Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1950-51 Heft 10 (10)

heit und soziale Wohlfahrt — das
waren die Probleme, welche der Kon¬
greß von Douala als die dringendsten
in den Vordergrund stellte. Resolu¬
tionen in diesem Sinne wurden ein¬
stimmig angenommen; die Konferenz
verlangte von den Regierungen Frank¬
reichs, Belgiens und Großbritanniens
einen gemeinsamen Aktionsplan zur
Förderung dieser Ziele.
Der Kongreß forderte ferner, daß
der IBFG die für ein Programm des
Fortschrittes in Afrika nötigen finan¬
ziellen Mittel aufbringe. Eine junge
Eingeborne aus Cameroon, die einzige
weibliche Delegierte auf dem Kongreß,
Maria I s s o 1 a , Lehrerin an der Ein¬
geborenenschule in Douala, prote¬
stierte gegen den Fortbestand der Poly¬
gamie und forderte in einer im letzten
Augenblick eingebrachten Entschlie¬
ßung, eine gemeinsame Aktion zur
Emanzipierung der afrikanischen
Frauen. Diese Entschließung, die vom
Delegierten der amerikanischen Ge¬
werkschaften Harold D. S n e 11
unterstützt wurde, ist vom Kongreß
angenommen worden.
Frau Issola, Mutter von zwei Kin¬
dern, wurde im afrikanischen Veldt
geboren und erzogen. Sie schloß sich
der Gewerkschaftsbewegung an, nach¬
dem sie in Douala, Dakar und Aix-en-
Provence die Schule besucht hatte.
Die junge Lehrerin berichtete über
die noch jetzt herrschenden Lebens¬
verhältnisse der afrikanischen Frauen,
daß Heiraten unter den Eingeborenen
noch immer häufig durch einen Handel
zwischen dem Vater der Braut und
dem Bewerber zustande kommen. Der
letztere muß seine künftige Frau buch¬
stäblich mit Ziegen, Salz, Wein,
Küchengeräten und auch mit Papier¬
geld erkaufen.
Mehr als die Hälfte der Bevölkerung
von Cameroon lebt noch immer in
Polygamie, unter ihnen auch Ein¬
geborene, die Christen sind und in der
Kirche getraut wurden. In den meisten
Fällen halten sich die Eingeborenen
viele Frauen, weil sie für den Mann
arbeiten müssen.
Frau Issolas Ausführungen begeg¬
neten dem Protest der mohammedani¬
schen Delegierten aus Senegal und
Nigera, welche behaupteten, daß dieses
Problem zu kompliziert sei, um auf der
Stelle gelöst zu werden.
Frau Issola gewann ihren Feldzug,
da die internationale Gewerkschafts¬
konferenz sich für die Emanzipation
der afrikanischen Frauen ausgespro¬
chen hat.
Andere Entschließungen der Kon¬
ferenz stellten die folgenden Forde¬
rungen auf:
Die Errichtung eines Bildungs¬
systems, das allen Afrikanern all¬
gemeine und Berufsausbildung sichert;
die Aufstellung eines Wohnbaupro¬
gramms, das nicht nur die bestehende
Wohnungsnot beseitigt, sondern auch
dafür sorgt, daß die Arbeiter in der
Nähe der Industriestätten Wohnmög¬
lichkeiten haben; die Gewährung der
nationalen Unabhängigkeit und die
Beseitigung der Diskriminierung nach
Rassenzugehörigkeit — Forderungen,
die bereits der IBFG aufgestellt hat;
erhöhte Anteilnahme an Fragen der
wirtschaftlichen und sozialen Entwick¬
lung überall auf der Welt; der IBFG
soll einen Fonds schaffen, der eine
„Fortschrittskampagne" in Afrika
finanzieren soll.
Auf der afrikanischen Konferenz
waren folgende Gewerkschaften ver¬
treten: die Arbeitervereinigimg von
Gambia mit 5000 Mitgliedern, meist
Beamte und Eisenbahnangestellte; die
Gewerkschaft der Handwerker und
Arbeiter, die dem Gewerkschaftsrat
von Sierra Leone angehört, der 14.000
Arbeiter vertritt, zum größten Teil
Bergarbeiter, Eisenbahner, Matrosen,
Hafenarbeiter und Handwerker; die
Gewerkschaft der Eisenbahnarbeiter
von der Goldküste, die unter der Füh¬
rung von Kwane Nkrumah von allen
afrikanischen Gewerkschaften am
stärksten national eingestellt ist; die
Gewerkschaftsbewegung Nigeriens, die
Kapital und Arbeit in
christlicher Sicht
Von Pater Eberhard W e 11 y
Aus „Blätter der Katholischen
Deutschen Akademikerschaft",
Nr. 1, Oktober 1950
Es kommt darauf an, daß für das
gesamte Wirtschaftsleben und als
Grundlage der zukünftigen Eigentums¬
verteilung jene Formen des mensch¬
lichen Wirkens und Zusammenwirkens
gefunden und eingeführt werden, die
im echten Sinne demokratisch sind und
in Wirtschaft sowohl wie Gesellschaft
den Gegensatz von Besitz und Nicht-
besitz, von Objekt- und Subjektrolle
grundsätzlich überwinden.
