Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1926 Heft 12 (12)

499 ARBEIT UND WIRTSCHAFT 500
Das Problem des in einzelnen Fällen gewiß notwendigen
Abbaues und der Sparwirtschaft kann nicht dadurch ge¬
löst werden, daß bei allen Betrieben, Institutionen und An¬
stalten eingeschränkt und eingestellt wird und die ent¬
lassenen Arbeitskräfte auf einen Haufen zusammen¬
geworfen und dem Elend preisgegeben werden, die
Lösung besteht auch nicht darin, daß, um diese Opfer der
Wirtschaftskrise vor dem Hungertode zu bewahren, unzu¬
längliche Mittel durch die Belastung der Produktion und
der Allgemeinheit aufgebracht werden, die naturgemäß
ohne produktive Gegenleistung gegeben werden müssen.
Die Lösung des Problems besteht vielmehr in einer zweck¬
mäßigen Anpassung und geänderten Verteilung der
produktiven Arbeitskräfte, die sich um so leichter und
reibungsloser gestalten wird, je größer und mannig¬
faltiger das Wirtschaftsgebiet ist, auf dem sich diese Ver¬
teilung vollzieht. Es ist nicht sicher, ob nach dem An¬
schlüsse die verhältnismäßig ungeheuer hohe Zahl unserer
Arbeitslosen rasch zum Teil oder gänzlich aufgesaugt
werden kann, aber die Aussichten auf eine bessere Zu¬
kunft sind dann nicht mehr vollkommen verschlossen. Es
wird vielleicht auch dann noch viele Arbeitslose geben,
aber die Arbeitslosigkeit mit allen ihren zermürbenden
Begleiterscheinungen wird nicht so lange dauern, sie wird
durch wenn auch nur vorübergehende Beschäftigungs¬
möglichkeit unterbrochen werden können, mit einem
Worte, es wird eine gewisse Bewegung in die
gegenwärtigen förmlich erstarrten Ver¬
hältnisse auf unserem Arbeitsmarkte
kommen.
Innerhalb der Grenzen des großen Wirtschaftsgebietes
wäre die Freizügigkeit vollkommen gewährleistet
und würde zu einer erträglicheren Verteilung des
Menschenüberflusses führen, der sich bei uns in wenigen
Industriezentren zusammenballt. Aber auch die A u s-
Wanderung nach fremden Staaten und insbesondere
nach Übersee wäre erleichtert. Man braucht nur die Mög¬
lichkeiten und die bestehenden Vereinbarungen Deutsch¬
lands ansehen und sie, wenn auch relativ mit unseren Ver¬
hältnissen vergleichen, um die ungeheuren Unterschiede
voll zu erfassen. Dazu kommt noch, daß für die Aus¬
gewanderten im Auslande in einer ganz anderen Weise
Fürsorge getroffen werden könnte, wenn diesen Opfern
der Wirtschaftskrise kräftige Auslandsver¬
tretungen zur Seite stehen.
Mindestens ebenso wertvoll wie die materiellen Vor¬
teile sind die psychologischen Auswirkungen.
Die Wirtschaftspolitik Österreichs steht schon seit Jahren
im Zeichen einer gefährlichen Apathie und Hoffnungs¬
losigkeit. Die Unsicherheit und Trostlosigkeit der Ver¬
hältnisse und die mangelnde Zuversicht für die Zukunft
hindern jede Initiative und jeden Unternehmungsgeist.
Dieser Umstand würde sich mit einem Schlage bessern.
Wie die gesamte Bevölkerung Deutschlands, so hätten
dann auch wir das Gefühl, daß es uns gegenwärtig zwar
schlecht geht, daß wir viele Opfer zu bringen haben, daß
aber doch die Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit einer
besseren Zukunft besteht.
Die Verhältnisse der Arbeiterschaft, die Gruppierung
der politischen Parteien, die Beziehungen der sozial¬
demokratischen Partei zu den Gewerkschaften sind in
Österreich und Deutschland vielfach nicht die gleichen.
Auch da wird sich ein Prozeß der Anpassung und
Angleichung vollziehen müssen, aber er wird sich im
wesentlichen einfach und reibungslos vollziehen, da uns
gleiche Ziele, gleiche Sprache und gleiche
Kultur verbinden.
Es wird manchmal die Ansicht vertreten, daß der Ge¬
danke der Internationale, von dem die Arbeiter¬
schaft beherrscht wird, dem nationalen Empfinden und da¬
mit auch dem Anschlußgedanken widerspricht. Nun hat die
Internationale eine nationale Konsolidierung förmlich zur
Voraussetzung. Der Gedanke der Internationale ist dem
wirtschaftlichen Klassenkampf entsprungen und bedeutet
in seinem Wesen nichts anderes als die Gegenwehr gegen
die internationale Organisation des Kapitals in den Kartell¬
bildungen, in dem Diktate der Arbeitsbedingungen unter
dem Einflüsse des internationalen Kapitals. Auch die
Arbeiterschaft denkt und fühlt nach ihrer Volkszugehörig¬
keit. In Österreich und Deutschland vielleicht in geringerem
Umfange wie im Auslande, dies ist aber im Volkscharakter
und in der mehr oder weniger berechtigten Bewunderung
des Deutschen für ausländische Verhältnisse begründet.
