Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1929 Heft 11 (11)

461 ARBEIT UND WIRTSCHAFT 462
Es kommt nicht zu h�ufig vor, da� man bei solchen An�
l�ssen der Frauenfrage das Hauptaugenmerk zuwendet, ob�
wohl auch andere Gewerkschaften Frauen zu ihren Berufs�
kameraden z�hlen. Nun war wohl die fortschreitende
Technik, die daraus entstehende Teilarbeit und in ihrer
Folge die zunehmende Frauenarbeit in den letzten Berichts�
jahren ein ganz wesentlicher Grund, dieser Frage besonders
im Buchbindergewerbe n�herzur�cken.
Einem pflichtbewu�ten Gewerkschaftsf�hrer kann die
Erkenntnis nicht entgehen, da� die technische Entwick�
lung nicht nur gebietet, den M�nnerlohn den gr��eren An�
forderungen in bezug auf Arbeitsleistung anzupassen, son�
dern auch die in denselben Beruf t�tige Frau vor zu
gro�er Ausbeutung zu sch�tzen. Wie kann also
eine Gewerkschaft, wie die der Buchbinder und Papier�
verarbeiter �sterreichs eine ist � die zu 35 Prozent aus
M�nnern und 65 Prozent Frauen besteht � diesen Forde�
rungen gerecht werden? Indem sie die Forderung der
Frauen gleicher Lohn f�r gleiche Arbeit zum
ersten Grundsatz macht: dabei tarifvertraglich abgrenzt,
was ist M�nnerarbeit � was ist Frauenarbeit! Denn nur
dadurch kann man die Frau davor sch�tzen, da� sie bei
weit schwererer Arbeitsleistung zu niederem Lohn von dem
Unternehmer ausgebeutet, zur Lohndr�ckerin gegen�ber
dem Mann wird.
Es sei vielleicht noch auf eines hingewiesen. Wenn im
Rahmen des Parteiprogramms die Forderung des freien
Zutritts der Frauen zu allen dem weiblichen Organismus
nicht sch�dlichen Berufen und zu allen Verwendungen
innerhalb der Berufe gestellt wird, wurde gerade von
unserer Gewerkschaft immerzu der Standpunkt vertreten:
Ja, Verwendung auch der Frau innerhalb unseres Berufes
nach ihren F�higkeiten zu allen Arbeiten, aber mit
voller Anwendung des M�nnerlohnes, wenn
die Frau bei Arbeiten Verwendung findet, f�r die kollek�
tivvertraglich ein M�nnerlohu festgesetzt ist.
Wenn die nachstehende Resolution, die wir selbst als
Frauen und Gewerkschafterinnen auf unserer General�
versammlung in objektiver Weise im Interesse unserer Be�
rufskolleginnen vertreten haben, zur Richtschnur ge�
nommen und danach gehandelt wird, so k�nnen wir sagen,
da� unsere Tagung, und besonders unser Verbandsobmann
Kollege G r � n f e 1 d ein sch�nes St�ck Arbeit geleistet hat.
Die Resolution stellt folgende Richtlinien auf:
1. Als oberstes Prinzip gilt nach wie vor der gleiche
Lohn f�r die gleichc Leistung, und zwar f�r die Frau genau
so wie f�r den Mann. Der Abstand zwischen der Ent�
lohnung des Arbeiters und jener der Arbeiterin bildet eine
Gef�hrdung der Besch�ftigung gelernter Gehilfen.
2. Es ist zu verhindern, da� Arbeiten, f�r die ein
M�nnerlohn kollektivvertraglich festgesetzt ist, von Frauen
mit niedrigerem Lohn hergestellt werden. Es ist in der
Folge zu verh�ten, da� durch solchen Lohndruck m�nn�
liche Arbeitskr�fte entbehrlich werden.
Es soll als Gegenwartsforderung die kollektivver-
tragliche Abgrenzung des Arbeitsgebietes
sowohl der M�nner wie der Frauen innerhalb des Berufes
und unter Ber�cksichtigung der bestehenden Arbeits�
verh�ltnisse in den Betrieben angestrebt werden. Der
Grundsatz: gleicher Lohn f�r gleiche Leistung, mu� aber
trotzdem erk�mpft und verwirklicht werden.
3. Bei gro�em Mangel an Arbeit und insolange die
gegenw�rtige wirtschaftliche Krise andauert, sind nicht nur
uberstunden grunds�tzlich zu vermeiden, sondern es sei
den Gewerkschaften vorbehalten, den Arbeitsmarkt
nach sozialen Gesichtspunkten so zu be�
einflussen, da� bei Aufnahmen die Bed�rftigsten, das sind
jene, die Erwerbsarbeit zur Deckung ihres Lebensunter�
haltes brauchen, ber�cksichtigt und bei Entlassungen zu�
n�chst die nicht unmittelbar Notleidenden, das sind jene,
die nicht unbedingt auf eigenen Arbeitsverdienst ange�
wiesen sind, abgebaut werden sollen. Insbesondere aber
sollen Arbeitnehmer, die eine Pension in der H�he eines
Existenzminimums beziehen, von der Vermittlung zur�ck�
gestellt werden. Der gesetzliche Vermittlungszwang soll
jedem vorgemerkten Arbeitslosen die Vermittlung einer
Arbeit sichern. Neueinstellung oder Arbeitsannahme mit
Umgehung der Parit�tischen Arbeitsvermittlung verboten
sein.
