Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1954 Heft 03 (03)

Bücher
Eduard. Heimann: Wirtschaftssysteme und
Gesellschaftssysteme. Veröffentlichungen der
Akademie für Gemeinwirtschaft. Verlag
J. C. B. Mohr (Paul Siebeck), Hamburg —
Tübingen 1954. — In der Reihe der bekann¬
ten Veröffentlichungen der Akademie für
Gemeinwirtschaft in Hamburg erschien ein
Band, der die weitverstreuten Arbeiten
Heimanns zur Systematik der Wirtschafts¬
und Gesellschaftssysteme vereinigt. Die
Untersuchungen Heimanns befassen sich mit
den entscheidenden Fragen der National¬
ökonomie und Soziologie, so mit den Pro¬
blemen der Wirtschaftsplanung, des Klassen¬
kampfes, der christlichen Freiheit, des Tota-
litarismus u. a. m. Besonders wertvoll sind
die Ausführungen des neunten Abschnittes,
Deutungen der modernen Gesellschaftskrise.
Mit Recht stellt der Leiter der Akademie
für Gemeinwirtschaft, Professor H. D. Ort¬
lieb, im Vorwort fest, daß sich das Buch
keiner Richtung verschreibt, sondern nur
die Bindung an den Geist der Wahrheit und
Verantwortung anerkennt. So paßt das Werk
so recht in die Reihe der Veröffentlichungen
der Akademie für Gemeinwirtschaft, die die
Menschen zu einer aufgeschlossenen Haltung
gegenüber den Problemen der Zeit und
ihren Lösungen erziehen will. Den Geist,
aus dem heraus eine Neuordnung von Wirt¬
schaft und Gesellschaft gelingen kann,
charakterisiert Ortlieb in der erwähnten Ein¬
leitung treffend: „Erfolgreiches Bemühen
um das Verständnis für die Fragen des
menschlichen Zusammenlebens und Zusam¬
menwirkens verlangt mehr als intellektuelle
Fähigkeiten. Es erfordert Begeisterung ohne
Fanatismus, Mut zu eigenem Urteil und per¬
sönlicher Entscheidung, aber auch vor¬
urteilslose Aufnahmebereitschaft für andere
Standpunkte." Wenn die in dem Sammel¬
band veröffentlichten Aufsätze auch hetero¬
gene Themen behandeln, so schließen sie
sich doch irgendwie zu einer Einheit zu¬
sammen. Den Rahmen der Abhandlung um¬
reißen der erste und der letzte Abschnitt;
der erste untersucht die Wirtschaftssysteme
in vergleichender Betrachtung und der letzte
unternimmt dasselbe an den Gesellschafts¬
systemen. Eines ist für alle Aufsätze Hei¬
manns charakteristisch, der Hinweis auf die
Verankerung der relativen Werte der Wirt¬
schaft in absoluten Werten. Die Entchrist-
lichung der Gesellschaft habe den beherr¬
schenden Einfluß der unter-sozialen Kräfte
der Regierung und der Finanz möglich ge¬
macht. „Sie sind massiv und greifbar und
werden daher als »rational« angesehen, wäh¬
rend die Religion vom Rationalismus als
»irrational« bezeichnet wird . . . Die Zer¬
störung des reichen, komplexen, irrationalen
Gesellschaftsgefüges und seine Absorbierungin das leistungs-beherrschte Leben der Re-
gierungs- und Wirtschaftsmacht ist der Weg
zum Totalitarismus." Heimann wendet sich
gegen das laissez-faire-System des Kapita¬
lismus und meint: „Das entscheidende Er¬
eignis war somit die Zerstörung der gesell¬
schaftlichen Kontrolle, und das entschei¬
dende- Ereignis in unserer Zeit wird die
Wiederherstellung dieser Kontrollen sein,
wenn es eine Zukunft geben soll." (S. 40.)
Eindeutige Hinweise auf die Bedeutung des
Geistigen finden sich in prägnanter Form
auch in den Untersuchungen über die mo¬
derne Gesellschaftskrise. Nachdem Heimann
eine Reihe moderner führender Soziologen
genannt hat, betont er: „Ihnen allen in ver¬
schiedenen Formen ist gemeinsam die Über¬
zeugung, daß die Schuld an der Gesell¬
schaftskrise der Gegenwart bei der Schwä¬chung der religiösen Geistigkeit in den
letzten Generationen und Jahrhunderten ge¬
sucht werden muß" (S. 240).
