Volltext: Arbeit & Wirtschaft - 1932 Heft 05 (05)

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Wie bringt man aber diesen Betrag zusammen zu
einer Zeit, in der die öffentliche Hand keine Mittel hat,
um ihre dringlichsten laufenden Ausgaben zu decken?
Auf diese Präge bezieht sich die Resolution des
Bundesausschusses, indem sie die Überzeugung aus-
spriclit, daß bei ernster Zusammenarbeit des
Reiches, der Länder, der Gemeinden,
der Reichsbahn und Reichspost, der
Reichsbank und der übrigen verant¬
wortlichen Körperschaften das Finan¬
zierungsproblem gelöst werden kann. Vielleicht wird
es gelingen, einen erheblichen Teil der erforderlichen
Mittel auf Urund einer Zwangsanleihe oder sogar
einer regelrechten öffentlichen Anleihe zu gewinnen.
Im wesentlichen aber wird es sich hier um eine
„Kreditschoplung" handeln, das heißt um die Kreditie¬
rung der Körperschaften, die unmittelbar die öffent¬
lichen Arbeiten ausfuhren, durch die tranken, unter
der Führung und üarantie der Reichsbank. Die von
den Banken eröffneten Kredite müssen jedenfalls ge¬
sichert werden. Zu diesem Zweck konnte eine Zen¬
tralstelle geschalten werden, die zwischen den
Banken und den Körperschaften, die die Ausführung
der öffentlichen Arbeiten übernehmen, vermitteln wird.
Dieser Zentralstelle sollen die für die Deckung eines
Teiles der Ausgaben bestimmten Arbeitslosenunter¬
stützungen, Steuern und anderes mehr zufließen. Auf
diese Weise kann die Zentralstelle die Arbeitsbeschaf¬
fungskredite verbilligen, was besonders bei solchen
Unternehmungen, wie zum Beispiel landwirtschaft¬
lichen Meliorationsarbeiten, von entscheidender Be¬
deutung ist. Anderseits bürgt sie für die Verzinsung
und Tilgung der von einzelnen Körperschaften auf¬
genommenen Schulden.
Ohne auf technische Einzelheiten des Planes ein¬
zugehen, will ich mich der Frage zuwenden, die für
die Beurteilung der ganzen Aktion den Ausschlag
gibt: bedeutet nicht die Kreditschöpfung in dem be¬
zeichneten Ausmaß eine neue Inflation? Wird sie nicht
eine gewaltige Preissteigerung, eine Entwertung der
Mark und üefährdung der deutschen Währung zur
Folge haben?
Um dies vorwegzunehmen: Die deutschen Ge¬
werkschaften wollen keine Inflation und
werden keinem Plan zustimmen, der sie zu den Ver¬
hältnissen der Jahre 1922/23 zurückführen könnte. Der
ADGB. wird den oben niedergelegten — oder einen
anderen — Plan nicht eher annehmen, als bis er die
Uberzeugung gewonnen hat, daß sich aus ihm keine In¬
flationsgefahren ergeben. Die Anhänger dieses Planes
. besitzen diese Uberzeugung, und zwar auf Grund
nachfolgender Überlegung:
Die inflationistische Gefährdung der Währung kann
nur daraus entstehen, daß die vorhandene Kaufkraft
des Binnenmarktes durch die Vermehrung der Zah¬
lungsmittel fühlbar erweitert wird, während die ihr
gegenüberstehende Warenmenge sich nicht vermehren
kann und unverändert bleibt oder sogar zurückgeht.
Dies war der Fall während des Krieges und in den
ersten Nachkriegsjahren, als überall ein Warenhunger
bestand und keine Reserven an Arbeitskräften, Pro¬
duktionsmitteln und Rohstoffen vorhanden waren.
Vollständig verschieden ist aber die heutige Lage in
Deutschland: Die Warenlager sind überfüllt, die Land¬
wirtschaft und das Gewerbe finden keinen Absatz für
ihre Erzeugnisse, die Kapazität der Verbrauchsgüter¬
industrien ist nur zu etwa 30 bis 40 Prozent aus¬
genutzt, bei den ersten Anzeichen der ansteigenden
Nachfrage könnte die Produktion ohne die geringste
neue Kapitalinvestierung erweitert werden. Wie stark
aber wird die Nachfrage bei der Durchführung unseres
Planes ansteigen? Die zusätzliche Kaufkraft von
Y2 Milliarden Mark im Jahr oder 100 Millionen Mark
monatlich bedeutet eine Steigerung der Nachfrage
nach verschiedenen Waren etwa um 2 Prozent*).
