Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1932 Heft 05 (05)

189 ARBEIT UND WIRTSCHAFT 190
FRAUENARBEIT
Lohn- und gesundheitspolitische Aufgaben
gewerkschaftlicher Frauenkomitees
Die Textilarbeiter haben auf dein letzten Uuionstag die
Errichtung von Frauenkoinitees in allen Ortsgruppen be¬
schlossen und Richtlinien für ihre organisatorische Tätigkeit
festgelegt. Es ist interessant, zu erfahren, daß die Frauen¬
komitees der Textilarbeiter sich darüber hinaus noch Auf¬
gaben stellen, die im „Textilarbeiter" wie folgt angeführt
werden:
Erforschung und Abschaffung unhygienischer Betriebsver¬
hältnisse:
Die Mitglieder der Komitees haben der Betriebshygiene
in allen Betriebsabteilungen ein besonderes Augenmerk zu¬
zuwenden, etwaige Übelstände dem Betriebsrat zu melden
und Vorschläge für Beseitigung derselben und Verbesserung
der Betriebshygiene zu machen.
Erhebung über die Lohnverhältnisse der Frauen:
Die Komitees haben, um einen Lohndruck zu vermeiden,
dafür zu sorgen, daß für gleiche Arbeitsleistung den Frauen
der gleiche Lohn bezahlt wird wie den Männern und die
Gleichstellung, wo der Vertrag dies nicht vorsieht, anzu¬
streben. Sie haben weiter, wenn ihnen soziale Mißstände
zur Kenntnis gelangen, für deren Beseitigung einzutreten.
Die Komitees haben die gesundheitsschädlichen Wir¬
kungen der Berufsarbeit für die Frauen festzustellen. Sie
haben:
a) durch den Betriebsrat dafür zu sorgen, daß Frauen
aus Betriebsabteilungen, in denen die Arbeit den Organismus
der Frau besonders gefährdet, entfernt und ohne wirtschaft¬
liche Schädigung in andere Betriebsabteilungen versetzt
werden;
b) dafür zu wirken, daß schwangere Frauen von dem
ihnen zustehenden Recht, sechs Wochen vor und sechs
Wochen nach der Entbindung von der Arbeit fernzubleiben,
Gebrauch machen:
c) mit Hilfe des Betriebsrates zu versuchen, diesen
Frauen den Arbeitsplatz zu sichern;
d) den stillenden Müttern, wo die Möglichkeit besteht,
die zur Stillung des Kindes nötige freie Zeit zu erwirken
und für die Bezahlung einzutreten;
e) die Uberstunden und Nachtarbeit der Frauen und
Mädchen durch den Betriebsrat abstellen zu lassen.
Es werden dann weitere Richtlinien für die Versamm¬
lungstätigkeit, für statistische Aufzeichnungen über Frauen¬
arbeit und für die Bildungsarbeit ausgegeben. Gelingt es
den Gewerkschaftskomitees der Frauen bei den Textil¬
arbeitern, mit Unterstützung ihrer Gewerkschaften, ihre
Tätigkeit auf sozial- und lohn politisches Gebiet
zu erstrecken, so werden sie sicherlich dazu beitragen, die
Bedeutung der Frauentätigkeit in der Gewerkschafts¬
bewegung zu steigern.
AUS DER PRAXIS DER GEWERKSCHAFTERIN
Marion Philipps gestorben. Die englischen Gewerk¬
schafterinnen haben ihre Generalsekretärin, die Gewerk¬
schafterinnen aller Länder eine kluge, tapfere, energische
Mitarbeiterin verloren. Marion Philipps hat als Gewerk¬
schafts- und Frauensekretärin, als Redakteurin des eng¬
lischen Frauenblattes „Labour Women", als international
tätige Frau für die Rechte der arbeitenden Frau gekämpft.
Noch erinnern wir uns ihres Eintretens für Arbeiterinnen¬
schutz und gleichen Lohn, ihrer Polemik gegen die Open-
Door-Bewegung, noch sehen wir sie vor uns, wie sie auf
dem internationalen Kongreß in Wien den Standpunkt der
Frauen glänzend vertrat, wie sie in den Kommissionen um
jedes Wort, das die Frauen der Gleichberechtigung näher¬
bringen konnte, kämpfte, noch erinnern wir uns ihres
klaren, grundsätzlichen Briefes gegen Macdonald. Frauen,
die so zielklar und unerschütterlich ihren Weg gehen, sind
selten. Darum trauern mit den Frauen aller Länder
auch die österreichischen Gewerkschafterinnen um eine
mutige Kämpferin.
