Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1953-54 Heft 06 (06)

Nachfrage. Die wirksame Nachfrage nach Gütern und
Dienstleistungen kann eine Nachfrage nach Investitions¬
gütern oder nach Konsumgütern sein, je nach der
Strukturierung der Volkswirtschaft. In den Diskus¬
sionen konnte jedenfalls Klarheit darüber geschaffen
werden, daß in der Zukunft vor allem wirksame Nach¬
frage nach Konsumgütern erforderlich sein dürfte. Diese
wird am ehesten erzeugt, wenn das Einkommen der
breiten Masse der Lohn-, Gehalts- und Rentenempfänger
gehoben wird.
In absehbarer Zeit werden in den USA, aber natür¬
lich auch in anderen Industrieländern der westlichen
Hemisphäre bedeutende Produktionskapazitäten un¬
beschäftigt sein, weil die Beschäftigung der Rüstungs¬
industrien rasch zurückgeht. Aber die Menge der ver¬
fügbaren Produktionsmittel wird in den kommenden
Jahren weiter anwachsen und damit auch die Kapazität
zum Ausstoß von Konsumgütern. Zugleich schaffen
steigende Produktivität und steigende Bevölkerung stei¬
gende Arbeitskraftreserven, die wiederum nur bei einer
gesteigerten Konsumgüterproduktion, für die Absatz ge¬
funden werden muß, beschäftigt werden können. In
dieser Situation ist eine Lohnpolitik der Gewerkschaften,
die den Lohn- und Gehaltsempfängern ständig steigende
Kaufkraft sichert, von überragender Bedeutung für die
Konjunkturstabilisierung.
Darüber hinaus muß nach Ansicht der Experten der
Kapitalexport nach unterentwickelten Ländern geför¬
dert werden, um Beschäftigungsschwierigkeiten durch
eine Vernachlässigung der Investitionsgüterproduktion
zu vermeiden. Das Schwergewicht der Konjunktur¬
politik muß aber auf die Förderung des Verbrauchs in
den hochentwickelten Industrieländern selbst gelegt
werden, während eine besondere Förderung der Kapital¬
bildung mit steuerlichen Mitteln nicht zeitgemäß ist,
vielmehr vor einer Überdimensionierung des Produk¬
tionsapparates gegenüber dem gegebenen Umfang der
Verbraucherausgaben gewarnt werden muß.
Im Falle einer fühlbaren Konjunkturverschlechte¬
rung sollten die Regierungen ihre Einnahmen- und Aus¬
gabenpolitik rasch den geänderten Verhältnissen an¬
passen und jene Steuersenkungen durchführen, durch
die der Konsum mit Sicherheit angeregt wird, sowie
jene Ausgaben erhöhen, die ebenfalls die wirksame
Nachfrage steigern und gegebenenfalls Budgetdefizite
aus den Sparmittelfonds decken.
Konjunkturrückschlägen, die sich aus Fehlentwick¬
lungen der Struktur der Wirtschaft, aus Fehlinvesti¬
tionen, also einer Überdimensionierung gewisser In¬
dustriezweige, ergeben, soll rechtzeitig durch Investi-
tions- und Kreditlenkung vorgebeugt werden. Nach
Ansicht der Experten sollte auch dem bedeutenden un¬
gesättigten Investitionsbedarf auf dem Wohnbausektor
schon vor Beginn einer Konjunkturabschwächung größte
Aufmerksamkeit geschenkt werden.
Im Verlauf der Arbeitstagung konnte zwar über die
Tatsache, daß das Beschäftigungsproblem in den unter¬
entwickelten Ländern völlig anders gelagert ist als in
den industrialisierten Ländern, Klarheit geschaffen
werden. Über die Möglichkeit, Vollbeschäftigungspolitik
zu betreiben, und die Rolle der Gewerkschaften dabei
konnte allerdings keine klare Erkenntnis gewonnen und
darum konnten auch keine Empfehlungen, deren Ver¬
wirklichung realistischerweise erhofft werden könnte,
ausgearbeitet werden.
