Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1953-54 Heft 06 (06)

gesetzes. Der Paragraph 2 des Anti-
terrorgesetzes, der in der Frage der
Einhebung von Gewerkschaftsbeiträgen
die Arbeiter und Angestellten unter
Kuratel stellt, soll endlich beseitigt
werden.
Zu diesen besonders dringenden For¬
derungen kommen noch solche hinzu,
die sich auf Spezialgesetze beziehen und
als ebenfalls sehr dringend betrachtet
werden: Die Schaffung eines Gesetzes
über die Schlechtwetterregelung im
Baugewerbe, eines Berufsausbildungs¬
gesetzes und eines Ladenschlußgesetzes
sowie die Neufassung des Bäckerei¬
arbeitergesetzes, des Hausgehilfen¬
gesetzes, der Hausbesorgerordnung und
des Gutsangestelltengesetzes.
Alle gesetzlichen Errungenschaften
finden ihre Ergänzung in den von den
Gewerkschaften abgeschlossenen Kol¬
lektivverträgen. Von 1945 bis Mitte 1953
wurden von den sechzehn Gewerk¬
schaften des ÖGB nicht weniger als
1840 Kollektivverträge abgeschlossen.
142 dieser Verträge gelten einheitlich
für das gesamte Bundesgebiet. Da auf
Grund des Kollektivvertragsgesetzes
vom 26. Februar 1947 der Geltungs¬
bereich der Kollektivverträge nicht
nur die Mitglieder der abschließenden
Gewerkschaften, sondern alle Arbeit¬
nehmer umfaßt, haben rund 90 Prozent
der österreichischen Arbeitnehmer den
Gewerkschaften [denen nur rund
67 Prozent als Mitglieder*) angehören!]
eine kollektivvertragliche Regelung
ihrer Arbeits- und Entlohnungsbedin¬
gungen zu verdanken.
Neben den Kollektivverträgen kommt
auch der Einrichtung der Betriebsräte
besondere Bedeutung zu, wenngleich
betont werden muß, daß die Betriebs¬
räte von den Belegschaften gewählt
werden und daher nicht immer die
Gewerkschaften für deren Wirken ver¬
antwortlich gemacht werden können.
Nach Ablauf der zweijährigen Funk¬
tionsperiode wurden im Herbst zahl¬
reiche Betriebsräte neu gewählt. Bis
Ende November 1953 hatten 165.000
Arbeiter und Angestellte in 2901 öster¬
reichischen Betrieben 6519 Betriebsräte
gewählt. Von den Neugewählten ge¬
hören 66 Prozent der Sozialistischen
Partei Österreichs an, 6,5 Prozent der
Kommunistischen Partei, 3,2 Prozent
der österreichischen Volkspartei und
0,3 Prozent dem Verband der Unab¬
hängigen. 24 Prozent der gewählten
Betriebsräte hatten aus verschiedenen
Gründen keine Parteizugehörigkeit an¬
gegeben, doch kann angenommen wer¬
den, daß auch die meisten von ihnen
den verschiedenen Parteien in gleichem
Prozentsatz angehören oder zumindest
nahestehen.
Das Gewerkschaftstreffen
Im Jahre 1953 gab es neben den
Sorgen und Kämpfen auch Stunden
der Freude und der Besinnung. Am
7. Februar wurde, wie alljährlich, im
Wiener Konzerthaus der „Ball der
Solidarität" abgehalten. Außerdem gab
es das ganze Jahr hindurch zahlreiche
von der „Solidarität" durchgeführte
unterhaltende Veranstaltungen. Das
ßudungsreferat des ÖGB ermöglichte
V u-n Gewerkschaftsmitgliedern denverbilligten Besuch wertvoller kultu¬
reller Veranstaltungen und die Volks-
Am Dezember 1952 betrug der Mit-suederstand des ÖGB 1,318.327.
theatergemeinde brachte die Kunst des
Theaters dem arbeitenden Menschen
näher. Gegen Ende des Jahres konnte
dank der Initiative der Arbeiterkammer
Wien daran geschritten werden, in den
Wiener Außenbezirken Volkstheater¬
vorstellungen zu mäßigen Eintritts¬
preisen zu organisieren. Der im Jahre
1953 von gewerkschaftlicher Seite ge¬
gründete österreichische Verband für
Sozialtourismus erwies sich bereits als
Erfolg. Allein von März bis September
wurden Reisesparmarken im Werte von
fast 3 Millionen Schilling an Arbeiter
und Angestellte verkauft.
