Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1926 Heft 10 (10)

363 ARBEIT UND WIRTSCHAFT 364
das ganze Jahr 1925 zeigen die tiefen Wirkungen der
internationalen Kohlenkrise. Die Steinkohlenförde¬
rung betrug, in Millionen Tonnen gerechnet, im Mo¬
natsdurchschnitt von 1913 und 1925:
Monatsdurchschnitt
Deutsches Reich (auch für 1913 jetziges 1913 1925
Reichsgebiet) 11 73 11 06
Saargebiet 110 1 05
Frankreich 372 4 00
Belgien 1-90 1 93
Polen 3-94 240
Tschechoslowakei . . . . 119 1-04
Großbritannien 24 34. 2096
Vereinigte Staaten . . . . 4309 4429
Kanada 114 0-68
In Europa ist in fast allen Ländern mit Ausnahme
der Inflationsstaaten Frankreich und Belgien ein
Rückgang der Kohlenproduktion eingetreten. Kr
ist am stärksten in England, wo er beinahe zwanzig
Prozent gegen 1913 beträgt, er ist sehr groß in Polen
und ist empfindlich in der Tschechoslowakei. Dabei
geben diese Zahlen nur ein unvollständiges Bild der
Lage im internationalen Bergbau, denn nicht nur die
Förderungszahlen, sondern auch die Größe der Hal¬
denbestände ist für die Beurteilung des Kohlen¬
marktes wichtig. Und die Haldenbestände haben in
allen Ländern sehr stark zugenommen: sie waren
zum Beispiel im Ruhrgebiet im Monatsdurchschnitt
des zweiten Halbjahres 1925 um zwei Drittel größer
als im Durchschnitt des ersten Halbjahres 1924. So
rasch hat sich die Lage im deutschen Kohlenbergbau
verändert. Und in den anderen Ländern ist die Si¬
tuation nicht günstiger.
Am ärgsten ist England von der Kohlenkrise in
Mitleidenschaft gezogen, denn die englische Krise
hat neben den allgemeinen noch besondere Ursachen.
Das ganze System des englischen Bergbaues ist
veraltet, die Zersplitterung des Eigentums hat zur
Folge, daß neben den großen leistungsfähigen und
modern ausgestatteten englischen Gruben auch
kleine, nicht ergiebige und technisch rückständige
Lager ausgebeutet werden. Die Organisation des
Bergbaues, seine ganze rechtliche Verfassung schreit
nach einer Neuerung aber das Privateigentum an
den Kohlengruben steht diesen notwendigen Refor¬
men im Wege: die kapitalistische Wirtschaftsver¬
fassung ist hier so deutlich wie hoch nie in der Ge¬
schichte des Kapitalismus zu einem Hemmnis der
Produktion geworden. Die Zeiten der Kriegswirt¬
schaft, der staatlichen Hilfe für den Kohlenbergbau
sind vorbei und nun tritt die schwere Krise des eng¬
lischen Bergbaues unverhüllt zutage. Nach einer Auf¬
stellung, die nicht direkt von englischer Seite stammt
und darum auch weniger im Verdacht steht, von den
englischen Unternehmern tendenziös gefärbt zu sein,
nach einer Aufstellung also, die in dem vom deutschen
Reichsstatistischen Amt und vom Institut für Kon¬
junkturforschung herausgegebenen Buch „Die Wirt¬
schaftslage Ende 1925" enthalten ist, sind die Lohn¬
kosten im englischen Bergbau in der Periode vom
1. Mai 1924 bis 30. April 1925 um 94-27 Prozent, die
anderen Produktionskosten (Material usw.) sogar um
104-48 Prozent, der Verkaufspreis hingegen nur um
72-21 Prozent gestiegen. So arbeitet heute der größte
Teil des englischen Bergbaues — nach dem Bericht
der staatlichen Kohlenkommission ungefähr 73 Pro¬
zent aller Gruben - passiv. Die Unternehmer wollen,
wie das ja zu den ältesten, aber beliebtesten Requi¬
siten der Unternehmerpolitik gehört, die Löhne her¬
absetzen und die Arbeitszeit verlängern, die Berg¬
arbeiter verlangen aber die Aufrechterhaltung ihres
Lohnniveaus.
