Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1950-51 Heft 10 (10)

Die Weineinfuhren sind
heute „um rund ein Viertel niedriger
als im Jahresdurchschnitt der letzten
drei Jahre vor 1938... Der öster¬
reichische Weinbau deckt daher den
Inlandsbedarf mehr als zur Genüge".
„Die Obsteinfuhren", so
fährt die Denkschrift fort, „sind in
der Zeitperiode 1948 bis 1950 pro
Jahr ... um die Hälfte nied¬
riger als in den drei Jahren vor
1938. Der österreichische Obstbau
kann daher den Bedarf des Inlandes
decken und muß in guten Obstjahren
bedeutende Mengen exportieren."
„In Gemüse, von dem im
fünften Jahre nach dem ersten Welt¬
krieg (1923) noch mehr als 100.000
Tonnen eingeführt wurden,- betrug
die Einfuhr im fünften Jahre nach
dem zweiten Weltkrieg (1950) weni¬
ger als die Hälfte der damals einge¬
führten Menge. Der österreichische
Gartenbau deckt daher ... den hei¬
mischen Bedarf bereits zur Gänze."
Die Argumentation, deren sich die
Präsidentenkonferenz hier bedient,
ist, höflich ausgedrückt, zumindest
überraschend. Aus dem Sinken der
Gemüse- und Obsteinfuhr zu schlie¬
ßen, daß die Inlandsproduktion den
„heimischen Bedarf bereits zur
Gänze" decke, ist ein arger Trug¬
schluß. Es muß den Herren
J. Strommer und Ing. L. Greil,
die als Autoren dieser Denkschrift
zeichnen, sehr wohl bekannt sein,
daß die Obst- und Gemüseeinfuhren
vor allem deshalb so gering sind,
weil es den Produzenten gegen den
Widerstand der Arbeiterkammer
gelungen ist, die Einfuhrkontingente
viel zu niedrig festzusetzen. Diese
Abdrosselung der Gemüse- und Obst¬
einfuhr hat die Preise so empor¬
getrieben, daß die Arbeiter und An¬
gestellten außerstande sind, Obst
und Gemüse in ausreichender Menge
zu kaufen.
Die Denkschrift sagt an anderer
Stelle selbst, daß der „verläßlichste
Gradmesser" für die landwirtschaft¬
liche Produktion die „Anlieferung
nach Wien" ist. Wie sehen nun diese
Anlieferungen aus? Die statistischen
Ausweise des Wiener Marktamtes
besagen, daß die Obstanlieferung
nach Wien im Jahre 1937 6 8.1 3 3
Tonnen betrug — im Jahre 1950
aber nur 45.950 Tonnen. Die An¬
lieferung von Gemüse (ohne Kar¬
toffeln) sank in derselben Zeit von
141.879 auf 62.231 Tonnen! Diese
Zahlen zeigen, daß der Obst- und
Gemüsekonsum heute erschreckend
niedrig ist. Die „Deckung des
heimischen Bedarfes" ist also nicht,
wie es die Denkschrift darzustellen
beliebt, der Steigerung der Produk¬
tion, sondern der ungerechtfertigten
Steigerung der Preise zu¬
zuschreiben, die durch die Einfuhr¬
drosselung herbeigeführt worden ist.
Die hohen Preise schalten viele Kon¬
sumenten vom Ankauf der für eine
gesunde Ernährung so wichtigen
Gartenfrüchte aus und zwingen die
verbleibenden Konsumenten, ihren
Verbrauch einzuschränken. Der
solcherart heruntergedrückte Ver¬
brauch ist dann freilich mit der
Erzeugung unserer braven Land¬
wirte unschwer zu „decken".
Die Milch- und Fleisch¬
produktion hat sich in den
letzten Jahren zwar wesentlich ge¬
bessert, aber den Vorkriegsstand hat
sie sechs Jahre nach der Befreiung
noch immer nicht erreicht. Die Zahl
der Milchkühe, die 1937 1,211.745
betrug, beträgt jetzt erst 1,128.161.
Nach der Zählung vom 3. Dezember
1950 war der gesamte Schweine¬
stand 2,523,182 Stück. Im Jahre 1938
gab es 2,868.148 Schweine. Die Zahl
der Rinder war 1938 2,578.804;
heute ist sie 2,280.548. Die Rinder¬
zahl hat seit 1945 nur eine Steige¬
rung um rund 100.000 Stück er¬
fahren. Die Denkschrift erklärt dies
mit „der ungenügenden Höhe des
Milchpreises bis 1948, ferner in
einem Absinken des Rindfleischkon¬
sums zugunsten des Schweinefleisch¬
konsums und letzten Endes im allge¬
meinen Futtermittelmangel, der ins¬
besondere durch die Dürrejahre 1947
und 1948 bedingt war".
