Deputatko'hlen der Bergarbeiter werden französische Er¬ laubnisscheine gefordert. Die in Rucksäcken oder anderen kleineren Tragmitteln von der Zeche mitgenommenen Kohlen verfallen ebenfalls der Beschlagnahme. Auch die Verhinderung des Betriebes der militarisierten Eisenbahn¬ strecken durch Sprengung des Bahnkörpers wird als ein Teil des Widerstandes zu bezeichnen sein, wenn auch die Arbeiterschaft diesen Gewaltakten fernsteht und diese zum Teil sinnlosen Akte verurteilt. Aus unbekannten Gründen wurde in der Woche vom 10. bis 17. Juni der letzte Rest des Eisenbahnverkehrs im Ruhrgebiet durch die Besetzung der Bahnhöfe zum Erliegen gebracht. Es ist nicht möglich, alle Einzelheiten des passiven Widerstandes in einem Artikel zu Papier zu bringen, des¬ halb sei es mit diesem Auszug genug. Die Gegenmaßnahmen der Besatzungsmächte legen Zeugnis ab von der unge¬ 552 heuren Erbitterung und Wirkung, welche diese Abwehr mit friedlichen Mitteln erzielt hat. Die bedingungslose Ein¬ stellung des passiven Widerstandes wäre in Anbetracht der Stimmung der Bevölkerung wo'hl kaum herbeizuführen. Die Arbeiterschaft verzichtet auf alle militärischen Waffen, sie ist froh, den Militarismus in Deutschland los geworden zu sein, um so weniger kann sie das einzige ihr zur Verfügung stehende Mittel des passiven Widerstandes mit wirtschaftlichen Waffen aus der Hand legen, ohne dem Ziele nähergekommen zu sein. Das Ziel war die Abwehr des Einbruches des französisch-belgischen Militarismus, Verständigung über Reparationen und Wiedergutmachung. Die Abwehraktion hat große Opfer gefordert. Zehntausende ausgewiesene Arbeiter, Angestellte und Beamte warten auf die Rückkehr in ihre Heimat, ungezählte sehnen den Tag herbei, wo sie die Gefängnisse verlassen können, in die sie durch Kriegsgerichtsurteile entgegen allen Rechtsgrund¬ sätzen gekommen sind. Freiheit der Arbeit und der Arbeits¬ stätte wird ein Traumbild bleiben, solange französisch¬ belgische Waffen Frondienste der deutschen Arbeiter für ausländische Kapitalisten erzwingen wollen. Alle Zwangs¬ maßnahmen, Verkehrssperren, Paßkontrollen, Kontribu¬ tionen, Beschlagnahme öffentlicher und privater Gelder müssen bei Aufgabe des passiven Widerstandes wider¬ standslos ertragen werden, kurz gesagt, dann ist die Bahn frei für jegliche Ausbeutung und die Erreichung politischer Ziele. Und der französische Ministerpräsident kann noch so oft versichern, daß sein Ziel beim Ruhreinmarsch nur die Besitznahme von Pfändern war, am Rhein und an der Ruhr glaubt das kein denkender Mensch. Nicht die Be¬ sitznahme von Pfändern, sondern die Be¬ sitzergreifung zum mindesten des linken Rheinufers ist und bleibt das Ziel. Dagegen wehrt sich die Bevölkerung, weil sie bei der Deutschen Republik bleiben will. STINNES ALS BANKIER Von Norbert Einstein (Stuttgart) von dem Einfluß auf den Barmer Bankverein viel für seine Wieder steht eine neue große Erwerbung des StinnesUnternehmen verspricht. Konzerns im Mittelpunkt des Interesses. Es handelt sich um die Ausbreitung der Bankinteressen. Den ersten Schritt Der Barmer Bankverein ist die größte deutsche Provinznach dieser Richtung tat Stinnes mit der Erwerbung von Großbank. Er hat 133 Filialen und Agenten hauptsächlich ungefähr einem Drittel der Aktien der Berliner Handels¬ im Rheinland und in Westfalen. Er ist eine ausgesprochene gesellschaft. Obwohl die ungefähren Ziele, die für Stinnes Emissions- und Finanzierungsbank für die Kleineisen- und in dieser Transaktion liegen, zu übersehen sind und diese Textilindustrie. Er