Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1953-54 Heft 06 (06)

eine Handvoll von Leuten aus einem Betrieb nehmen,
solche, die schon ein wenig aufgelockert sind. Mit denen
werden wir dann offen über die Gleichberechtigung der
Schwarzen und Weißen sprechen. Wenn wir sie über¬
zeugt haben, dann werden wir weitergehen. Wenn wir
einmal einen Kern haben, dann geht es schon wieder
weiter. Die Rassenvorurteile werden im allgemeinen
geringer, aber sie sind noch vorhanden. Es wird uns
aber doch immer leichter, gegen diese Vorurteile anzu¬
kämpfen."
An dieser Stelle des Gespräches unterbrach ich
Christopher mit einer etwas verlegenen Frage: „Darf ich
eine persönliche Frage an Sie stellen? Stammen Sie aus
dem Süden und haben Sie selbst Rassenvorurteile gegen
die Neger gehabt?"
Christopher antwortet ohne Zögern: „Ich bin in Süd-
Karolina geboren und, wie Sie wissen, gibt es dort sehr
starke Rassenvorurteile. Als ich ein Schulkind war, war
es noch viel ärger darum bestellt (Christopher steht jetzt
etwa Mitte der Vierzig). Damals hat es den bekannten
Ku-Klux-Klan gegeben, die Geheimorganisation gegen
Neger und Katholiken. Als ich ein Kind war, stand ich
sehr stark unter dem Einfluß des Ku-Klux-Klan. Und
selbstverständlich hatte ich auch die stärksten Rassen¬
vorurteile gegen die Neger. Aber mein Vater war ein
organisierter Textilarbeiter und er wirkte auf uns Kinder
ein. So verlor ich meine Rassenvorurteile und bin ein
überzeugter Anhänger der Rassengleichheit und des
gemeinsamen Kampfes von Weißen und Schwarzen in
der Gewerkschaft geworden. Da sehen Sie", fuhr Chri¬
stopher fort, „daß wir heute in einer viel besseren
Situation sind. Denn heute gibt es schon viel mehr solche
Leute, wie mein Vater war. Und jeder, der zu dieser
Überzeugung gekommen ist, setzt die Aufklärungsarbeit,
die an ihm begonnen wurde, fort, und so entwickelt sich
auch im Süden eine immer größere Vorhut aufgeklärter
Menschen, die gegen die Vorurteile ankämpft, die die
Unternehmer und die Männer der politischen Maschinen
verbreiten und ausnützen.
Kirchliche und persönliche Einflüsse
Die Unternehmer machen im Süden die verzweifelt¬
sten Anstrengungen, um die Ausbreitung der Gewerk¬
schaften zu verhindern. „Wir haben in Knoxville", fuhr
Christopher fort, „eine große Textilfabrik mit drei¬
tausend Arbeitern. Wir sind bisher nicht in der Lage
gewesen, in den Betrieb einzudringen. Der Unternehmer
verwendet zum Beispiel folgenden sehr einfachen Trick.
Wenn ein Arbeiter aufgenommen wird, muß er unter
anderem eine unscheinbare Frage beantworten: Welche
Kirche besuchen Sie? Unsere Arbeiter, die in der Regel
in die Kirche gehen, antworten: Die oder jene Kirche in
jenem Teil oder Vorort von Knoxville. Darauf sorgt der
Unternehmer, daß ein Angestellter in regelmäßigen Ab¬
ständen 20 oder 25 Dollar in den Opferstock dieser Kirche
einwirft. Wenn wir nun versuchen, die Arbeiter dieses
Betriebes zu organisieren, schickt der Unternehmer einen
Angestellten, womöglich einen, der auch diese Kirche
besucht, zum Pfarrer und sagt ihm: »Sie wissen ja, daß
unsere Firma regelmäßig für Ihre Kirche spendet. Wür¬
den Sie nicht so gut sein, am Sonntag die Arbeiter auf¬
zuklären, daß sie nicht der Gewerkschaft beitreten und
daß sie sich von den Negerfreunden fernhalten sollen?«
Regelmäßige Zuwendungen von 25 Dollar spielen für
diese kleinen Kirchengemeinden eine große Rolle. So
finden sich Pfarrer, die tun, was die Firma will. Tatsache
ist, daß wir bisher in den Betrieb noch nicht eindringen
konnten."
Christopher stellte aber ausdrücklich fest, daß die
katholische Kirche, die im Süden die Kirche einer ver¬
hältnismäßig kleinen Minderheit ist, sich an solchen
neger- und gewerkschaftsfeindlichen Aktionen nicht be¬
teiligt. Und er fügt hinzu, daß, sosehr auch im allge¬
meinen Pfarrer protestantischer Kirchen zögern, in der
Negerfrage die Initiative zu ergreifen, in vielen Fällen
der erste Stoß gegen die Rassenvorurteile im Süden von
religiösen Erwägungen kommt — daß Gott alle Men¬
schen, auch die mit dunkler Hautfarbe, in seinem Eben¬
bilde geschaffen hat.
