Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1953-54 Heft 06 (06)

als Sozialpolitiker aus dem Anlaß seines 75. Geburts¬
tages von der Gewerkschaft der Angestellten in der
Privatwirtschaft gewürdigt wurde. Heinrich Allina
hat als Abgeordneter zum österreichischen Nationalrat,
als Funktionär des Reichsvereins der Bankbeamten
und der Spitzenorganisation der freien Angestellten¬
gewerkschaften sowie der Arbeiterkammer Wien der
Angestelltenbewegung von ihrer Frühzeit bis zu ihrer
Reife wertvolle Dienste geleistet, die ihm ein treues
und ehrendes Angedenken sichern.
Was Hugo Breitner als Stadtrat der Gemeinde Wien
für das politische Leben Österreichs bedeutete, wurde
kürzlich von berufener Seite geschildert. Seine in der
Öffentlichkeit weniger bekannte Tätigkeit in der Berufs¬
organisation und seine ungewöhnliche, ja teilweise dra¬
matisch verlaufene Karriere vom Beamten zum Direktor
einer Großbank verdienen nicht weniger der Erinnerung.
Unmittelbar nach Gründung der Gewerkschafts¬
organisation der Bankbeamten, ihres späteren „Reichs¬
vereins", im Jahre 1908, wurde Breitner von der Kol¬
legenschaft seines Instituts — der Länderbank — zum
Hauptvertrauensmann (Betriebsräte gab es damals noch
nicht) und als solcher in den Zentralvorstand und in das
Präsidium der Gewerkschaft gewählt. Hier entwickelte
er sich sehr rasch zu dem unermüdlichen Funktionär, als
der er ja auch späterhin im öffentlichen Leben wohl¬
bekannt war. Sein Rat und sein Urteil in jeder gegebenen
Situation erwies sich stets unübertrefflich, sein Arbeits¬
eifer schier unausschöpflich, seine Argumentation viel¬
fältig und unwiderlegbar. In ganz kurzer Zeit war
er zur Seele der jungen Gewerkschaft geworden. Er
gründete das Fachblatt, welches er dank seiner journa¬
listischen Fähigkeit zu einem der gelesensten Fachblätter
auch außerhalb des engeren Berufskreises der Bank¬
angestellten machte.
Als Gewerkschaftsfunktionär
Eine allgemeines Aufsehen erregende Ausgabe dieses
Fachblattes bildete die 24 Seiten umfassende Abrechnung
mit einem Einbruch des gelben Bankbeamtenvereines
Deutschlands in das Organisationsgebiet des Reichs¬
vereins, als jener den Versuch machte, sich mit Orts¬
gruppengründungen mit den gleichen Tendenzen wie
draußen im Reich in unseren Alpenländern zu etablieren.
Diese Nummer des Fachblattes ging in tausenden Exem¬
plaren nach Deutschland hinaus und führte in ganz
kurzer Zeit zur Gründung einer freigewerkschaftlichen
Organisation auch im Reich. Den mißglückten Versuch,
sich in österreichisches Gebiet mit gelbem Gedankengut
einzuschalten, bezahlte der geschäftstüchtige Imperialist
mit seinem von diesem Tage anhebenden allmählichen
Niedergang. Die Abrechnung mit den von ihm vertrete¬
nen Tendenzen war so umfassend, so wuchtig, von so
ätzender Satire, daß selbst Friedrich Austerlitz davon
Kenntnis nahm und sich angelegentlich nach der Per¬
sönlichkeit des ihm damals noch unbekannten Autors
erkundigte.
Es war Breitner, dem die Gewerkschaft die Gründung
des Widerstandsfonds verdankte, dessen Höhe und Bei¬
tragszuflüsse er im Gegensatz zu den Gepflogenheiten
der anderen Gewerkschaften nicht geheimhielt, sondern
öffentlich auswies. Dies führte zu einem sehr gesunden
Wettkampf der einzelnen Betriebe um die Spitze der all¬
monatlichen Ausweise im Fachblatt und machte die
junge Organisation alsbald zu einer der an Geldmitteln
reichsten Gewerkschaften der Monarchie. Er bewirkte
gegen den Widerstand der noch mit starken bürger¬
lichenVorurteilen behaftetenGewerkschaftsinstanzen die
gleichberechtigte Aufnahme der damals in die Betriebe
einsickernden Frauen in die Organisation und arbeitete
unermüdlich an der allmählichen Gleichstellung ihrer
Entlohnung mit jener ihrer männlichen Kollegen. Die
von ihm verfaßten Eingaben an die Großbankdirektionen
in Angelegenheiten des Pensions- und Gehaltsvorrük-
kungssystems waren von so eindringlicher Argumen¬
tation und mit so unwiderleglichem Material ausgestattet,
daß sich die Banken ihrer Beweiskraft zumeist nicht ent¬
ziehen konnten. In Kollegenkreisen wurden diese schrift¬
lichen Begründungen erhobener Forderungen alsbald als
die Breitnerschen „Staatsschriften" bezeichnet.