Aber auch die Bergarbeiter sind klug genug, ein¬
zusehen, daß bei Aufrechterhaltung der gegenwärti¬
gen Verfassung des englischen Bergbaues ihre Löhne
nicht aufrechterhalten werden können, wenn nicht
der gesamte Bergbau in England stillgelegt werden
soll. Und darum richtet sich die Forderung nach Auf¬
rechterhaltung ihres Lebensstandards im Grund ge¬
nommen gegen das kapitalistische Sy¬
stem im englischen Bergbau. Was Marx
vor mehr als einem halben Jahrhundert auf Grund
der Ergebnisse seiner wissenschaftlichen Forschung
voraussah, das ist eingetreten: der Kapitalismus kann
die Ernährung, er kann eine menschenwürdige Le¬
benshaltung der Arbeiter nicht mehr gewährleisten,
seine Methoden, seine rechtliche und wirtschaftliche
Verfassung gerät in Widerspruch mit den
ökonomischen Entwicklungstenden¬
zen, er hemmt den Fortschritt der Produktion; der
englische Bergbau könnte nur aufrechterhalten und
konkurrenzfähig werden durch eine wesentliche Sen¬
kung der Lebenshaltung der Arbeiter, aber die ist in¬
folge der Kraft und Macht der Arbeiterorganisation
unmöglich. Und darum der gewaltige Zusammenstoß!
Darum ist die Forderung der englischen Bergarbeiter,
die nüchterne Lohnforderung, um die zunächst ge¬
kämpft wird, eine revolutionäre Forderung,
revolutionär deshalb, we>I sie die ganze Frage der
kapitalistischen Produktionsform im englischen Berg¬
bau aufrollt.
Und weil die ökonomischen Gesetze, die zu diesem
Konflikt getrieben haben, so zwingend sind, darum
mußten die englischen Arbeiter und ihre Führer,
nicht nur die unmittelbar beteiligte Bergarbeiter¬
gewerkschaft, sondern alle Gewerkschaften in den
Kampf treten. Von manchem der Führer der englischen
Arbeiter hätte man noch vor wenigen Monaten nicht
geglaubt, daß sie einmal einen Generalstreik führen
werden. Noch vor fünf Jahren, an jenem „schwarzen
Freitag" des Jahres 1921, ist der Dreibund der eng¬
lischen Gewerkschaften, das Kartell der Bergarbeiter,
der Eisenbahner und der Transportarbeiter, im ent¬
scheidenden Augenblick, als die Bergarbeiter auf die
Hilfe ihrer Kollegen rechneten, zerschlagen worden.
Damals sind die englischen Bergarbeiter allein ge¬
blieben und sind in dem Kampfe, den sie geradezu
mit dem Heldenmut der Verzweiflung und mit un¬
glaublichem Heroismus führten, unterlegen. Seither
sind kaum fünf Jahre vergangen; es ist dieselbe
Generation, es sind dieselben Führer — und welch
unglaublicher, welch erfreulicher Unterschied gegen
den schwarzen Freitag von 1921! Die traditionelle
Zersplitterung, die so oft zum Verhängnis der
Arbeiter gewordene Eigenbrötelei der englischen
Gewerkschaften ist überwunden, und heute stehen
Bergarbeiter, Transportarbeiter, Eisenbahner, Schiffs¬
leute. Elektrizitätsarbeiter in einem gemeinsamen
Kampf! Und die Arbeiter, die noch in den Betrieben
bleiben sollen, müssen zurückgehalten werden, um
nicht auch an die Seite ihrer kämpfenden Kamera;
den zu treten! Es mag einer denken was er will, er
mag melir oder weniger an ein wirtschaftsfriedliches
Zusammenwirken mit dem Bürgertum und den
Unternehmern glauben — alle Werden mitgerissen
von der unerhörten und vielleich noch nie so deut¬
lich empfundenen Gewalt der ökonomischen Ent¬
wicklung.
Freilich, der Kampf der englischen Kameraden ist
darum nicht leichter, weil er als unmittelbare Folge
der kapitalistischen Entwicklung ausgebrochen ist.
Er ist schon deshalb ein schwerer Kampf, weil auch
die englischen Bergarbeiter wissen, daß sie ihr
Lohnniveau für die nächste Zeit schwer aufrecht¬
erhalten könnten, selbst wenn die Organisationsform
des englischen Bergbaues radikal geändert würde.
Aber sie verlangen die Sozialisierung des englischen
Kohlenbergbaues nicht, um während der Übergangs¬
zeit ihre jetzigen Löhne zu behaupten, sondern um
        

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