Der Pflanzenbau
Die Denkschrift stellt rühmend
fest, daß der Kunstdünger¬
verbrauch im Wirtschaftsjahr
1949/50 fast doppelt so groß war
wie 1937/38. Das soll ein Beweis für
die Anstrengungen sein, „die die
österreichische Landwirtschaft zur
Steigerung der pflanzlichen Erzeu¬
gung macht". Wie bekannt, war vor
dem Jahre 1938 der Kunstdünger¬
verbrauch in Österreich sehr gering.
Deutschland verwendete damals
je Hektar seiner landwirtschaftlichen
Nutzfläche die dreizehnfache,
Holland sogar die sechzehn¬
fache Menge. Mit der Verdoppe¬
lung hält also Österreich erst bei
einem Sechstel des deutschen, einem
Achtel des holländischen Vorkriegs¬
verbrauches. Die Argumentation der
Denkschrift erinnert darum sehr an
den Gemeinderatskandidaten, der
seine Wählerzahl von 2 auf 4 stei¬
gerte und dann stolz von einer
Verdoppelung seiner Anhän¬
gerschaft redete. Im übrigen ist wohl
der gesteigerte Kunstdüngerver¬
brauch damit zu erklären, daß der
Landwirtschaft von der Marshall-
Hilfe erhebliche Mengen von Dünge¬
mitteln weit unter dem Welt¬
marktpreis zur Verfügung gestellt
werden.
Die Zuckerproduktion be¬
trug in den letzten Vorkriegsjähren
(1934—1938) rund 160.000 Tonnen
jährlich. Sie sank bis auf 6708 Ton¬
nen im Jahre 1945/46, stieg dann
aber wieder an und erreicht im
Wirtschaftsjahr 1949/50 60.863 Ton¬
nen; das sind aber auch erst 38 Pro¬
zent der Vorkriegserzeugung.
Die Brotgetreide-Erzeu¬
gung sei, so sagt die Denkschrift,
eine stark umstrittene Frage. „Vor
1928 mußte im Durchschnitt pro
Jahr an Brotgetreide (Weizen und
Roggen) eine Menge von rund
360.000 Tonnen eingeführt werden.
Seit 1949 jedoch beträgt die Einfuhr
im Jahresdurchschnitt rund 640.000
Tonnen. Die Einfuhr von Brot¬
getreide ist somit heute um rund
280.000 Tonnen höher als vor
1938."
Der Rückgang der Getreidepro¬
duktion ist durch die Verkleinerung
der Anbaufläche bedingt. Es war
darum das Bestreben des „Long-
Term-Programms" (des im Einver¬
nehmen mit der österreichischen
Vertretung der Marshall-Plan-Ver¬
waltung aufgestellten langfristigen
Notstandsprogramms), die Anbau¬
flächen zu vergrößern. Leider hat
sich bereits gezeigt, daß die Land¬
wirtschaft dieses Programm nicht
erfüllt.
Das vom Landwirtschaftsministe¬
rium erstellte Programm sah bei¬
spielsweise für 1951 eine Steigerung
der Anbaufläche für Brotgetreide
von 496.000 Hektar (1950) auf
541.000 Hektar vor. Aus den An¬
gaben desselben Ministeriums geht
aber hervor, daß die Herbstaussaat
1950 von Weizen und Roggen um
8 Prozent hinter dem Ziele
des Anbauplanes zurückblieb.
Die Getreidebauern, denen es nach
den Worten der Denkschrift nur
„um die Sicherung der Er¬
nährung der Bevölke¬
rung" zu tun ist, widerlegen damit
selbst diese selbstgefällige Phrase.
Sie bauen ohne Rücksicht auf die
Brotversorgung weniger Roggen an,
wenn die Produktion von Futter¬
mitteln höheren Gewinn erwarten
läßt. Das ist, wirtschaftlich gesehen,
begreiflich. Wozu aber suchen dann
die Herren der Präsidentenkonfe¬
renz der Öffentlichkeit einzureden,
daß die Landwirtschaft nur „im
Interesse einer ausreichenden Ver¬
sorgung der Bevölkerung" handelt?
Die gesteigerte Ausfuhr von
Holz, über die die Denkschrift an¬
schließend freudig berichtet, ist in
Wahrheit ein trauriges Kapitel.
Nach sehr vorsichtigen Schätzungen
wurden 1950 mehr als 12 Millionen
Festmeter Holz geschlagen, obwohl
der jährliche Zuwachs nur etwa
7 Millionen Festmeter beträgt. Und
das Schlimmste daran ist, daß die
heimische holzverarbeitende Indu¬
strie trotzdem unter Rohstoffmangel
und hohen Preisen leidet. Selbst
Landwirtschaftsminister Kraus
hat am 30. März in einer Presse¬
konferenz erklärt — wir zitieren
„Das Kleine Volksblatt" —, daß
sich auf dem Gebiete der Holzwirt¬
schaft „ein derartiges Spekulanten-
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