Beim heutigen Stand der Lager kann eine der¬
artige Belebung der Nachfrage in keinem Falle zur
entsprechenden (zweiprozeniigen!) Preissteigerung
führen, ther wäre ein Kampf der Verkäufer um den
zusätzlichen Absatz zu erwarten, der eventuell zur
Preissenkung führen könnte.
Die Diskrepanz zwischen der Nachfrage und dem
Angebot — ohne die überhaupt keine Gefahr der in¬
flationistischen Preissteigerung in Frage kommt —
kann übrigens nur am Anfang der Aktion entstehen:
schon nach wenigen Wochen wird das Angebot die
gestiegene Nachtrage nachholen. Auch in dieser Hin¬
sicht wäre vielleicht die Befürchtung berechtigt, daß
angesichts der bevorstehenden Arbeitbeschatfungs-
akdon die Fabrikanten in den Verbrauchsgüierinau-
strien ihre Produktion übermäßig erweitern, was einen
neuen Preissturz veranlassen könnte...
Noch eine andere Erwägung spricht gegen die Be¬
fürchtung der inflationistiscnen Auswirkungen unseres
Pianes. Er soll verwirklicht werden unmittelbar nach
dem Abschluß der Deflationsperiode in der deutschen
Wirtschaftspolitik. Die Krönung dieser Politik war
die 4. Notverordnung, die mit einem Schlag die Löhne
und Gehälter um rund 12 Prozent gesenkt hat*").
Durch diese Maßnahme wurde das Arbeitseinkom¬
men für das Jahr 1932 um etwa 3 5 Milliarden Mark
gekürzt. Freilich ist die reale Kaufkraft des Arbeit-
nehmertums nicht in demselben Maße zurück¬
gegangen: ein Teil des Lohnabzuges wurde den
Arbeitslosen durch die Preissenkung zurückerstattet.
Aber die Lebenshaltungskosten sind nur um 5 Prozent
gesunken, es bleibt also eine Kürzung der realen Kauf¬
kraft des Arbeimehmertums um etwa 7 Prozent oder
um rund 2 Milliarden Mark im Jahre übrig. Nun würde
ein Teil dieser der Arbeiterklasse entzogenen Kauf¬
kraft durch die Löhne der beschäftigten bei den
öffentlichen Arbeiten wieder in den volkswirtschaft¬
lichen Kreislauf eingeschaltet werden. Ich sehe nicht
ein, warum diese partielle Redeflation sich
in einer zügellosen Inflation überschlagen
müßte!
Von den Gegnern unseres Planes wird die Gefahr
der psychologischen Auswirkung der in Aus¬
sicht gestellten Aktion hervorgehoben: sie könnte
einen Ausbruch der Inflationspanik bewirken. Diese
Gefahr will ich weder verkennen noch unterschätzen.
Gegen sie gibt es aber eine Waffe: Die Aufklärung!
Die Gewerkschaften werden, wenn sie sich überzeugt
haben werden, daß der von ihnen angenommene Pian
objektiv keine Inflationsgefahr heraufbeschwören
kann, vor der Öffentlichkeit für ihren Vorschlag
bürgen und mit ihrem gesamten Ansehen der sub¬
jektiven Inflationsgefahr entgegenwirken. Und sie
werden diese Aufgabe um so erfolgreicher erfüllen
können, je vorsichtiger und sorgfältiger sie alle Er¬
wägungen für und gegen den Plan geprüft haben
werden.
*) Wahrscheinlich wird das Wachstum der Nachfrage
hinter diesem Satz zurückbleiben, da die Arbeitslosen, die
endlich eine Beschäft.gung kiiegen, einen Teil des Arbeits¬
verdienstes für die Auszahlung der früher aufgenommenen
Schulden (rückständige Mieten und ähnliches mehr) aus¬
zugeben pflegen. Ein Teil der in Frage kommenden Summen
wird überhaupt nicht in den wirtschaftlichen Kreislauf ge¬
langen, sondern über die Sparkassen und auf anderen Wegen
in die Reichsbank zurückfließen.
**) Dieser Prozentsatz ergibt sich aus den vorläufigen
Ergebnissen der vom Vorstand des ADQB. durchgeführten
Erhebung. Die abschließenden Ergebnisse liegen noch nicht
vor, vielleicht wird der endgültige Prozentsatz um einige
Zehntel niedriger sein, dies ändert aber nichts an den
weiteren Ausführungen.
        

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