steht nicht isoliert, sondern ist freund¬ nicht zuletzt gipfeln in einer Überwachung der beiden schaftlich verbunden mit dem größten sächsischen Institut, großen Konzerne (Otto Wolff und AEG), die in der der Allgemeinen Deutschen Kreditanstalt in Leipzig und genannten Bank zusammenlaufen, so ist bis heute doch dem größten bayrischen, der Bayrischen Hypotheken- und immer noch nicht klar zu erkennen, wie weit sich diese Er¬ Wechselbank in München. Der Stinnessc'he Einfluß wird werbung des Stinnesschen Interessenkreises bewährt hat. damit sich auf die größten anderen Provinzbanken Auf alle Fälle ist die deutliche Absicht vorhanden, die viel¬ erstrecken und neben der Zentralisation seiner Interessen fältigen Industrie- und Handelsbeziehungen des Konzerns, im Ruhrgebiet, in Hamburg, in Berlin, im mitteldeutschen die auf schwer übersehbaren Wegen inländisch und aus¬ Braunkohlengebiet wird das neue Interessen nach sich ländisch verlaufen, finanztechnisch besser zusammen¬ ziehen. Das wird auch bis zu einem gewissen Grade dazu zufassen; so hat jetzt Stinnes einen weiteren Schritt getan, führen, daß die eigenbrötlerischen Wirtschaftstendenzen und der Barmer Bankverein, Hinsberg, Fischer der einzelnen Länder Deutschlands wenn auch nicht aus¬ & Co. wird Stinnes-Bank. Er erhöht das Aktienkapital von geschlossen, so doch geschwächt werden. Der Kuriosität 1000 auf 1250 Millionen Mark und überläßt hievon 200 halber wollen wir darauf aufmerksam machen, daß in der Millionen neue Aktien Hugo Stinnes. Diese Kapitalserhöhung Wirtschaftsrundschau des „Völkischen Beobachter" vom zum Zwecke der Verbindung mit den Stinnes-Interessen 3. Juli 1923 das Übergreifen der Stinnes-Interessen auf werden nicht der einzige Aktienbesitz des Barmer Bank¬ Bayern mit dem Hinweis abgelehnt wird, daß die Bayrische vereines im Stinnes-Konzern sein, vielmehr hat die aus¬ Hypotheken- und Wechselbank vom bayrischen Königshaus gesprochene Hausse in den Aktien des Barmer Bank¬ ins Leben gerufen sei und man sich mit der neuen vereines der letzten Wochen gezeigt, daß große Aufkäufe Interessennahme durchaus nicht befreunden könne. Wenn vor sich gehen. Die Aktien notierten: in diesem Zusammenhang darauf verwiesen wird, daß man jetzt wisse, „wohin die Reise bei uns geht", so ist das 10. Juni 15.500 Prozent reichlich dunkel. 13. „ 31.000 Darüber hinaus lehnt sich der Barmer Bankverein aber 18. „ 40.500 auch an ausländische Bankunternehmen an. Er hat Be¬ 22. „ 70.000 ziehungen zu dem Bankhaus van der Heydt — Kersten 27. „ 85.000 & Söhne in Elberfeld und anderen Filialen in Amsterdam. 29. „ 195.000 Die Frage interessiert natürlich am meisten, was In drei Wochen hat sich also der Kurs verdreizehnfacht. Stinnes mit dieser Erwerbung will. Es handelt sich Es handelt sich demnach um den systematischen Aufkauf diesmal nicht um eine Verhandlung zwischen Direktion und der Aktien am freien Markt, und es ist nicht die mühelose Direktion und um die friedliche Verknüpfung Stinnesscher Erwerbung eines großen Pakets, wie damals bei der Er¬ Interessen mit anderen Unternehmungen, denn in der werbung der Berliner Handelsgesellschaft durch das letzten Zeit, seit die Macht des Herrn Stinnes derartig Zyprutsche Aktienpaket. Diese Erwerbung hat Stinnes angewachsen ist, sind die Erweiterungen des Konzerns viele hundert Milliarden gekostet, und bei einem so kühl nicht auf dem Wege kapitalaufreibender Aktienkämpfe rechnenden Kaufmann läßt das darauf schließen, daß er sich

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