Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1953-54 Heft 06 (06)

Herr Dr. Wesemann hält die Wirtschaft
für „moralinfrei". Wir können ihm hierin
nicht zustimmen. Vielmehr scheint uns die
Wirtschaft ein Mittel zur Erieichung von
Zielen zu sein, die sehr wohl durch den
ethischen Aspekt bestimmt werden. Zur
Erzielung eines höchstmöglichen Sozial¬
produkts sind deshalb nicht alle Mittel
recht, und es wäre zu fragen, ob das
höchstmögliche Sozialprodukt überhaupt
Ziel der Wirtschaft ist. Das muß verneint
werden, denn es gibt Lebenswerte, die
durchaus jenseits des Sozialprodukts liegen
— und ihre Anerkennung setzt die Soziali¬
sierung sofort in ein ganz anderes Licht.
Die Verdopplung des Sozialprodukts als
solche verspricht so lange keine Verbesse¬
rung der Sozialstruktur, als nicht auch
etwas Positives über seine Zusammen¬
setzung und Verteilung ausgesagt wird.
Die Tatsache ferner, daß es dem einen
oder anderen gelingt, sozial beträchtlich
aufzusteigen, sagt nicht das geringste
darüber aus, ob soziale Aufstiegschancen
objektiv jedem Gesellschaftsmitglied gege¬
ben sind.
Es war verdienstvoll, die Rolle des Ver¬
brauchers in der Realwirtschaft aufzu¬
zeigen. Die wenn auch in ihrem Erfolg
etwas zu optimistisch gemalten Ratschläge,
die H. O. Wesemann den Hausfrauen er¬
teilt, sollten sich diese wohl zu Herzen
nehmen. Auch seine Darstellung der Steuer¬
sünde ist gut und seine Auslassungen zur
Wohnungsfrage enthalten wohlbegründete
Gedankengänge.
Es Ist schade, daß der Autor an vielen
Stellen durch übertriebene Polemik den
sachkundigen Interessenten abstößt, dem
unbefangenen Leser aber Kernprobleme in
falschem Licht erscheinen läßt.
W. D. (Köln)
Volkswirtschaftliche Buchführung, Druck
und Verlag der Carl Ueberreuterschen Buch¬
druckerei und Schriftgießerei (M. Salzer),
Wien IX, 1953. — Dieser Schrift gingen Das
Volkseinkommen, Eine Einführung in die
Probleme der volkswirtschaftlichen Gesamt¬
rechnung, mit der wir uns bereits in AuW,
Novemberheft 1952, auseinandergesetzt ha¬
ben, ferner Beiträge zur Berechnung des
österreichischen Volkseinkommens in den
Jahren 1950 und 1951 voraus. Sie verfolgt den
Zweck, eine Einführung in die praktische
Tätigkeit der Forschungsstelle1), und zwar auf
Grund des Kontensystems, zu geben, das erst
den Namen einer „volkswirtschaftlichen
Buchführung" rechtfertigt. Es wurde, wie
die Einleitung hervorhebt, auf den Spuren
älterer Versuche, die schon bis ins 17. Jahr¬
hundert zurückweisen, als makro-ökono-
mische Forschung (zum Unterschied von der
mifcro-ökonomischen in der Betriebswirt¬
schaftslehre) in den Jahren kurz vor dem
zweiten Weltkrieg durch verschiedene Ge¬
lehrte westlicher Länder (Norwegen, Hol¬
land, England, USA) ausgebildet. Auch
J. M. Keynes hatte daran wesentlichen An¬
teil. Nicht erwähnt wird jedoch, daß dieser
noch in seinem Memorandum How to pay
for the war? nach Kriegsbeginn sich auf
Methoden älterer Autoren (Bowley, Stamp,
Clark) auf Grund sekundärer Einkommens¬
statistik stützte und daß erst Stones Ein¬
treten in sein Amt beim britischen Finanz¬
ministerium die nachher auch in den USA
epochale Wendung zur doppischen Kontie-
rung und daher zum Social Accounting aus¬
löste.