Wenn das Buch jene Beachtung findet, diees verdient, wird es nicht nur wertvolle Er¬
kenntnisse der Wirtschafts- und Gesellschafts¬
wissenschaft verbreiten, sondern auch im
Sinne der Akademie für Gemeinwirtschaft
beitragen zu einer Erziehung zu echter gei¬
stiger Verantwortung.
Walter G. Waffenschmidt: Technik und
Wirtschaft der Gegenwart; Enzyklopädie
der Rechts- und Staatswissenschaft. Verlag
Springer, Berlin-Göttingen-Heidelberg.
Wenige sind so wie W. G. Waffenschmidt
berufen, über „Technik und Wirtschaft der
Gegenwart", eines der brennendsten Pro¬
bleme der Wirtschaftstheorie und Wirt¬
schaftspolitik, zu schreiben. Vereint er dochin seiner Person als Dr. ing. und Dr. rer.
pol. die Fachkenntnisse der beiden in Be¬
tracht kommenden Wissensgebiete. An Hand
einer Fülle von Material macht Waffen¬
schmidt dem Leser die Probleme und ihre
Lösungsmöglichkeiten anschaulich. Wo Waf¬fenschmidt auf Fragen der abstrakten Theo¬
rie eingeht, behandelt er sie mit besonderer
Klarheit und erläutert sie stets am Beispiel.
Wenn das Werk auch nicht als überwiegend
theoretische Untersuchung gekennzeichnet
ist, so ist doch die Darstellung in ihrer
Systematik immer durchleuchtet durch die
Erkenntnisse Waffenschmidts, die in seinem
Buche über Allgemeine und Theoretische
Nationalökonomie (Westkulturverlag 1950) nie¬
dergelegt sind. Waffenschmidt begnügt sich
nicht, die äußeren Erscheinungsformen und
ihre Kinetik darzustellen, sondern greift auf
die bewegenden Kräfte zurück. Er gibt in
diesem Sinne eine Lehre der Dynamik von
Technik und Wirtschaft. Es würde zu weit
führen, auf Einzelheiten des Werkes einzu¬
gehen. Bloß auf eine besonders interessante
Übereinstimmung mit Erkenntnissen der mo¬
dernen amerikanischen Wirtschaftsforschung
sei hingewiesen. Von völlig anderen Tat¬
beständen ausgehend, kommt Waffenschmidt
zu Ergebnissen, die die Auffassung A. Han¬
sens über das Altwertien der Volkswirtschaf¬
ten bestätigen. Die für den Fortschritt
charakteristischen Kurven zeigen einen
S-förmigen Verlauf. Waffenschmidt hält die¬
sen S-förmigen Verlauf für alles Wachstum
typisch, „da eben der Samen langsam keimt
und die Bäume nicht in den Himmel wach¬
sen. Sowohl rückwärts wie vorwärts neigen
sich also unsere Linien außerhalb des Bildes
zum horizontalen Verlauf. Das heißt, von der
Bevölkerungszunahme ab bis zur steilsten
Produktion erwarten wir auch im USA-
Fortschritt ein Abklingen, sosehr sich der
Fortschrittsglaube und die offizielle Ideo¬
logie dagegen verwahren". Zusammenfassend
kann festgestellt werden, daß Waffenschmidt
das gelungen ist, was er sich unter anderem
als Ziel seiner. Arbeit gesteckt hatte, dem
technischen Praktiker die allgemeine gei¬
stige Verankerung der Technik in der Wirt¬
schaft und Gesellschaft zu zeigen und dem
Wirtschafts- und Rechtswissenschaftler die
hauptsächlichen Erscheinungen auf dem Ge¬
biete der Sachgestaltung in ihrem heutigen
Wesen zu schildern.
Univ.-Prof. Dr. Dr. Hans Bayer
F. L. Allen: Die große Wandlung. Die Ver¬
einigten Staaten von 1900 bis heute, Zürich-
Leipzig-Wien 1954.
Mit dem Auftreten der Vereinigten Staaten
auf der weltpolitischen Bühne wird auch die
Wirtschaftsordnung dieses Landes für uns
immer interessanter. Da das Wohlergehen
der westlichen Hemisphäre vom Gedeihen
dieses ökonomischen Komplexes maßgeblich
bestimmt zu werden scheint, so ist der Ent¬
wicklungstrend der amerikanischen Wirt¬
schaft von größter Bedeutung. Die vorlie¬
gende Schilderung dieser Entwicklung seit
der Jahrhundertwende gibt zu einigen Be¬
merkungen Anlaß.
