Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1926 Heft 10 (10)

ARBEIT UND WIRTSCHAFT 372371
Arbeitspathologie und -therapie: Arbeitspsychopathologie;
Psychotechnische Eichungen; Psychotechnik der Arbeits¬
kurve (klärt auf über Fragen, wie: Ermüdung, Arbeits¬
pausen, Optimalarbeitszeit — die beste Länge der Arbeits¬
zeit vom Standpunkt der Sozialhygiene usw. usw. —,
Arbeitsanregung, Wissensantriebe, Arbeitsübung, Arbeits¬
gewöhnung, Depressionen der Leistungstüchtigkeit usw.
usw.); Psychologie des Arbeitsmilieus (die günstigen und
ungünstigen Einflüsse des Arbeitsmilieus auf den Arbeiter);
Werkstattbau und Werkstattaussiedlung (die sachgerechte
oder kunstgerechte Verteilung der Arbeitsplätze im Fabrik¬
raum); Betriebsorganisationslehre (Taylorsystem, For¬
dismus, GWF-System usw. usw.); Fertigungspädagogik
(die Pädagogik des Arbeitslärmverfahrens); Lohnsystem¬
lehre; Arbeitsstatistik usw. usw.
Die Arbeitswissenschaft ist unerläßlich, wo es arbeitende
Menschen gibt. Sie will der Gesundheit, der Arbeitsfreude
und Lebenszufriedenheit der Arbeiter dienen bei gleich¬
zeitiger Steigerung der Leistungen, jedoch Herabsetzung
der Arbeitsopfer (wie Ermüdung, Energieverbrauch, Kür¬
zung der Freizeit usw.) auf ein Minimum. Die Arbeits¬
wissenschaft erweist der Arbeit jene Ehre,
die sie schon seit der Entwicklung' der
Wissenschaften verdient hätte. Sic wird zum
alleinigen Objekt der nimmermüden, verständnisvollen
Forschertätigkeit, die alle Wissenschaften als Hilfswissen¬
schaften heranzieht. Die Arbeitswissenschaft ist nur ange¬
wandte Wissenschaft. Zum Theoretisieren gibt sie keine
Gelegenheit. Sie ist ein Segen für die Arbeiterschaft der
Gegenwart, solange sie unverfälscht ist. S>e ist aber un¬
umgänglich notwendig für die Arbeiterschaft der Zukunft,
wenn sie zur Übernahme der Produktion berufen ist. Daher
hat die Arbeiterschaft das regste Interesse daran, daß die
heutigen Fundamente dieser Wissenschaft ausgebaut
werden und allen Arbeitenden wenigstens in ihren Grund¬
zügen vermittelt wird.
Die österreichische Arbeiterschaft war
immer fortschrittlich gesinnt und hat sich Ent¬
wicklungen, die in ihren Auswirkungen für die breite Masse
von Nutzen und Vorteil waren, nie entgegengestellt, ob¬
gleich vielleicht der Neueinführungen wegen einzelne Arbei¬
ter schwer zu leiden hatten. Sie ist auch einer Amerikani-
sierung nicht prinzipiell feindlich. Aber es darf nur soweit
amerikanisiert werden, als die Amerikanisierungsmaß-
nahmen die strengste Prüfung durch die unverfälschte
Arbeitswissenschaft bestehen! Eine solche von allen und
jeden Schäden gereinigte Amerikanisierung allein wird die
Arbeiterschaft über sich ergehen lassen. Sache der B e-
triebsräte, Gewerkschaften und Arbeiter-
k am m er n ist es, diesen Entwicklungsprozeß genau zu
verfolgen und rechtzeitige Vorbereitungen zu treffen, daß
bei Ausgestaltung der Arbeitswissenschaft rieben den Inter¬
essen der Unternehmer auch die Interessen der Arbeiter
und Angestellten gewahrt werden.