Es wird auch nicht erwähnt, daß alle
früheren Arbeiten des Statistischen Zentral¬
amtes, so etwa in den Statistischen Nach¬
richten, seit dem Statistischen Kongreß in
Washington, September 1946, von den nun¬
mehr aufgegriffenen Systemen völlig ab¬
weichende „objektiv"- und „subjektiv"-
statistische Methoden anwandten, und daß
erst durch den Verfasser dieser Zeilen in
zahlreichen Aufsätzen und Vorträgen seit
November 1949, so insbesondere in seinen
Vorträgen zur Enquete im österreichischen
Gewerbeverein (Frühjahr bis Herbst 1951)
auf die Bedeutung dieses neuen Volkswirt¬
schaftsbilanzwesens an Stelle der bis dahin
bloß geübten Volkseinkommensschätzung
hingewiesen worden ist.
Nun ist natürlich der Schritt von einer
bloßen, zumeist noch vage geschätzten
Volkswirtschaftsbilanz zu einer kontenmäßig
durchgeführten Volkswirtschaftlichen Buch¬
führung beinahe ebenso groß und praktisch
schwerwiegend wie der gekennzeichnete
erste Schritt. Praktisch zeigt sich dies auch
darin, daß, wie die Einleitung weiterhin auf
Seite 7 einräumt, selbst schon die Zahlen¬
ergebnisse bei einer ersten, beiläufigen An¬
wendung der Kontenmethode von den früher
angewandten sehr stark abweichen. Es ist
hier um eine Umstellung nicht bloß der
') Forschungsstelle zur Aufstellung volks¬
wirtschaftlicher Bilanzen beim österreichi¬
schen Statistischen Zentralamt.
statistischen Methoden, sondern der ganzen
Volkswirtschafts- und Finanzpolitik zu tun.
Die in der neuen Einführungsschrift ein¬
geschlagene Methode der Darstellung dieser
Umstellung, zu der man sich nach langem
Widerstreben doch entschloß, folgt im all¬
gemeinen einer Schrift des Amerikaners
Richard Ruggles, der gemeinschaftlich mit
dem erwähnten englischen Gelehrten Richard
Stone auch an den einschlägigen Konten¬
plänen und den für diese werbenden Ver¬
öffentlichungen der UN und noch mehr der
OEEC stark anregend beteiligt ist. Es wird
zuerst von der Einzelbuchführung der Be¬
triebe, Unternehmen, Haushalte als soge¬
nannter Wirtschaftseinheiten ausgegangen,
sodann gezeigt, wie die Wirtschaftsakte
nach den Verfahren der kaufmännischen
(doppischen) oder auch der kameralistischen
(öffentlichen) Buchführung aufgezeichnet
werden, ohne jedoch in deren Problematik
in der Gestaltung der Kontenpläne, Konten¬
rahmen usw. tiefer einzudringen. Es wird
nur die Unterscheidung von Bestandkonten
und Erfolgskonten sowie gemischten Konten
aus der Buchhaltungslehre angeführt, wo¬
bei der Leser selbst die Folgerung ziehen
kann, daß jene in die VolksVermögens-,
diese hingegen in die Volkseinkommens-
Rechnung hinüberweist und endlich die ge¬
mischten Konten vielleicht auch eine Art
Bedeutung für die wirtschaftliche Gesamt-
buchführung gewinnen könnten. Einige An¬
deutungen in dieser Richtung finden sich
beispielsweise im Beginn des Kapitels II,
das den Titel Volkswirtschaftliche Buch¬
führung (National Accounting) führt. Hier
ist es immerhin auf Seite 14 unten sehr
begrüßenswert, daß die Volkseinkommens¬
berechnung als „im wesentlichen eine Er¬
folgsrechnung" bestimmt wird. Bis der Ver¬
fasser dieses auf diese Kennzeichnung auf¬
merksam machte, war man geneigt, sie ganz
nach dem Schema eines Produktionskontos
aufzufassen, also die jeweils produzierte
Menge an bewertbaren Gütern und Diensten
statt der sozialwirtschaftlich relevanten
Transaktionen, wie das die Buchführungs¬
methode selbst mit sich bringt, zugrunde zu
legen.