Während der CIO-Tagung in Cleveland fand ein
„Luncheon" — ein Mittagessen, das in Amerika sehr oft
Gelegenheit für Gedankenaustausch oder für Reden ist
— unter der Devise „Labor and Religion" statt, bei dem
die Frage besprochen wurde, wieweit die Religion die
Sache der Arbeiter und der Gewerkschaften fördern
könne. Es war vor allem die Negerfrage im Süden, die
dabei im Vordergrund stand.
Christopher erzählte mir sehr eingehend über die
Bedeutung, die persönliche Einflüsse auf Richter, Sheriffs
und andere Polizeifunktionäre haben. In der Gesellschaft
des Südens spielen persönliche Beziehungen noch eine
größere Rolle als in anderen Teilen der Vereinigten
Staaten. Wenn zum Beispiel in Tennessee Senator Estes
Kefauer einen lokalen Funktionär anruft und ihm sagt,
er habe gehört, daß den Negern in dem und dem Ort
eine krasse Ungerechtigkeit zugefügt wurde, so wird das
seine Wirkung haben. Der Bürgermeister oder Sheriff
wird dann doch darauf sehen, daß die Ordnung her¬
gestellt wird oder daß die Neger zu ihrem Recht
kommen. Zum Beispiel: In einem kleineren Ort hatten
einige Negerjungen kürzlich etwas gestohlen. So etwas
kommt selbst auch bei Weißen vor. Aber die Gefahr ist,
daß die Negerburschen so hart angefaßt und schwer
bestraft werden, daß ihr ganzes Leben verpfuscht wird.
Die Gewerkschaft hat in diesem Fall einige Frauen von
angesehenen weißen Bürgern dafür gewonnen, daß sie
zum Richter gingen und ihm sagten: Wir wollen nicht,
daß diese Burschen unter das Rad kommen ... Sie gingen
dann selbst ins Gericht als Zuhörer — und der Richter
mußte sich Zurückhaltung auferlegen und den Jungen
ein „fair trial" (ein anständig geführtes Verfahren) und
die üblichen Rechtsgarantien geben.
Christopher deutete an, daß auch all das sehr rück¬
ständig erscheinen möge. Aber angesichts der Ungerech¬
tigkeit, die noch vor wenigen Jahren im Süden durchaus
uneingeschränkt herrschte, ist der gegenwärtige Zustand
schon ein Fortschritt.
CIO gegen Segregation
Auf der Tagung des CIO machte der Rechtsberater
des CIO, Arthur Goldberg, darauf aufmerksam, daß er vor
einigen Jahren im Auftrag des damaligen Präsidenten
Murray ein Rundschreiben an alle CIO-Organisationen
in den Vereinigten Staaten — mit besonderem Hinweis
auf die im Süden — gerichtet habe, in der es ausdrück¬
lich untersagt wurde, die Rassentrennung, die im Süden
üblich ist, auch auf das Gewerkschaftsleben auszudehnen.
In diesem Rundschreiben wurde erklärt, daß es in Ge¬
werkschaftshäusern und -büros ebenso wie in Versamm¬
lungen des CIO keine „Segregation", keine Trennung von
Weißen und Schwarzen, geben dürfe. Auf der Tagung in
Cleveland erinnerte nun Arthur Goldberg an dieses
Rundschreiben im Namen des gegenwärtigen Präsidenten
Walter Reuther. „Während wir mit der Einhaltung dieser
Verfügung durch unsere Organisationen im Süden durch¬
aus zufrieden sein können, hören wir gelegentlich aus
kleinen Orten im tiefen Süden, daß mit Rücksicht auf
lokale Verfügungen »Segregation« besteht. Diese lokalen
Verordnungen sind verfassungswidrig und dürfen nicht
eingehalten werden!" erklärte Goldberg unter Beifall.
Über die Versammlungspraxis und Tendenzen zu
„Segregation" gab Christopher freimütig Auskunft; er
sagte: „Wir geben unser Prinzip keinesfalls auf. Der CIO
hat entweder gemeinsame Versammlungen oder keine
Versammlungen. Wir wissen, daß die Befolgung dieses
Prinzips uns manchmal beim Eindringen in neue Betriebe
hemmt. Aber wir halten trotzdem daran fest. Wenn wir
mit der Organisationsarbeit beginnen, ereignet es sich oft,
daß die Gruppen der weißen und der schwarzen Arbeiter
getrennt sitzen. Aber das ist nur der Anfang. Nach zwei
oder drei Versammlungen beginnt der Kontakt und wir
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