Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1932 Heft 05 (05)

163 ARBEIT UND WIRTSCHAFT 164 werden immer neue Arbeitskräfte freigesetzt. Und noch in einer anderen Hinsicht befindet sich Deutsch¬ land in einem verhängnisvollen Kreise. Die jahrelang dauernde Arbeitslosigkeit und Not treibt Millionen Menschen zur Verzweiflung. Der Ausgesteuerte will nichts davon wissen, welche ungeheure Belastung die Arbeitslosenunterstützung für die öffentlichen Finanzen bedeutet, als Ausgestoßener kann er nur blinden Haß gegen die Gesellschaft empfinden, die seine Arbeits¬ kraft nicht braucht. Daher der unaufhaltsame Anstieg des Kommunismus und Nationalsozialismus — diese beiden emporeilenden Kurven der staatsfeindlichen Parteien werden von der dritten, von der Arbeits¬ losigkeitskurve hinaufgetrieben. Vergeblich wäre die Hoffnung, die Radikalisierung der Bevölkerung auf¬ halten zu können, solange das Wachstum der Massen¬ arbeitslosigkeit andauert. Andererseits aber, woher könnte das für den wirtschaftlichen Aufstieg unent¬ behrliche Vertrauen auf die Zukunft Deutschlands im Inland und Ausland kommen, solange das Gespenst des Bürgerkrieges und Faschismus über dem Lande schwebt? Die politischen Folgen der Massenarbeits¬ losigkeit und Not wirken ihrerseits deprimierend auf die Wirtschaftslage und verschärfen das Elend immer weiter. Gibt es keinen Ausweg aus diesem Kreise? Nicht nur unter den Gewerkschaftern, sondern auch in den wissenschaftlichen Kreisen Deutschlands neigt man immer mehr zu der Ansicht, daß in absehbarer Zukunft die Lage sich von selbst nicht bessern wird. Wenn man den Dingen ihren freien Lauf läßt und die Ret¬ tung von der Auswirkung des kapitalistischen Auto¬ matismus erhofft, läuft man Gefahr, dem unerbitt¬ lichen Zusammenbruch entgegenzueilen*). Es muß un¬ verzüglich gehandelt werden! Der Staat muß mit seiner ganzen Macht eingreifen, um der steigenden Arbeitslosigkeit tatkräftig entgegenzuwirken. Durch die Inangriffnahme öffentlicher Arbeiten großen Um- fanges und durch Auftragerteilung an private Unter¬ nehmungen muß er versuchen, den Arbeitsmarkt zu entlasten, die Produktion durch die Einschaltung zu¬ sätzlicher Kaufkraft in die Wirtschaft zu beleben und der Bevölkerung ein Sicherheitsgefühl einzuflößen. Die rein ökonomische Seite dieser Gedanken liegt den Auffassungen nahe, die in dem bekannten Bericht des Mac-Millan-Ausschusses in England ihren Aus¬ druck gefunden haben und die den Ausgangspunkt der neuen Wirtschaftspolitik der Vereinigten Staaten bil¬ den. Aber die soziale und erst recht die allgemein¬ politische Seite der in Aussicht gestellten Aktion ist selbstverständlich in Deutschland eine andere als in England oder in den Vereinigten Staaten. Das Wich¬ tigste ist aber, daß man liier und dort unter voll¬ ständig verschiedenen Bedingungen handeln muß: Es genügt, zu betonen, daß das Problem der Arbeits¬ beschaffung in erster Linie ein Problem der Finan¬ zierung ist, um zu erkennen, daß in dieser Frage Deutschland mit Schwierigkeiten zu ringen hat, über die die Wirtschaftspolitiker in London, Neuyork und Washington sich nicht den Kopf zu zerbrechen brauchten. Hier ist die Erklärung, warum die deutschen Gewerkschaften sich lange Zeit nicht entschließen konnten, sich zur Parole der Arbeitsbeschaffung mit solchem Nachdruck zu bekennen, wie sie dies auf der letzten Sitzung des Bundesausschusses getan haben. Wer in einem kapitalarmen, verschuldeten Land, wie Deutschland, „Arbeitsbeschaffung" sagt, der hat von der „Kreditschöpfung" gesprochen. Die Kreditschöp¬ fung ist aber eine Politik, zu der man sich nicht eher entschließen kann, als bis man die tiefe Überzeugung gewonnen hat, daß es keinen anderen Weg und Aus- *) Es muß damit gerechnet werden, daß in der nächsten Zeit die deutsche Ausfuhr zurückgehen wird, was die