Die Nachschulung von Arbeitslosen und die Psychotechnik
im Dienste der Arbeitsvermittlung. Die Funktionärinnen¬
konferenz vom 18. Februar beschäftigte sich mit diesen bei¬
den Themen. Rosa Lax, die Keferentin der iNachschulung für
Frauenberufe der industriellen bezirkskoinmission, schilderte
die Ursachen, die zu den Nachschulungskursen führten. Seit
1923 veranstaltete die Industrielle t-ezirkskommission Wien
1562 Kurse, in denen 42.943 Arbeitslose, darunter 16.000
Frauen, nachgeschult wurden. Die Keferentin berichtete aus
ihrer reichen Erfahrung über die schlechte Berufsausbildung
der weiblichen Jugend. Sie verwies ganz besonders auf die
Teilarbeit in der Schneiderei. Es kommt sehr häufig vor, daß
Ausgelernte das Zusammensetzen eines Kleidungsstückes erst
in der Nachschulung lernen, sie besprach aber auch die Not¬
wendigkeit einer Nachschulung im Falle einer Änderung oder
technischen Umstellung des Arbeitsprozesses und wenn
der Arbeitslose nicht die Möglichkeit hatte, sich die
notwendigen Kenntnisse im Betrieb anzueignen. Es
kommt auch vor, daß vereinzelt Umschulungskurse
eingerichtet werden. Dies jedoch nur dann, wenn
für einen bestimmten Beruf nicht genügend Arbeits¬
kräfte vorhanden sind. So werden gegenwärtig Schneide¬
rinnen zu Pelznäherinnen, in der Schuh- und Lederindustrie
Lederarbeiterinnen zu Stepperinnen und Schärferinnen um¬
geschult. Lax besprach die Arbeitsmarktlage der Berufe,
für die Nachschulungskurse geschaffen wurden. Diese
Kurse sind nicht nur im wirtschaftlichen Interesse gelegen,
ihnen liegt auch ein sozialer Gedanke zugrunde; nicht zuletzt
wirken sich diese Kurse im Interesse der Arbeitslosen aus.
In der Diskussion sprachen Jochmann (Chemische Ar¬
beiter), die über die Dauer der Umschulung und über die
Verwertung der erzeugten Produkte Aufschluß erbat, Ehr¬
lich (Kaufmännische Angestellte), die auf die Nachschulung
im Zentralverein der Kaufmännischen Angestellten verwies.
G i b u 1 k a (Bauarbeiter) fragte, ob Ausgesteuerte nachge¬
schult werden, Schittenhelm (Textilarbeiter) besprach
den Wert der Nachschulung, K o n r a d (Hutarbeiter) nahm
Stellung gegen die Umschulung der Frauen für einen anderen
Beruf und verwies auf das Beispiel der Anlernung von Stroh¬
hutnäherinnen, B o s c h e k (Bund der freien Gewerkschaften)
besprach die Stellung der Gewerkschaften zur Nach- und
Umschulung. Lax beantwortete im Schlußwort die gestellten
Anfragen und verwies darauf, daß die Umschulung zu einem
anderen Beruf nur dann vorgenommen wird, wenn Mangel
an Arbeitskräften besteht, sonst aber wird nur innerhalb des
Berufes von einer Verwendung zur anderen umgeschult, wenn
diese Notwendigkeit die Arbeitsmarktlage erfordert. Die Ge¬
werkschaften haben die Möglichkeit, jederzeit zu diesen Fra¬
gen Stellung zu nehmen.
Dr. Einer sprach über Psychotechnik im Dienste der
Arbeitsvermittlung. Sie besprach das Wesen der Psycho¬
technik. Diese hat drei Aufgaben zu erfüllen. 1. Durch
Eignungsprüfungen die richtigen Menschen für die richtigen
Arbeitsplätze auszuwählen, die sogenannte Subjekt-Psycho-
technik. 2. Die Berufe so zu gestalten, daß sie körperlich und
seelisch den Arbeitenden den geringsten Schaden zufügen:
Arbeitsraum, Eeleuchtung und Werkzeug diesem Zweck an¬
zupassen. Dies wird als Objektiv-Psychotechnik bezeichnet.
3. Die Aufgabe der Menschenbeeinflussung. Diese erstreckt
sich auf die Verfertigung von Unfallverhütungspropaganda.
Eine wichtige Voraussetzung der Psychotechnik ist die
genaue Kenntnis der Arbeitsanalyse und der Fähigkeit des zu
vermittelnden Menschen. Im Sinne einer Vermittlung nach
Gesichtspunkten der Eignung, wäre eine psychologische
Schulung der Arbeitsvermittler erstrebenswert. Das Psycho-
technische Institut in Wien nimmt die Prüfungen an den Teil¬
nehmern der Nach- und Umschulung vor. Sehr oft schon
haben die Ergebnisse der Eignungsprüfungen Menschen, die
durch lange Arbeitslosigkeit zermürbt waren und das Ver¬
trauen zu ihren beruflichen Leistungen verloren hatten, wieder
aufgerichtet. Eignungsprüfungen werden auch bei Umstellung
zu Spezialberufen vorgenommen, beispielsweise bei der Um¬
schulung von Bankbeamtinnen zu Vertreterinnen. Diese
        

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