Internationale Vollbeschäftigungsprobleme
Die Diskussion über die internationalen Vorausset¬
zungen der Vollbeschäftigung stand stark unter dem
Eindruck der Gefahr, die das Überspringen der Depres¬
sion von einem Land auf das andere für die Weltwirt¬
schaft als Ganzes bringen könnte. Als mögliches Mittel
gegen eine derartige Entwicklung wurde die Aktivie¬
rung der Organe, die auf Grund der Brettonwoods-
Konferenz geschaffen wurden, herausgestellt. Zufrieden¬
stellendes Funktionieren der Internationalen Bank für
Wiederaufbau und Wirtschaftsentwicklung könnte so¬
wohl die Beschäftigung in jenen Ländern, die infolge
eines Kapitalüberschusses einer Depression zusteuern,
sichern, als auch in jenen Ländern, die infolge Kapital¬
mangels an Unterbeschäftigung leiden, Vollbeschäfti¬
gungspolitik wesentlich erleichtern. Die Stärkung des
Weltwährungsfonds könnte zumindest als Stoßdämpfer
gegen das Überspringen der Depression von einem Land
auf ein anderes wirken. Wenn es nämlich gelingt, in den
vom Welthandel besonders abhängigen Ländern Zah¬
lungsbilanzkrisen und damit Einfuhrbeschränkungen
einige Zeit hinauszuschieben, könnten in der so gewon¬
nenen Atempause in den USA — im Fall einer Depres¬
sion in diesem Lande — Maßnahmen zur Wiederbele¬
bung der Konjunktur getroffen werden, bevor noch die
Weltwirtschaft in den Abgrund einer Krise taumelt.
Weiter wiesen die Experten auf die Handelsbeschrän¬
kungen hin, die eine Intensivierung des Welthandels
und damit die Erbringung eines wichtigen Beitrages
zur Verbesserung der Beschäftigungssituation in den
von der Weltwirtschaft abhängenden Ländern behin¬
dern. Es wurde besonders die noch immer isolationi¬
stische Handelspolitik der USA hervorgehoben und die
Tatsache, daß von dem Schlagwort Handel, nicht Hilfe,
nur der zweite Teil verwirklicht wurde. Auch auf die
Hindernisse des Handels mit dem Sowjetblock wurde
hingewiesen, die vor allem darin bestehen, daß die So¬
wjetunion aus ihren Satelliten einen autarken Block zu
bilden versucht, gleichgültig, ob dies weltwirtschaftlich
sinnvoll oder schädlich ist. Es wurde der Erwartung
Ausdruck verliehen, daß im Zuge der weltpolitischen
Entspannung und der Beendigung des Koreakrieges
sowohl die Russen als auch die westlichen Staaten ihre
Embargobestimmungen beseitigen werden.
Wichtiger noch als alle übrigen Handelsbeschrän¬
kungen und als schwerwiegende Behinderung der
Hebung des Lebensstandards und des Anstiegs der Be¬
schäftigung erschienen aber der Konferenz die inner¬
europäischen Handelsschranken, der kalte Wirtschafts¬
krieg, den die europäischen Staaten einander liefern.
Es wurde mit aller Deutlichkeit zum Ausdruck gebracht,
daß der Effekt der Liberalisierung des zwischenstaat¬
lichen Handels durch die wiederauflebende Schutzzoll¬
politik paralysiert wird und daß auch alle anderen
europäischen und weltwirtschaftlichen Integrationsma߬
nahmen, wie vor allem die Wiederherstellung der Kon¬
vertibilität der Währungen, ihr Ziel verfehlen müssen,
wenn nicht eine radikale Abkehr von der Schutzzoll¬
politik eintritt. Abbau der Schutzzollpolitik und damit
auch die europäische Integration sind praktisch nur
möglich, wenn sie in einer sich ausweitenden Wirtschaft
vorgenommen werden, also in einer Wirtschaft, in der
Produktion, Beschäftigung und Lebensstandard dauernd
steigen. In einer stabilen oder gar rückläufigen Wirt¬
schaft sind die Schutzbestrebungen aller Wirtschafts¬
faktoren so überragend groß, daß sie alle vernünftigen
vorausblickenden Maßnahmen der Integration unmög¬
lich machen.
Als wesentliche internationale Voraussetzung für die
Höherentwicklung der unterbeschäftigten Länder er¬
wähnte die Konferenz die Notwendigkeit der Stabili¬
sierung des Absatzes ihrer Rohstoffe mit Hilfe inter¬
nationaler Abkommen zwischen den Produzenten und
den Konsumenten. Die Erfahrungen der vergangenen
Jahrzehnte haben nämlich gezeigt, daß das Lohnniveau
in den rohstoffproduzierenden Ländern und überhaupt
ihr Volkseinkommen die Tendenz zeigt, sich den Ein¬
kommensverhältnissen in den Zeiten gedrückter Roh¬
stoffpreise anzupassen, während den Gewinn bei einer
Preishausse die internationale Spekulation einstreift.
Schließlich traf die Konferenz die Feststellung, daß die
industrielle und landwirtschaftliche Höherentwicklung
der unterentwickelten Länder, wie die bittere Erfah¬
rung der vergangenen Jahrzehnte zeigt, nicht den
„Mutterländern überlassen werden kann. Die Haupt-
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