Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1926 Heft 12 (12)

493 ARBEIT UND WIRTSCHAFT
iihiimi ???iiiin—HgTm/??aow—-
494
ENTROLLET DIE FAHNEN!
KÄMPFET UND SIEGET!
Von Viktor Stein
Keiner der zahllosen YVahlkämpfe, die summiert
den Kampf des Proletariats um die politische Macht
darstellen, «leicht dem, vor dessen Abschluß wir in
einigen Teilen unserer kleinen Republik stehen und
von dessen Ausgang die Zusammensetzung der zwei¬
ten Arbeiter- und Angestelltenkammer abhängt;
denn das ist scheinbar kein Kampf von Klasse gegen
Klasse und doch eine der bedeutsamsten Episoden
des Klassenkampfes. Jedenfalls eine der entscheiden¬
den, die Zukunft bestimmenden Episoden des prole¬
tarischen Klassenkampfes.
Als wir vor fünf Jahren die ersten Kammern wähl¬
ten, waren wir uns nur in sehr, sehr beschränktem
Ausmaß der Tatsache bewußt, daß dieses neue In¬
stitut, dessen Aufgabenkreis im Gesetz selbst eng um¬
rissen, vielfach als verschwommen, unbestimmt und
vor allem als den Gewerkschaften hinderlich emp¬
funden wurde, eines der wertvollsten Instrumente
des Klassenkampfes werden könnte. Waren es ja
doch nur Arbeiter und Angestellte, die da als Wähler
aufmarschierten; wie konnte es da anders sein, als
daß die Klassengegner diesen Wahlen und ihrem End¬
ziel, den Kammern, kaum irgendwelche Beachtung
schenken wollten? Heute sind wir belehrt. Die ersten
Kammerwahlen standen noch im Zeichen der unan-
gezweifelten Machtstellung der arbeitenden Mensch¬
heit. Seit der Zeit hat sich vieles und sehr gründlich
geändert. Die vom Proletariat gewonnenen Macht¬
positionen und auch die Kammern zählen dazu,
was vielleicht das schönste Zeugnis ist, das ihnen
ausgestellt werden kann - werden von allen Seiten
entweder vom Kapitalismus selbst oder von seinen
mehr weniger bewußten Helfern angerannt. Was man
Differenzierung der Geister in den Reihen der Ar¬
beiter und Angestellten zu nennen geneigt ist, darf
mit weit mehr Recht eine Neuorientierung in der
Richtung zu dem erstarkenden Kapitalismus genannt
werden. Breite Grenzstreifen der proletarischen Be¬
wegung haben es wieder mit Angst und Feigheit, mit
Liebedienerei und Heuchelei, dein Beweggrund und
der Methode ihres sogenannten gewerkschaftlichen
Handelns, zu tun, wie einst vor dem großen Er¬
wachen. Und diese Grenzgebiete der arbeitenden
Klassen sind die Helfer der Welt des Kapitalismus,
die nun überall darangeht, das Regime ihrer All¬
macht neu aufzurichten. Zu dieser Arbeit gehört auch
die Beseitigung des „revolutionären Schuttes". Man
gellt dabei vorsichtig zu Werke, indem man die
revolutionären Errungenschaften erst unterwühlt,
aushöhlt, zu Schutt schlägt oder schlagen läßt, um sie
dann kurzerhand zu beseitigen. Für oder gegen den
Kapitalismus! Nur so sondern sich die Geister.
Jetzt geht's gegen unsere Arbeiterkammern. Daß
sich engstirnige Menschen finden, die sich — gleich¬
gültig, ob bewußt oder unbewußt — dazu hergeben,
dem Kapitalismus behilflich zu sein, die neuen Kam¬
mern statt zu Stätten aufbauender proletarischer
Schutzarbeit, zum Tummelplatz verräterischer Ein-
gängerei oder Liebedienerei für den Kapitalismus zu
machen, die Tatkraft und Aktionsfähigkeit der Kam¬
mern zu untergraben und auf die Art die Kammern
zu diskreditieren, das kann und darf uns nicht
schrecken oder irre machen; das ist ein gutes Recht,
das wir keinem Menschen streitig machen. Anderseits
ist die Abwehr dagegen unsere Pflicht. Jawohl,
Arbeiter und Angestellte! Entrollet stolz die Banner
des gewerkschaftlichen Kampfes! Eure Pflicht heißt
es nun erfüllen. Mit einem ungeheuren Aufgebot von
Kräften und Geldmitteln stürmt euer Feind daher, um
durch Steine Söldner eine eurer Bastionen im schwe¬
ren Wirtschaftskampf, die Kammern für Arbeiter und
Angestellte zu erobern; nein, ihnen genügt es, sie
nur beschädigt zu haben. Wir sehen die Söldner-
scharen, der Generalstab aber bleibt im Dunkeln.