Es gab kein Gebiet gewerkschaftlicher Betätigung,
auf welches sich sein Einfluß nicht erstreckt hätte; nur
eines konnte und durfte man von ihm nicht verlangen:
das Hervortreten in der Öffentlichkeit. Nichts war ihm
mehr zuwider, als öffentlich genannt oder gar bedankt
zu werden. So intensiv und so gerne er seinen Einfluß
im stillen Beratungszimmer geltend machte, sein Wirken
suchte er hinter den Kulissen zu verbergen. Er wich mit
einer gewissen Scheu dem öffentlichen Auftreten aus
und entzog sich allen Versuchen, ihm Ovationen darzu¬
bringen. Nur äußerst selten gelang es, ihn als Referenten
an das Rednerpult zu bringen. Konnte er sich bei beson¬
ders ernsten Anlässen der Bestimmung als Redner doch
nicht entziehen, dann erstattete er Referate, die an Glanz
und hinreißender Eindringlichkeit, nötigenfalls aber auch
in der den Gegner tödlich treffenden Satire, seine hervor¬
ragenden journalistischen Arbeiten noch übertrafen.
Reisen haßte er und war niemals dazu zu bewegen, etwa
Agitationstouren in die österreichischen Kronländer, die
ihn immer und immer wieder als Redner verlangten, zu
machen. „Das ist nicht mein Ressort", pflegte er dem an
ihn gestellten Verlangen entgegenzusetzen — wie wenn
es irgendeine Sache gegeben hätte, die während seiner
Funktionsperiode nicht zu „seinem Ressort" gehört hätte.
Bekanntlich war diese in alles eindringende Einflu߬
nahme auch ein Merkmal seiner späteren Verwaltungs¬
tätigkeit in der Gemeinde — sehr zum Vorteil der ge¬
samten Verwaltung. Jede Vergütung, Funktionszulage
oder dergleichen, welche die inzwischen finanziell sehr
gut gestellte Gewerkschaft ihren Funktionären als Ersatz
für ihre hingebungsvolle und Freizeit verzehrende Arbeit
zu leisten vermochte, lehnte er für seine Person bedin¬
gungslos ab, und konnte er es mit Rücksicht auf seine
Funktionskollegen nicht immer im vorhinein tun, so war
todsicher im nächsten Widerstandsfondsausweis der
Betrag als seine Widmung zu finden.
So blieb er in dieser alle Sparten der Gewerkschaft
umfassenden Wirksamkeit bis zu seiner Ernennung zum
Prokuristen der Länderbank, auf deren besondere Um¬
stände ich später noch zurückkommen werde. Alles Zu¬
reden, spontane Vertrauenskundgebungen, Hinweise auf
Kollegen in gleichen Stellungen, die ihre gewerkschaft¬
lichen Funktionen beibehalten hatten, konnten ihn von
seinem Entschlüsse, zurückzutreten, nicht abhalten. Ins¬
besondere von seiner Funktion als Hauptvertrauensmann
der Kollegenschaft in der Länderbank. „Habe ich in
dieser oder jener Situation bisher zur Mäßigung und zur
Annahme einer Kompromißlösung geraten, so konnte ich
immer auf eure Gefolgschaft rechnen. Wußtet ihr doch,
daß mich der Schuh an der gleichen Stelle wie euch
drückt", rief er aus. „Wie kann ich dies in Hinkunft
ebenso voraussetzen. Muß nicht bei diesem oder jenem
bei einem Appell, sich mit dem Erreichten zu begnügen,
unwillkürlich der Gedanke aufkommen, der hat leicht
reden bei seinen Bezügen. Nein, nein, auf mich, das wißt
ihr hoffentlich, könnt ihr in jeder Situation rechnen —
aber zum Führer und Hauptvertrauensmann nehmt euch
nur wieder einen aus eurer Mitte." Und dieses Ver¬
sprechen hat er getreulich gehalten. Auch nach seinem
Aufstieg zum Direktor blieb er, was er uns immer war:
Freund und Berater in jeder Phase gewerkschaftlicher
Arbeit, voll freudiger Teilnahme an den Erfolgen und
sorgsamer Helfer in Stunden der Gefahr und des
Kampfes.
Im Berufsleben
Breitner trat nach Absolvierung der Handelsakademie,
mit guten Empfehlungen versehen (wie es damals zur
Aufnahme in eine Bank unerläßlich war), in die Dienste
der Länderbank. Dort führte er fünfzehn Jahre hindurch
als Beamter im Saldakonti ein ziemlich unbeachtetes
Dasein. Die interne Organisation dieser Abteilung, die
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