Ein eindrucksvolles Erlebnis auf ge¬
werkschaftlichem Gebiete war das
3. Gesamtösterreichische Gewerkschafts¬
treffen, das als 60-Jahr-Feier des
ersten Zusammenschlusses österreichi¬
scher Gewerkschaften vom 29. August
bis 6. September in Wien durchgeführt
wurde. Den Höhepunkt bildete der
historische Festzug, der sich am 5. Sep¬
tember vor hunderttausenden begei¬
sterten Zuschauern über die Wiener
Ringstraße bewegte.
In diesem 3. Gesamtösterreichischen
Gewerkschaftstreffen kam der Gedanke
der Solidarität aller arbeitenden Men¬
schen überzeugend zum Ausdruck. Daß
es sich hiebei nicht um ein Schlagwort,
sondern um einen lebensvollen Begriff
handelt, haben Österreichs Arbeiter
und Angestellte im Frühjahr bewiesen,
als es galt, über die Grenzen unseres
Landes hinweg arbeitenden Menschen,
die in furchtbarste Not geraten waren,
Solidarität zu erweisen. In den ersten
Tagen des Monats Februar wurde Hol¬
land von einer grauenhaften Über¬
schwemmungskatastrophe heimgesucht.
Bereits am 4. Februar wandte sich der
Gewerkschaftsbund mit einem Aufruf
an die Arbeiter und Angestellten, mit
Geldspenden zur Linderung der Not
beizutragen. Der Gewerkschaftsbund
selbst stellte an die Spitze dieser Samm¬
lung den Betrag von einer halben Mil¬
lion Schilling. Bis Mitte Mai langten
neben Sachspenden 3,74 Millionen
Schilling für den ÖGB-Katastrophen-
fonds ein.
Vom 4. bis 11. Juli tagte in Stockholm
der 3. Weltkongreß des Internationalen
Bundes freier Gewerkschaften (IBFG).
Auf dieser Tagung wurde der General¬
sekretär des ÖGB, Nationalrat Anton
Proksch, in den Exekutivausschuß
des IBFG gewählt, der dann vom
30. November bis 4. Dezember in
Brüssel seine erste Sitzung abhielt, wo¬
bei Generalsekretär Proksch als Ver¬
treter Österreichs teilnahm.
Anläßlich des zehnten Jahrestages der
Moskauer Deklaration, in der Öster¬
reich die Freiheit und Unabhängigkeit
versprochen wurde, ruhte am 30. Okto¬
ber in allen österreichischen Betrieben
zum Protest gegen den Bruch dieses
Versprechens für fünf Minuten die
Arbeit. Präsident Böhm richtete in dieser
Zeit über alle Sender des österreichi¬
schen Rundfunks einen leidenschaft¬
lichen Appell an die Welt, Österreich
die Freiheit wiederzugeben.
So umspannte auch im vergangenen
Jahr 1953 die gewerkschaftliche Tätig¬
keit den weiten Bogen von den beson¬
deren Bedürfnissen der Arbeiter- und
Angestelltenschaft bis zum allgemeinen
Interesse an einer gesunden Wirtschaft
und einem lebensfähigen und freien
Staatswesen Österreich.
Bücher
Otto Wesemann, Der Verbraucher hat das
Wort; Verlag August Lutzeyer, Frankfurt
am Main, 1953, 156 Seiten, Preis 1.85 DM.
Die freie Konsumwahl ist das Aushänge¬
schild eines jeden Wirtschaftssystems, das
die Bevölkerung für sich gewinnen will.
Freie Konsumwahl, das heißt, daß man sich
kaufen kann, was man will — soweit es
auf dem Markte angeboten wird und soweit
der Geldbeutel mitmacht. In der Wirtschaft,
die ihren Zweck wahrhaft erfüllt, muß der
Verbraucher das Wort haben. Das meint
auch Herr Hans Otto Wesemann, jedem
bekannt durch seine sonntägliche Meinungs¬
rundschau im Nordwestdeutschen Rund¬
funk.