Das Kapital muß seine bis¬
herige Vorrang - und Macht¬
stellung verlieren, sonst blei¬
ben alle noch so anerkennenswerten
Maßnahmen auf halbem Wege stehen;
sie dringen nicht bis zur Wurzel des
Übels vor. Die Macht des Kapitals
innerhalb der heutigen Wirtschafts¬
und Gesellschaftsverfassung beruht
nicht allein auf den Machtansprüchen
der einzelnen Kapitalbesitzer und
Kapitalgeber — wobei die diesbezüg¬
lichen Mißstände weder geleugnet
noch abgeschwächt werden sollen —,
sondern auf dem Konstruktionsfehler
des modernen Privatkapitalismus. Er
räumt dem Kapital einen Platz ein, der
ihm nicht gebührt, und sichert ihm
Vorteile, die weit über das hinaus¬
gehen, was gerecht und billig ist. Dem¬
entsprechend entwertet er die Arbeit
und beraubt die Arbeiterschaft um ein
Gutteil der ihr zustehenden Rechte und
Ertragsanteile...
Ein Grundsatz des gesunden Men¬
schenverstandes lautet: Die Frucht ge¬
hört dem, der sie durch seine Tätigkeit
hervorbringt; denn die Wirkung gehört
der Ursache. Sind mehrere Ursachen
an der Hervorbringung der Frucht be¬
teiligt, dann gehört die Frucht nicht
einer dieser Ursachen allein, sondern
allen Teilursachen insgesamt, der ein¬
zelnen nach Maßgabe ihrer Mitwir¬
kung. Auf das Verhältnis von Kapital
und Arbeit angewandt: Der Ertrag
gehört weder dem Kapital allein noch
der Arbeit allein, sondern beiden, und
zwar entsprechend ihrem Anteil an der
Produktivität, eingeschlossen Verant¬
wortung und Wagnis. Wird der Anteil
unter kommunistischem Einfluß steht,
deren Sekretär aber hofft, den Einfluß
der Kommunisten bei der nächsten
Wahl zum Schwinden zu bringen;
Französisch-Cameroon und Senegal,
die mit ihren Gewerkschaften an die
Force Ouvriere angeschlossen sind,
waren ebenfalls vertreten; Dahomey
wo die Gewerkschaftsidee erst an¬
fängt, Fuß zu fassen — sie hat erst
400 Mitglieder, die zum größten Teil
Beamte und Angestellte sind —;
Französisch-Äquatorialafrika, wo die
Force Ouvriere erst beginnt, die Be¬
amten, Eisenbahnangestellten und die
Industriearbeiter zu organisieren;
außerdem entsandten noch die Ge¬
werkschaften von British-Cameroon
Vertreter.
der Arbeit in Form des Arbeitslohnes
übermittelt, dann muß die Gesamt¬
höhe der Löhne nach diesen Kriterien
bemessen werden, also nach dem
Gesamtanteil am Ertrag, unter Berück¬
sichtigung der Verantwortung und des
Wagnisses.
Ein zweiter Grundsatz des gesunden
Menschenverstandes lautet: Wenn
Menschen, alle miteinander selbstän¬
dige und selbstverantwortliche Per¬
sonen, gemeinsam an einer Gesamt¬
aufgabe arbeiten, dann wird die wahre
Einheit unter ihnen eigentlich erst
damit vollzogen, daß sie möglichst alle
an den notwendigen Überlegungen und
Entscheidungen teilnehmen. Solange
dieses personenhafte Zusammenwirken
nicht im erreichbaren und zweckdien¬
lichen Grade durchgeführt ist, müssen
die einen sich als zurückgesetzt, als
nicht vollmenschlich gewertet, als der
Macht der anderen ausgeliefert vor¬
kommen ...
Die Gleichberechtigung
von Kapital und Arbeit muß
anerkannt und institutio¬
nell das heißt, in einer
entsprechend verfaßten
Ordnung, verwirklicht wer¬
den. Die Lohnarbeiterschaft hat An¬
spruch darauf, daß ihr die lange vor¬
enthaltene selbständige Mitwirkung
eingeräumt und sie damit aus ihrer
bisherigen Abhängigkeit befreit wird;
sie hat Anspruch darauf, in Sachen
der Wirtschaft verantwortlich mitzu¬
entscheiden. Alle Entscheidungen, die
für die Gesamtversorgung als solche
von maßgeblichem Einfluß sind, müs¬
sen durch ebenbürtig-einträchtige Zu¬
sammenarbeit von Kapital und Arbeit
vorbereitet und gefällt werden. Aber
das allein genügt nicht. Die Dinge ver¬
langen eine Regelung, die der Arbeiter¬
schaft die volle Sicherheit verbürgt,
daß ihre Angelegenheiten überall ge¬
bührend ernst genommen werden, ja
daß das Wirtschaftsgebaren überall
mit dem übereinstimmt, was nach Ma߬
gabe der Umstände gerecht und bil¬
lig ist.
Das gesellschafts- und wirtschafts¬
politische Ziel der Gegenwart besteht
also darin, durch Schaffung wahrer
Leistungsgemeinschaften die Klassen¬
gegensätze zu überwinden (QA 81 ff.).
Damit der Arbeitnehmer ein unbeding¬
tes Vertrauen zum Unternehmer be¬
ziehungsweise zur Betriebsleitung ge-
Zeitschriftenschau
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