Jeder sozialistisch Orientierte wird gewiß die Grundsätze
seiner Weltanschauung, seiner pazifistischen Einstellung
gegenüber imperialistischen Bestrebungen in den Vorder¬
grund stellen. Aber er wird im Rahmen dieser grundsätz¬
lichen Einstellung jederzeit auch seine Volkszugehörigkeit
betonen und verteidigen.
Es ist für uns nicht möglich und wir wollen auch nicht
mit Machtmitteln unsere Auffassung über die Lösung
des österreichischen Problems durchsetzen.
Es genügt, wenn wir in stets zunehmendem Maße von der
Erkenntnis der Richtigkeit unserer Erwägungen überzeugt
werden und uns auf die kommende Lösung vor¬
bereiten. Diese Vorbereitung besteht insbesondere
darin, daß Gesetzgebung und Verwaltung, vor allem die
gesamte Wirtschaftspolitik auf Angleichung und Zusammen¬
schluß hinarbeiten und jede Maßnahme möglichst ver¬
meiden, welche die Erreichung dieses Zieles erschweren
könnte.
WERKSPOLITIK IN RHEINLAND-WESTFALEN
Von Erich Schindler (Düsseldorf)
Seit langer Zeit schmerzt es die Unternehmer sehr, daß
sie auf ihre Arbeiter seelisch gar so wenig Einfluß haben. Es
bereitet ihnen, die doch die Arbeiter einen großen Teil des
Tages in ihren Betrieben festhalten, erheblichen Kummer,
daß sie es nicht vermögen, ihre Arbeiter fest an i h r
Werk zu binden. Es berührt sie sehr peinlich, daß die Ge¬
werkschaften und die Arbeiterparteien dieses mit großem
Erfolg getan haben. Darum stand die Tagung der Eisen-
hiittenleute in Bonn im Mai 1925 geradezu unter dem
Motto: Welche Politik müssen wir einschlagen, um den
Arbeiter zu einem „wirtschaftsfriedlichen" Element zu
machen? Es kam sogar so weit, daß der Ingenieur
Arnhold (der Gelsenkirchener Bergwerks A. G.) in
einer Rede klipp und klar aussprach: „Zwischen uns und
unsere Arbeiter dürfen sich weder der Staat noch die Ge¬
werkschaften stellen." Sie wollen sich jetzt also selbst um
ihre Arbeiter „kümmern", und zwar durch Werks- oder
Arbeitspolitik.
Es berührt aber eigentümlich, daß gerade jetzt der
Schrei nach dem „wirtschaftsfriedlichen" Arbeiter laut
ertönt. Besonders laut in R h e i n 1 a ti d - W e s t f a 1 e n.
Rheinland-Westfalen ist das Zentrum der deutschen
Schwerindustrie. Man findet hier den reinen Berg¬
werksbetrieb, welcher nur Kohle fördert und wieder ab¬
gibt. Weiterhin den gemischten Betrieb, welcher Kohle
fördert und gekaufte Erze verhüttet. Dann als dritte Be¬
triebsart den reinen Fertigwarenbetrieb, also die
Maschinenfabrik usw. Es spielt hiebei keine Rolle, daß es
auch Unternehmen gibt, in welchem alle drei Betriebs¬
arten vereinigt sind. Während die ersten beiden Arten an
Arbeitskräften keinen Mangel leiden, sondern sogar dau¬
ernd große Massen Arbeiter entlassen, sucht trotz der
riesigen Arbeitslosigkeit die Fertigwarenindustrie quali¬
fizierte Arbeiter. Es soll sogar Werke geben, welche unter
dem Mangel an Qualitätsarbeitern sehr zu leiden haben.
Jetzt kommt aber der Ingenieur Arnhold und sagt: „Seht
ihr, wir in der Gelsenkirchener Bergwerks A. G. leiden an
qualifizierten Arbeitern keine Not. Wir haben uns durch
eine vernünftige Werkspolitik einen guten Stamm Arbeiter
geschaffen und haben soviel wir brauchen." Und nun will
er durch eine rege Agitation unter den Unternehmern den
Gedanken der Werkspolitik verbreiten.
Doch was will die Werkspolitik im allgemeinen? Sie
ist eine stark individuell gefärbte Politik des Unternehmers,
um die Arbeiterschaft am Wohlergehen des Werkes zu
interessieren (Gewinnbeteiligung); daraus soll sich ein ge¬
meinsames Interesse (Werksgemeinschaft) ergeben. Stan¬
despflege und Korpsgeist, rationelle Lehrlingsausbildung
und noch vieles mehr sind ihre Merkmale. Hauptgesichts¬
punkt aber ist, den Arbeiter zu einem „anständigen Kerl"
zu machen, wie Ingenieur Arnhold auf jener Tagung sagte.
Typisch für diese Werkspolitik ist, wie gesagt, die
Gelsenkirchener Bergwerks A. G. Sie wirkte insofern
bahnbrechend, als sie diese Werkspolitik in der ganzen
Industrie zu verbreiten sucht. Zu diesem Zwecke wurde in
Düsseldorf die „Dinta" (Deutsches Institut für technische
        

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