4. Den Forderungen, die in der Resolution f�r Frauen�
arbeit am l�. �sterreichischen Gewerkschafts�
kongre� zum Schutze der Frau aufgestellt wurden, ins�
besondere dem Ausbau des gesetzlichen
Frauen- und Mutterschutzes sowie dem Verbot
der Besch�ftigung von Frauen zu Arbeiten, die dem weib�
lichen Organismus sch�dlich sind, ferner der Ausgestaltung
des ganz ungen�genden gesetzlichen Schutzes der Heim�
arbeiterinnen, schlie�t sich die Reichsgeneralversammlung
vollinhaltlich an.
5. Der gewerkschaftlichen Erfassung und
Schulung der Frauen ist besonderes Augenmerk zu
schenken und daher die im Verein der Buchbinder und
Papierverarbeiter �sterreichs bereits geschaffene Frauen�
sektion zu f�rdern. Marianne Schuster
ARBEITERINNENSCHUTZ
Die Nachtarbeit des Krankenpilegepersonals. Die Nacht�
arbeit ist in der Krankenpflege unvermeidlich und daher
selbstverst�ndlich. Da� die Nachtarbeit h�here Anforde�
rungen an K�rper und Geist stellt und ganz besonders den
Frauen schweren Schaden zuf�gt, wird l�ngst von keiner
Seite mehr bestritten. Wurden doch die ersten Gesetze
zur Einschr�nkung der Frauennachtarbeit in England schon
1840 erlassen und 40 Jahre sp�ter (am 8. M�rz 1885) in
�sterreich. Allerdings beziehen sich die Schutzma߬
nahmen nur auf Gewerbe und Industrie. Die Krankenpflege,
die damals noch vielfach als rein charitative T�tigkeit an�
gesehen wurde, deren Aus�bung zumeist in den H�nden
von geistlichen Schwestern lag, wurde nicht einbezogen.
Auch als in den Jahren nach dem Umsturz die Arbeiter�
schutzgesetze ausgebaut wurden, erinnerte man sich nicht
jener Frauen, die einen betr�chtlichen Teil ihrer Gesamt�
arbeitszeit mit Nachtarbeit verbringen. Sind die Kranken�
pflegerinnen einfach vergessen worden? Nun, so ist es
um so notwendiger, da� dieses Vers�umnis, denn ein solches
liegt wirklich^ vor, aus der Welt geschaffen wird. Eine Re�
gelung der Frage durch die von der Organisation abge�
schlossenen Vertr�ge kann nicht gen�gen, auch hier mu�
die soziale Gesetzgebung Grenzen setzen,
die nicht �berschritten werden d�rfen.
Wie schwer die Pflegerin unter dem Nachtdienst leidet,
beweisen die einheitlichen diesbez�glichen Aussagen s�mt�
licher Schwestern, nicht minder aber auch die relativ hohe
Erkrankungsziffer, der fr�hzeitige dienstliche Ver�
brauch (meistens schon nach ungef�hr zehn Dienstjahren)
und die vielen nerv�sen St�rungen, unter denen das
Krankenpflegepersonal zu leiden hat.
Ein nicht unbetr�chtlicher Teil der Pflegerinnen verbringt
vier Monate des Jahres im Nachtdienst, das hei�t sie machen
jede dritte Woche Nachtdienst (7 N�chte, je
12 Stunden lang). Man mu� fordern, da� die Stunde n-
zahl eingeschr�nkt und das Intervall zwi�
schen den Nachtdiensten verl�ngert werde.
Die Arbeit w�hrend des Nachtdienstes d�rfte nur in
rein pflegerischer T�tigkeit bestehen. Alle wirt�
schaftlichen Arbeiten, wie Wei�waschen, Schmutzw�sche
z�hlen, administrative Arbeiten usw. m�ssen verboten wer�
den (h�ufig genug wird die Nachtruhe der Patienten durch
dergleichen Arbeiten gest�rt). Die Pflege Schwerkranker,
Sterbender, der S�uglinge* die in kurzen Intervallen ge�
f�ttert werden m�ssen, besch�ftigen die Schwestern zur
Gen�ge. Die Fr�harbeit beginnt zumeist um 4 Uhr morgens,
was auch von den Patienten unangenehm empfunden wird.
Doch �ber diese Sache selbst soll hier heute nicht ge�
sprochen werden.
Eine Gewichtskontrolle der Nachtdienstschwestern be�
weist, da� die Mehrzahl der Pflegerinnen w�hrend einer
Woche Nachtdienst ein bis drei und auch mehr Kilogramm
abnehmen. Die Verpflegung der Schwestern im Nachtdienst
ist n�mlich durchaus ungen�gend. Die Gewichtsabnahmen
w�rden sehr eingeschr�nkt werden, wenn die Schwestern
eine komplette Mahlzeit in der Nacht bek�men, wie das in
vielen L�ndern �blich ist. In Holland wird den Schwestern
um 12 Uhr nachts im Speisesaal ein Essen serviert und vor
dem Verlassen des Nachtdienstes ein reichliches Fr�hst�ck.
Bei uns m�ssen die Schwestern, die eine Gewichtsabnahme
m�glichst vermeiden oder verringern wollen, von ihrem
k�rglichen Gehalt die Kosten der doppelten Verpflegung
selbst bestreiten. So bedeutet der Nachtdienst f�r die Pflege�
rin auch materiell eine Sch�digung, w�hrend in
anderen Berufen der Nachtdienst sich im Gehalt auswirkt.
Die M�glichkeit, die verlorene Ruhezeit bei Tag nachzu�
holen, ist eine sehr fragliche. Dies liegt an den elenden
Wohnungsverh�ltnissen, unter denen die Schwe�
stern sehr zu leiden haben. Im Wiener Allgemeinen Kranken�
haus konnten beispielsweise bisher nur f�r 170 von
1180 Pflegerinnen Einzelzimmer erk�mpft werden, die
�brigen weltlichen Pflegerinnen wohnen zu zweit oder zu
        

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