Und doch ist, was sich da als Wahlkampf um die
Kammern abspielt, ein K 1 a s s e n k a m p f.
Das österreichische Wirtschaftsleben soll einige
formale Erleichterungen bekommen; man spricht vom
Ende der internationalen Kontrolle. Die Sanierung
wird als beendet angesehen, die Stabilisierung soll
beginnen. Was durch die Sanierung geschaffen oder
verbrochen wurde, soll nun fest gefügt werden. Und
der Stempel, den es tragen soll, hätte „Kapitalismus"
zu heißen. So groß sind die Absichten des internatio¬
nalen Kapitalismus. Wir aber vermögen und wollen
den Trümmerhaufen, den die Sanierung herbeige¬
führt, nicht als das endgültige Entwicklungsstadium
unseres Wirtschaftslebens gelten lassen. Ohne uns
irgendwelchen Träumereien hinzugeben, also ohne
zu übersehen, daß wir mit den gegebenen, vorhande¬
nen Tatsachen rechnen müssen, wollen, können und
müssen wir bemüht sein, sie so zu modeln, daß sie
auch für die arbeitenden Menschen einigermaßen
tragbar werden. Die Kammern sind wichtige Werk¬
stätten für diese Arbeit. Deshalb dürfen wir uns sie
weder schwächen noch viel weniger entreißen lassen,
denn nur das Zusammenwirken der gesetzlichen Vor¬
zugsstellung der Kammern mit dem sozialistisch-
proletarischen Geist der freigewerkschaftlichen Be¬
wegung verbürgt uns gute Arbeit in dieser Richtung.
Entrollet die Fahnen! Kämpfet und sieget! Traget
noch in diesen letzten Tagen in den kleinsten Betrieb
die Kunde, daß sich wieder Gelegenheit bietet, der
Welt die Einheit der manuellen und geistigen Arbeit
zu demonstrieren, die Einheit des Strebens und des
Kampfes; traget die Flamme der Begeisterung, die
nur eine große Tat zu entfachen vermag und die
Abwehr gegen den Kapitalismus ist die große, ge¬
waltige Tat — in jedes proletarische Heim. Die Neu¬
wahl der Arbeiterkammern darf keinem Arbeiter und
keinem Angestellten als unwichtiger Wahlgang zur Ein¬
setzung einer Interessenvertretung erscheinen, denn
sie ist ein großes Kräftemessen, sie ist eine sehr ent¬
scheidungsschwere Tatsache. Würden die Arbeiter
und Angestellten nicht darauf achten, daß die Zu¬
sammensetzung der Kammern der kapitalistischen
Welt die Freude oder die Möglichkeit, mit einer ver¬
ringerten Abwehrlust zu rechnen, endgültig nehme,
dann müssen wir damit rechnen, daß eine Minderung
unseres freigewerkschaftlichen Einflusses die Kapita¬
listen zu neuen Angriffen reizen und stärken wird.
Es ist so: scheinbar führen wir einen Wahlkampf mit
Klassengenossen, die in ihrer Einstellung irren oder
zu ihr kommandiert sind, in Wirklichkeit stehen wir
im Kampfe gegen die kapitalistische Welt.
Wenn aber so viel auf dem Spiele stellt, wenn der
Wahlkampf eine solche Tragweite hat. bedarf es da
noch besonderer Mahnungen an Arbeiter und Ange¬
stellte? Die österreichische Arbeiterschaft ist kampf¬
erprobt. Sie hat kämpfen, sie hat wählen gelernt. Sie
wird es der Welt auch diesmal zeigen. Und unsere
Gegner werden Gelegenheit erhalten, sich zu über¬
zeugen, daß sie durch ihr Eingreifen in den Wahl¬
kampf erst recht die Aufmerksamkeit der Arbeiter
und Angestellten geweckt haben. Warum bemühen
sie' sich so sehr um die Kammern? Doch nicht, weil
sie ihnen keine Bedeutung beimessen? Wir lassen
aber nicht zu, daß die Kammern für Arbeiter und An-
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.