Ar- beitsloseuzahl um mehrere Hunderttausende steigern wird. weg gibt. Es handelt sich hier um eine N o t m a ß- n a h m e, die man nicht mit leichtem Herzen emp¬ fehlen darf und die nur im Emst der Lage ihre Recht¬ fertigung und Begründung findet*). Gerade aus diesen Erwägungen heraus hat sich der Bundesausschuß des ADGB. darauf beschränkt, seine Forderung nach der Arbeitsbeschaffung in einer allgemeinen Form zu proklamieren, ohne sie zu prä¬ zisieren, ohne Zahlen zu nennen, ohne sich auf irgend¬ welchen konkreten Plan festzulegen. Dies alles soll der weiteren Entwicklung der Aktion vorbehalten bleiben. An konkreten Plänen der Arbeitsbeschaffung und an Vorschlägen zu deren Finanzierung fehlt es in Deutschland nicht, über ihre Brauchbarkeit sind aber die'Meinungen in den führenden Kreisen der Arbeiter¬ bewegung geteilt. Hier will ich den Plan niederlegen, der in der letzten Zeit in der gewerkschaftlichen und Parteipresse lebhaft diskutiert worden ist und den ich persönlich für brauchbar halte**). Bei den deutschen Verhältnissen könnte die Auf¬ gabe der Arbeitsbeschaffung als die Forderung der zusätzlichen Beschäftigung von 1 Million Menschen für die Dauer eines Jahres präzisiert werden. Durch die Einschaltung zusätzlicher Kaufkraft in die Wirtschaft würde dabei eine neue Nachfrage nach verschiedenen Verbrauchsartikeln ins Leben ge¬ rufen, was die sekundäre Entlastung des Arbeits¬ marktes um weitere Hunderttausende von Arbeits¬ kräften zur Folge hätte. Den Gegenstand der primären Arbeitsbeschaffung könnten Meliorationsarbeiten, Straßenbau, Regelung der Flüsse und ähnliches mehr bilden. Die sekundäre Ausweitung der Produktion müßte in erster Linie den Verbrauchsgüterindustrien zugute kommen. Um 1 Million Menschen ein Jahr lang zu beschäf¬ tigen, ist ein Betrag von etwa 2 Milliarden Mark er¬ forderlich***). Ein Teil dieses Betrages kann aber von vornherein gedeckt werden: a) Durch die frei werdenden Arbeitslosenunter¬ stützungen (für 1 Million Menschen rund 600 Millionen Mark); b) durch die Steuern und sozialen Abgaben der bei den öffentlichen Arbeiten Beschäftigten, die von den Arbeitslosen nicht erhoben werden (im ganzen etwa 300 Millionen Mark). Es bleibt also ein zusätzlicher Aufwand von etwa 1 Milliarde oder rund 100 Millionen Mark monatlich erforderlich. *) Unvergleichlich bequemer und unbedenklicher wäre die internationale Arbeitsbeschaffung auf Grund einer internationalen Kreditvereinbarung, wie dies der Frankfurter Gewerkschaftskongreß gefordert hat (Vgl. meine Abhandlungen darüber im Juniheft der „Arbeit" 1931 und im Jännerheft der „Internationalen Rundschau der Arbeit" 1932, sowie mein Buch „Internationale Hebung der Preise als Ausweg aus der Krise"). Die Dinge liegen aber augen¬ blicklich so, daß es für ein Land wie Deutschland unmöglich ist, auf eine internationale Lösung des Krisenproblems zu warten: unverzüglich handeln heißt handeln zunächst im Rahmen der Volkswirtschaft! Die Internati o- nalisierung der Aktion muß später kommen. Dieser Gedankengang kommt übrigens auch in der Resolution des Bundesausschusses des ADGB. zum Ausdruck. **) In der Presse wurde dieser Plan wiederholt mir zu¬ geschrieben, in Wirklichkeit aber hat er mehrere geistige Väter und ich bin lediglich einer von ihnen. ***) Ich rechne bei einer 40-Stunden-Woche mit 2000 Ar¬ beitsstunden pro Arbeiter im Jahr und im Durchschnitt mit 75 Pf. pro Stunde als Lohn. Es ergibt sicli ein Gesamt¬ betrag an Löhnen von 1'5 Milliarden Mk. Hier sind auch die Löhne im Bestellungspreis von Rohstoffen und ähn¬ lichem mehr mitgerechnet. 500 Millionen bleiben für die Ausgaben übrig, die sich nicht auf Löhne zurückführen lassen (Gewinne der Unternehmer und ihre sozialen Ab¬ gaben, Rohstoffe ausländischer Herkunft, Mieten usw.).

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