DAS VORBEREITENDE KOMITEE DER INTER¬
NATIONALEN WIRTSCHAFTSKONFERENZ
Von Emmy Freundlich
Nach langem Verhandeln zwischen den großen Signatar¬
mächten der Friedensverträge, vor allem nach langen Ver¬
handlungen zwischen Frankreich und England, ist es doch
zur prinzipiellen Entscheidung für die Einberufung einer
internationalen Wirtschaftskonfercnz in der Völkerbund-
versammlung gekommen. Um aber den Erfolg dieser
großen Konferenz zu sichern, wurde zuerst ein vor¬
bereitendes Komitee bestellt, dessen Aufgabe es ist, die
Tagesordnung aufzustellen und die Verhandlungen durch
Enqueten, Recherchen und Gutachten so vorzubereiten,
daß wirkliche Beschlüsse in den einzelnen Fragen gefaßt
werden können. Das vorbereitende Komitee besteht aus
35 Mitgliedern, die im allgemeinen nicht Vertreter von Re¬
gierungen und Organisationen sind, sondern die als Ex¬
perten persönlich berufen wurden, weil sie die Interessen
der Industrie, des Handels, der Arbeiter und der Kon¬
sumenten kennen und ihre praktische Erfahrung sie zur
Vertretung solcher Interessen befähigt. Unter den 35 Ex¬
perten befinden sich vier Gewerkschaftsvertreter und drei
Konsumentenvertreter. Das vorbereitende Komitee ist in
der Festsetzung seiner Verhandlungsgegenstände und der
Art seiner Arbeit vollständig autonom. Die Arbeiter- und
Konsumentenvertreter hatten sich in einer offiziellen Be¬
sprechung, die vom Internationalen Arbeitsamt einberufen
wurde, auf folgendes Programm geeinigt:
I. Die Stabilisierung der Währungen (insbe¬
sondere die Mitarbeit der'staatlichen Notenbanken). II. Die
internationale Handelspolitik. Einzelne
Fragen der Probleme: a) die Bekämpfung des Dum¬
pings; b) die Zirkulation der Rohstoffe und der
Nahrungsmittel; c) Abbau der übertriebenen
Schutzzölle der Länder: d) die Handelspolitik und ihre
Wirkung auf die Lebenshaltung der Arbeiterklasse,
e) die Frage der internationalen Organisation
der Produktion und des Marktes und ihre Wirkungen auf
die internationale Wirtschaftspolitik. Der wirtschaftliche
Zusammenschluß Europas. Die Zusammenarbeit Europas
mit den übrigen Teilen der Welt. III. Die Errichtung der
industriellen, internationalen Kartelle und Trusts
und deren Kontrolle, in Verbindung mit den Regierungen
und dem Völkerbund, den gewerblichen und allgemeinen
Konsumentenorganisationen (Kontrolle der Approvisio-
nieriyig) und den Arbeiterorganisationen und dem Inter¬
nationalen Arbeitsamt (Kontrolle der Arbeitsbedin¬
gungen). Vor allem die Behandlung der wichtigsten Pro¬
duktionsgebiete: Ol, Petroleum, Eisen, chemische Pro¬
dukte, Kautschuk, Baumwolle, Getreide. IV. Weitere Ma߬
nahmen, welche die Beschäftigung der Arbeiter und ihre
Lebenshaltung sichern (Kreditpolitik, Vergebung öffent¬
licher Lieferungen, Beschäftigung ausländischer Arbeiter).
In der Generaldebatte hatten die Arbeitervertreter die
Genugtuung, daß ein großer Teil ihrer Vorschläge nicht
nur beachtet, sondern allseitig als die wertvollen Ver¬
handlungsgegenstände, die nicht außer acht gelassen
werden dürfen, angesehen wurden. Sehr interessant war es
nun, zu sehen, wie stark das amerikanische Beispiel auf
die westlichen Unternehmerkreise einwirkt. Immer wieder
erklärten die Unternehmervertreter, man müsse die Kauf¬
kraft heben und einer von ihnen sagte: Man dürfe niemals
vergessen, daß, wenn man erzeuge, man auch verkaufen
muß. Allerdings wollen die Unternehmer den Arbeitern
nur dann die steigende Kaufkraft zugestehen, wenn die
Arbeiter sich restlos in den rationalisierten Erzeugungs¬
apparat einschalten lassen und wenn der Bedürfnisgrad,
der gesteigert werden muß, damit die Kaufkraft steigt,
Hand in Hand gehe mit einer zunehmenden Leistung. Trotz¬
dem muß vermerkt werden, daß sich des einzelnen Arbeiters
doch die Erkenntnis durchzusetzen beginnt, man dürfe den
Arbeiter nicht nur als einen Teil der Produktion be¬
trachten, sondern muß in ihm auch eine wertvolle Kon¬
sumtionskraft schätzen, die man sich erhalten muß, wenn
die Industrie gedeihen soll. Deshalb fanden die Vorschläge,
nicht nur die Rationalisierung der Produktion, sondern auch
die Rationalisierung des Handels zu erforschen und dort
nach Mitteln zu suchen, die die Kaufkraft von Gewinn und
Zwischengewinnen entlasten können, allseitige Zu¬
stimmung und einer der Unternehmer sagte im Privat¬
gespräch, daß, wenn wir wirklich imstande wären, durch
die Konferenz zu erreichen, daß mit den überflüssigen
Zwischenhändlern aufgeräumt wird, wir wirklich eine
rettende Tat getan hätten.
Mit derselben Entschiedenheit setzen sich die Unter¬
nehmervertreter für die „Entente industrielle" ein, ein
Wort, das so schön den häßlichen und gefürchteten Namen
Kartell umschreibt. Diese industrielle Gemeinschaft ist das
Ziel der Sehnsucht der gesamten internationalen Industrie.
Alles zusammenschließen, was gemeinsam arbeiten kann,
die unrentablen Betriebe stillegen und neue Profite aus
dieser Zusammenballung aller Kraft ziehen, das erscheint
allen als der Rettungsanker. Nun kann auch der Arbeiter¬
und Konsumentenvertreter ein gutes Stück mit diesem Ge¬
danken zusammengehen, er kann dem gewiß zustimmen,
daß man verhindern will, künstlich lebensunfähige Industrien
zu züchten und durch hohe Schutzzölle am Leben zu er¬
halten, und er kann gewiß der Rationalisierung der Pro¬
duktion in mancher Hinsicht entgegenkommen, aber er
        

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