Leider unterläuft Herrn Wesemann nun
gleich auf der ersten Seite, ja im ersten
Satz ein bedenklicher Fehler. Er meint, in
Deutschland hätten alle 1948 mit 40 Mark
angefangen, hätten aus der Situation der
Währungsreform heraus, gewissermaßen aus
einer Gesellschaft von Freien und Gleichen,
je nach Intelligenz und Wagemut, es mit
unseren 40 Mark bis heute zum Fabrik¬
besitzer — oder Lohnarbeiter bringen
können. Man muß es zweimal lesen, um es
zu glauben: „An Chancen hat es nicht
gefehlt, jenen 40 Mark eine oder zwei oder
noch mehr Nullen anzuhängen. Wer aber
eine Möglichkeit, die ihm geboten wird,
ausläßt, wird sich nicht darüber beschweren
dürfen, daß andere solche Möglichkeiten
sehr wohl ausgenutzt haben."
Es ist bedauerlich, daß der Autor sich
größtenteils darin gefällt, sich polemisierend
über ernste Fragen, wie Wirtschaftsdemo¬
kratie, Sozialisierung und volkswirtschaft¬
liche Gesamtplanung, hinwegzusetzen. So
entgeht es ihm, daß kein Mensch — nicht
einmal Marx! — von der Gleichmachung
der Arbeitsentgelte spricht, daß zwischen
genossenschaftlichen, gemeinwirtschaftlichen
und privaten Betrieben sehr wohl ein
Leistungswettbewerb möglich ist und daß
die Wirtschaft eben nicht die Aufgabe hat,
das Sozialprodukt um jeden Preis zu
maximieren.
Von dem Modelldenken der vollständigen
Konkurrenz befangen, stellt er den Gewinn
als Maßstab konsumentengerechter Produk¬
tion hin und kommt daher zu dem Schluß,
daß höchste Gewinne beste Berücksichti¬
gung der Konsumentenwünsche voraus¬
setzen, daß diese Gewinne auch wirklich in
deren Sinne investiert würden (man ver¬
gleiche etwa den unserer Situation völlig
unangemessenen Repräsentationsbedarf der
Unternehmungen!) und daß die Ersparnisse
ebenfalls im Interesse der Konsumenten
angelegt werden. Er verkennt völlig die
technisch notwendige Erstarrung der Pro¬
duktionseinheiten, die sich den variieren¬
den Konsumentenwünschen gar nicht
schnell genug anpassen können (worauf
Schmalenbach schon vor Jahrzehnten hin¬
wies) und deren Expansion einfach durch
Investitionspolitik gesteuert werden muß.
Es ist falsch, wenn Herr Weseman einer
staatlichen Kreditpolitik grundsätzlich Infla¬
tionsgefahr unterstellt; das gilt nur, wenn
eben Interventionismus und keine organische
Planung mit Hilfe eines Nationalbudgets
vorliegt.
Unter den Bedingungen der realen Ver¬
hältnisse ist es daher sehr wohl ein Unter¬
schied, ob sich eine Wirtschaft am Gewinn
orientiert oder an der Bedarfsdeckung, da
eben der Gewinn und die freie Investition
desselben nach Gutdünken des Unter¬
nehmers sich nicht optimal bildet bezie¬
hungsweise vollzieht, da die moderne Wirt¬
schaft die von Wesemann dargestellte Aus¬
lesefunktion nicht vollzieht und auch gar
nicht vollziehen kann. Es ist verfehlt, sich
in gedanklichen Konstruktionen zu bewe¬
gen, deren Prämissen der Wirklichkeit
abgehen.
Man kommt auch mit der — Verzeihung!
— lächerlichen Behauptung, die Gegner der
freien Unternehmerwirtschaft neideten den
Fabrikbesitzern ihr Automobil, nicht darum
herum zuzugeben, daß der Einzelbetrieb
gegen die krisenhaften Erscheinungen
machtlos ist, eben weil sich der Kon¬
kurrenzmechanismus nicht schnell genug
anpaßt. Und die Devisenzwangswirtschaft,
die Aufhebung der internationalen Gold¬
währung, war ja schließlich nicht eine
Laune planlüsterner Ministerialräte, sondern
der verzweifelte Versuch der Staaten, sich
der weltweiten Krisen zu erwehren, gegen
die der tüchtigste Unternehmer machtlos
war, und eine eigene Konjunkturpolitik in
die Wege zu leiten. Sosehr die Konvertier¬
barkeit der Währungen zu wünschen ist,
muß man doch bedenken, daß auch in den
— weltwirtschaftlich gesehen — „unren¬
tablen" Betrieben Arbeiter schaffen, die
dann anderweitig untergebracht werden
müßten, wenn ihr Werk niederkonkurriert
ist.
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