Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1926 Heft 10 (10)

369 ARBEIT UND WIRTSCHAFT 370
während der Hochkonjunktur Kredite zur Verfügung stehen.
Herbei also mit den neuesten arbeitsparenden Maschinen.
Herbei mit den Antreibersystemen der Betriebsführung!
Sehen wir uns nun an, auf welche Weise sich die
Unternehmerschaft organisiert, um sich dieser
„Wissenschaft", deren einfachster und schönster Name
Arbeitswissenschaft ist, zu widmen. Seit 1924 be¬
steht der Wiener Ausschuß für wirtschaftliche Betriebs¬
führung (AWB) mit einer eigenen Zeitschrift. Über alles
wird da beraten, in manchen Belangen etwas nachlässig.
In allen anderen, wo Profit herausschaut, mit unglaublicher
Gründlichkeit. Betrachten wir diesen AWB des Haupt¬
verbandes der Industrie (Wien III, Lothringerstraße 12)
näher. Er gliedert sich in vier Gruppen:
1. Gruppe: Verwaltung. 3 Arbeitsausschüsse
a) Für Organisation, technische Vorbereitung usw. unge¬
fähr 9 aktive Mitglieder;
b) für Selbstkosten, ungefähr 13 aktive Mitglieder;
c) für Bürobehelfe, ungefähr 30 aktive Mitglieder.
2. Gruppe: Personal. 2 Arbeitsausschüsse
a) für Lohnverrechnung, ungefähr 30 aktive Mitglieder.
b) für Ausbildung, ungefähr 13 aktive Mitglieder.
3. Gruppe: Material. 1 Ausschuß für Material-
Übernahme, ungefähr 7 aktive Mitglieder.
4. Gruppe: Erzeugung. 1 Ausschuß für Arbeits¬
mittel, ungefähr 8 aktive Mitglieder, und ein Unter¬
ausschuß für Transmissionen, ungefähr 7 aktive Mitglieder.
Außerdem besteht schon seit 1921 der österreichische
Normenausschuß für Industrie und Gewerbe (önig) mit
zahlreichen Arbeitsausschüssen und mit einer eigenen Zeit¬
schrift.
Desgleichen besteht schon seit 1923 die Gesellschaft für
Wärmewirtschaft innerhalb des Rahmens des Hauptver¬
bandes der Industrie, die auch eine eigene Zeitschrift
herausgibt (GW). Die Zeitschriften des AWB, des Ünig
und der GW erscheinen zusammen unter dem Namen
„S p a r wi r t s c h a f t". Insgesamt widmen sich mehr als
200 Unternehmer dieser aktiven Arbeit in den Ausschüssen.
Die Sitzungen finden oft mehrmals in einem Monat statt.
In Salzburg und in Linz existieren bereits Zweigstellen.
Bemerkt sei noch, daß der Arbeitsplan des AWB, wie
aus seiner Zeitschrift hervorgeht, nur ein Rumpfplan ist;
denn eigentlich wollte man noch gründlicher sein und
neun Arbeitsgruppen aufstellen. Es wird wahrscheinlich
nicht lange dauern, so ist dieses Ziel erreicht.
In Deutschland draußen wird noch gründlicher gearbeitet.
Dort gibt es sogar ein Reichskuratorium für Wirtschaftlich¬
keit in Industrie und Handwerk, das die Zentralisierung
aller Rationalisierungsbestrebungen in Deutschland durch¬
führen will. Ähnliche Organisationen gibt es in allen Län¬
dern. So insbesondere in Amerika, Frankreich, Belgien,
Schweiz, Tschechoslowakei, England usw. Ja man hatte
sogar schon mehrere internationale Unternehmerkongresse
abgehalten, die sich mit den Fragen der „wissenschaft¬
lichen" Organisation der Arbeit befaßten. Einer tagte in
Brüssel vom 14. bis zum 16. Oktober 1925. Delegierte aus
allen Ländern, ja sogar aus Asien, waren erschienen.
Unternehmer aus Belgien, Frankreich, Holland, Polen, der
Schweiz und auch Spanien erstatteten Referate. Ein
anderer Kongreß tagte in Prag vom 20. bis 24. Juli 1924.
Er wurde insbesondere von Amerikanern und Slawen
(darunter Russen!) beschickt.
Die Arbeitswissenschaft beschäftigt sich unter anderem
auch viel mit der Physiotechnik und Psycho-
technik der Arbeitsprozesse; darunter versteht
man die Anwendung psychologischer und physiologischer
Kenntnisse auf die Arbeitsbewegungen und die Körper¬
stellungen bei der Arbeit, um sie möglichst rationell, jedoch
nicht unnatürlich, vom psychophysischen Standpunkt aus
zu gestalten. Die Unternehmerarbeitswissenschaft bezieht
nun ihre Kenntnisse über die Physio- und Psychotechnik
der Arbeit nicht von Physiologen und Psychologen. Nein:
Sie wendet sich an Betriebsingenieure, wie zum Beispiel an
Taylor. Gilbreth und ähnliche, die den Menschen
begreiflicherweise wie ein Stück Mechanismus ansehen.
Der Arbeiter ist für sie bloß Maschine. Sie stellen ihre be¬
rühmten Zeit- und Bewegungsstudien an. Man nimmt sich
ausschließlich Spitzenverdiener her und läßt durch sie die
Arbeitsbewegungen ausführen. Der Experimentator be¬
merkt eine unnütze Bewegung; sie wird sofort abgestellt.