Allerdings zeigen die hier anschließenden
Ausführungen, vor allem das umfängliche
Kapitel über Die Grundkonten (S. 23), daß
hier noch keine restlos befriedigende Klä¬
rung eingetreten ist. Das doppische Prinzip,
nach welchem „jedem Ausgang bei einer
Wirtschaftseinheit ein Eingang bei einer
oder mehreren anderen Wirtschaftseinhei¬
ten" entspricht, wird nämlich zwar ziemlich
folgerichtig angewendet, wie das auch die
im Anhang S 84 ff. abgedruckten Konten¬
übersichten zeigen. Aber es ist schon frag¬
lich, ob in der Tat die angenommenen drei
Funktionen, nämlich Produktion, Konsum
und Vermögensvermehrung, dazu noch etwa
jene des Verkehrs einer Wirtschaftseinheit
mit anderen Wirtschaftseinheiten „sämtliche
relevanten Wirtschaftsakte innerhalb einer
Volkswirtschaft während einer bestimmten
Zeitperiode" erschöpfen (vgl. S. 15 mit S. 24).
Man kann mit Nachdruck oder Zwang wohl
auch den Staatshaushalt und das Steuer¬
wesen, das Kreditwesen mit seiner über die
erfaßte Periode weit hinausreichenden Vor¬
ausbelastung, auch etwa die schöpferische
Leistung in Erfindung, Wissenschaft, - Er¬
ziehung, Kunst, Recht, Vor- und Fürsorge
usw. recht und schlecht unter solch ein
Schema bringen. Doch wird dann stets sehr
vieles einzelne, so wie schon jetzt bei einem
engen materiellen Begriff von Wirtschaft,
etwa Naturalleistungen, Hausfrauenleistun¬
gen und andere, außerhalb des Systems
oder, wenn innerhalb desselben, an einem
unzukömmlichen Ort verbleiben (so vor
allem viele sogenannte Dienste); und das
System wird dadurch weniger geeignet sein,
die ihm schon jetzt (S. 36) gestellten kon¬
junkturpolitischen Aufgaben (Zukunftsvor¬
hersage und -beeinflussung) zu erfüllen,
geschweige denn auf seiner Basis die über¬
all so dringend nötigen Aufgaben einer
Leistungssteigerung durch Verwaltungs- und
Finanzreformen, auch Gesetzgebungsrefor¬
men in Angriff zu nehmen.
Begrüßenswert, wenn auch dürftig, sind
die Ausführungen, die im Abschnitt Die
Sektoren (S. 17 f.) gemacht werden. Über
den Wirtschaftseinheiten, wie Betrieben (der
Begriff Betrieb wird übrigens in dieser
Schrift geradezu vermieden, obwohl er sich
mit dem sehr oft gebrauchten der Unter¬
nehmung selten deckt), Familienhaushalten,
überhaupt privaten Konsumentenhaushalten,
öffentlichen Haushalten, wölben sich näm¬
lich in der Wirklichkeit Verbände, Branchen-
und Berufsgruppeti und dergleichen mehr.
Und ohne Zweifel ist die eigentliche Auf¬
gabe der Gesamtbuchführung einer Volks¬
wirtschaft — hier in den Ausdruck Wirt¬
schaft auch den Endverbrauch der Güter,
das ist die Konsumentenfunktion, die er¬
zieherische ideelle Leistung der Kultur¬
tätigkeiten, die Ordnungs- und Verwaltungs¬
funktion der öffentlichen Einheiten, die
Kreditfunktion und anderes mit einbezo¬
gen — darin zu erblicken, für diese höheren
Zwischenglieder zur Gesamt-Volkswirtschaft
einfache Kontenbegrenzungen zu finden. Das
hier gezeigte System kennt in der Haupt¬
sache nur drei Sektoren, nämlich den Unter¬
nehmungssektor, den Haushaltesektor und
den öffentlichen Sektor. Als höchster Gipfel
dieser Ordnung wird S. 32/3 die von R. Rugg¬
les nach W. Leontjew ausgearbeitete lnput-
Output-Tabelle vorgezeigt, die eine wenn
auch unvollständige Untergliederung nach
Branchen („Industries") und andere mehr
aufweist. Daß der hierin zum Ausdruck
kommende Versuch, eine Gesamtüberschau
aller Vorgänge in Tabellenform (also auch
über die doppische Kontenform hinaus) zu
gewinnen, wiederum einen wesentlichen
Schritt vorwärts im System der Gesamt¬
buchhaltung bedeutet, ist vom Verfasser
selbst wiederholt betont worden. Völlig ver¬
fehlt wäre es jedoch, in ihr bereits den Ab¬
schluß der Entwicklung zu erblicken. Gleich¬
wie bereits die Kontenform über die bis¬
herige Statistik weit hinausweist, so ist das
auch mit der Tabellenform der Fall. Ähnlich
wie die Geschäftsbuchhaltung und Betriebs¬
buchhaltung (dieser wird überhaupt nir¬
gends Erwähnung getan!) darauf hinzielen,
schließlich den ganzen Geschäfts- und Pro¬
duktionsbetrieb einer Unternehmung zu
durchdringen und zu formen, so auch die
volkswirtschaftliche beziehungsweise die
gesellschaftliche Gesamtbuchführung. Der
Rationalisierungs-, Produktivierungs- und
somit Reformzweck wird die Entwicklung
bis zur natürlichen Systematik formen.