Es könnte eine andere Bewegung mehr der geraden Luft¬
linie folgen; sie wird auch schon angeordnet. Zum Schluß
hat man eine einzige Standardbewegung, die man in
soundso viel Minuten, soundso viel Sekunden und soundso
viel Zehntelsekunden, ja manchmal sogar Hundertstel¬
sekunden ausführen kann. Nur Arbeiter, die die Stan-
d a r d b e w e g u n g ausführen können, werden bei der
betreffenden Arbeit verwendet; alle übrigen werden ent¬
weder anderen Arbeiten zugewiesen oder kurz entschlossen
entlassen. Jeder echte Arbeitswissenschafter, der natürlich
psychologisch und physiologisch geschult ist, greift sich an
den Kopf! Er weiß: Von einem psychologischen und
physiologischen Standpunkt aus gibt es keine Einzelbewe¬
gung, die für alle einzelnen Arbeiter die beste wäre. Der
Rhythmus der Arbeitsbewegung zum Beispiel hängt ab von
der Länge und Körpermasse des sich bewegenden Gliedes,
zum Beispiel des Armes. Nur wenn die Arme zweier Ar¬
beiter gleich lang, gleich stark und gleich schwer sind, kann
der Rhythmus derselbe sein. Der Arbeitswissenschafter weiß,
daß die schnellsten und wenigsten Bewegungen nicht immer
die produktivsten oder die am wenigsten ermüdenden sind.
Mittels der Arbeitskurve kann er leicht nachweisen, daß
oft kürzere Bewegungen unvergleichlich mehr ermüden
als längere und mehr Bewegungen, die von der physio¬
logischen und psychologischen Struktur des Menschen ver¬
langt werden.
Ein anderes Beispiel: Es werden neue Maschinen kon¬
struiert, um dem Arbeiter ein paar unnütze Bewegungen
zu ersparen. Die Arbeit ist dadurch etwas rationeller ge¬
worden, sie geht schneller vonstatten und die Unternehmer
erfreuen sich des neuen Fortschrittes. Der Arbeitswissen¬
schafter untersucht die Maschine vom arbeitsbiotechni¬
schen und psychotechnischen Standpunkt aus, er schaudert
zurück: Die Maschine verlangt zum Beispiel eine so
schnelle Bewegung der Augen, daß der Arbeiter in
kürzester Zeit irgendwie geschädigte Augenmuskeln haben
wird. Ferner muß der Arbeiter unnützerweise, ja
schädlicherweise stehen, anstatt daß er 'in einer Art von
Reitbock sitzt. Der Arbeitstisch ist nicht verstellbar, zum
Schaden der Arbeiter von großem und kleinem Körperbau.
Mit einem Wort, der Arbeitswissenschafter muß der Ma¬
schine die psychotechnische Eichung absprechen.
Ein anderes Beispiel. Der Unternehmer läßt Arbeits¬
kurven herstellen. Sie registrieren das Leistungsmaß pro
Minute, pro Stunde usw. Der Unternehmer wettert, weil
der in seinem Sold stehende Experte sagt, daß die Kurve
absichtliche langsame Arbeit verrät. Er freut sich jedoch,
wenn die Kurve eine Leistungssteigerung gegenüber früher
aufgenommenen anzeigt. Diese Kurve wird wahrscheinlich
in einem echten Arbeitswissenschafter Bestürzung hervor¬
rufen. Er erkennt aus ihrem Verlauf Zeichen der Über¬
müdung, des Aufbrauches der sonst nie angetasteten
Muskelenergiereserve. Er sieht vielleicht gar die ersten
Anzeichen einer pathologischen Erschöpfung, dies alles,
obwohl der reorganisatorische Experte mit der Steigerung
der Leistung zufolge der von ihm vorgeschlagenen Ma߬
nahmen zufrieden ist.
Diese Beispiele ließen sich natürlich vervielfältigen. Die
wenigen mögen aber genügen, um darzutun, daß d i e
Arbeits.Wissenschaft im Dienste der Unter¬
nehmer etwas anderes ist als die Arbeits¬
wissen s c h a f t im Dienste derjenigen, für die
sie eigentlich existiert, der Arbeiter. Nun
ist aber die Arbeitswissenschaft ein so weites und um¬
fangreiches Gebiet, daß es darin genug Gebiete gibt, in
denen die Interessen der Unternehmer und
der Arbeiter parallel laufen. Hier ist Zusammen¬
arbeit möglich. Man denke nur an: Rationelle Fertigungs¬
lehre (Fertigung = Produktion, ein in Deutschland voll¬
kommen eingebürgerter Ausdruck), die sich beschäftigt mit
Normung, Typung, Austauschbau, Abstoffen und Abfall¬
verwertung, Verhinderung von Werkstückbeschädigung
usw.; Reklamepsychologie (jährlich werden Millionen un¬
nütz für Reklame verschwendet, weil die elementarsten
Kenntnisse der Reklamepsychologie den dafür in Betracht
kommenden Kreisen nicht bekannt sind); Berufspsycho-
graphie (das ist die Aufstellung von psychologischen
Charakteristiken für die einzelnen Berufe, um heraus¬
zufinden, welcher Art die Eignungsprüfungen sein sollen);
Testpsychologie (die Psychologie der Eignungsprüfungen.
Die Zusammenarbeit auf diesem Gebiete wird vielleicht zu
Mißhelligkeitcn führen, weil Widersprüche bestehen zwi¬
schen einer Berufsauslese von einem sozialen Standpunkt
und von einem privatwirtschaftlichen); ärztliche Eignungs¬
prüfungen.
Aber man stelle sich nur einmal vor, wie folgende
arbeitswissenschaftliche Themen das Unternehmerinter¬
esse verfälschen, entstellen, grotesk verzerren müßten;
Methodologie der Ermüdungsmessungen; Arbeitshygiene;
        

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