Weil freilich dieser Endzweck, bisher kaum
gesehen, von vielen ausländischen Autoren
aber immerhin in der Praxis längst betätigt
und geahnt wurde, sind auch die beiden
weiteren Kapitel III und IV, über den
Zweck und die Vorteile sowie das Einheits¬
system der volkswirtschaftlichen Buchfüh¬
rung, noch ziemlich dürftig und unbefriedi¬
gend zu nennen. Immerhin wird schon ein¬
geräumt, daß es sehr viele praktische
Auswertungsmöglichkeiten des Systems in
der Wirtschafts-, Sozial- und Finanzpolitik
gibt und daß für diese Möglichkeit das
Kontensystem die entscheidende Erfindung
(wie in der Privatbuchhaltung) bildet. Die
Darstellung des Einheitssystems schließt
sich ohne durchgreifende neue Gedanken
oder gar Kritik den von der OEEC in
rascher Folge vorgelegten und noch längst
nicht abgeschlossenen Mustern (Standardized
System, dazu Kontenentwurf der UN und
andere mehr) an. Man muß diese Darstel¬
lung in der Hauptsache als zum Teil ver¬
kürzte Übersetzung der einschlägigen Denk¬
schriften hinnehmen und die etwa die
Hälfte des Buches einnehmenden, zuvor
besprochenen Kapitel I bis IV als Versuch,
gleichsam dazu eine Einführung zu geben.
Grundsätzlich sei hier nur hinzugefügt,
daß als Grundfehler aller bisherigen Systeme
wahrscheinlich die Bevorzugung des perso¬
nellen Begriffs (s. S. 41 f), das ist des Perso¬
nalprinzips, anzusehen ist, wie es das öffent¬
liche und private Recht, Steuerwesen usw.
vorwiegend bestimmt. Ist es zum Beispiel
wirklich notwendig, den Unternehmungs¬
sektor (Business Enterprises), also die
eigentliche Güterproduktion (güterproduzie¬
rende „Wirtschaft") völlig nach dem Prinzip
des Eigentums oder Besitzes aufzufassen,
da ja doch diese beiden nach dem neuen
(betriebswirtschaftlichen) Kapitalsbegriff nur
Passivbelastungen im Vergleich zu den
positiven sachlichen Funktionen der Be¬
triebe ausmachen? Gleiches gilt aber weit¬
gehend auch für die Privat- und öffentlichen
Haushalte: der Mensch vergeht, hingegen
die Funktion und Aufgabe verbleibt. Diese
Funktionen und Aufgaben rationell ver¬
gleichbar und, soweit notwendig, lenkbar
zu machen — das ist die Aufgabe des
Systems, das wir erstreben müssen, um so
den Menschen gleichzeitig freier zu machen
als er heute ist.
So handelt es sich hier, auf einem Arbeits¬
feld, das vielen durch seine Zahlenmassen
nüchtern und dürr und zugleich verdächtig
erscheint, um eine mit Gefühl und Will®"
anzufassende Zielsetzung, tatsächlich um die
„eigenste Sache" jedes einzelnen von uns.
DDr. Praxmarer
Otto König, Praktische Redelehre. Ein
Leitfaden zur Redeschulung. Forum-Verlag,
Frankfurt-Wien; 141 Seiten, Preis 15 Schil¬
ling. — Der Verfasser, Nestor der öster¬
reichischen Volksbildungsbewegung, gibt in
dem Büchlein weiter, was er selbst In jahr¬
zehntelanger Tätigkeit als Lehrer der Rhe¬
torik an Erfahrungen gesammelt hat. Nichts
ist übersehen, was der werdende Redner be¬
achten muß: Körperhaltung und Gebärden¬
spiel, Stimme und Atmung, Phonetik, Stil
und Grammatik der Sprache, Aufbau una
32
        

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