Das Buch ist von einem Wirtschaftsjour-
nalisten geschrieben, der sein Handwerk
versteht. Es liest sich spannend wie ein
Roman, und die Effekte sind so verteilt, daß
sie das erlahmende Interesse im geeigneten
Augenblick immer wieder anspornen. Das ist
der große Vorteil des Buches. Dem aber steht
der Nachteil routinierter Oberflächlichkeit
gegenüber, der das Buch kennzeichnet. Es
hält einer wissenschaftlichen Fachüberprü¬
fung in keiner Weise stand.
So wird zum Beispiel der sozialgeschichtlich
überaus bedeutungsvolle Taufakt des Eher¬
nen Lohngesetzes dem englischen National¬
ökonomen Ricardo zugeschrieben (S. 35),
während er in Wirklichkeit ein Werk des
deutschen Sozialistenführers Ferdinand Las¬
salle ist. Und schon einige Seiten später
passiert ein ähnlicher Lapsus. Es wird da
nämlich behauptet, Karl Marx habe ein
neues Gesellschaftssystem gesucht (S. 37). Das
ist in dieser Formulierung absolut unrichtig.
Marx hat sich zeit seines Lebens nie mit
einer sozialreformerischen Utopie abgegeben,
sondern einzig und allein mit einer Analyse
der zu seiner Zeit herrschenden kapitalisti¬
schen Gesellschaft. Dabei gelangte er aller¬
dings zu Schlußfolgerungen, die dieser Ge¬
sellschaft den baldigen Tod prophezeiten,
und das war ihr verständlicherweise unan¬
genehm. Mittlerweile hat sich jedoch die
Richtigkeit der Marxschen Analysen auf
weltweiter Ebene herausgestellt.
Leider geht der Verfasser diesem gesell¬
schaftlichen Umbruch nicht auf den Grund,
ja er ritzt ihn kaum an der Oberfläche. Was
er „die große Wandlung" nennt, ist im
Grunde genommen nichts anderes als jener
auf aller Welt wirksame Trend, der sich als
Sekundäreffekt der technischen Entwicklung
erweist. Der ganze zweite Teil seines Buches
erschöpft sich in einer Beschreibung dieser
Tatbestände, welche er mit der „dynamischen
Logik der Massenproduktion" (S. 84), dem
„Zeitalter des Automobils" (S. 93) und ähn¬
lichen Gemeinplätzen übertitelt.
Die große Wandlung, von der Allen spricht,
hat sich also im Rahmen der jüngsten tech¬
nisch-wirtschaftlichen Entwicklung auf der
ganzen Welt vollzogen: in Rußland genau
so wie in den USA, in England genau
so wie in Deutschland oder Italien. Die an¬
geführten Kriterien sind also nicht allein
für amerikanische Verhältnisse typisch, son¬
dern sie finden sich in analoger Reihenfolge
in allen Wirtschafts- und Sozialgeschichten
vermerkt. Wir haben da die berüchtigte
Kinderarbeit (S. 41), als deren klassisches
Land wohl England angeprangert werden
muß, sowie den ungeheuerlichen Pauperis¬
mus, der um 1900 rund 15 Millionen Ameri¬
kaner umfaßte (S. 42). Diese Kehrseite des
Reichtums besteht auch noch 1929 in einem
Ausmaß, welches wundernimmt, da die Zahl
der um diesen Zeitpunkt unter dem Existenz¬
minimum lebenden Amerikaner von Allen mit
60 Prozent beziffert wird (S. 112). Aber nicht
genug damit, noch im Jahre 1951 leben rund
25 Prozent Amerikaner mit einem Einkom¬
men, das ihnen nicht erlaubt, ihre Bedürf¬
nisse auch nur notdürftig zu befriedigen
(S. 164). Diese Zahlen sind insofern erstaun¬
lich und ihre Veröffentlichung daher dan¬
kenswert, da solche Publikationen heutzu¬
tage nur zu gern als Propaganda abgetan
werden, während sie in Wirklichkeit nur
Ausdruck einer Einkommensverteilung sind,
welche beweist, daß Amerika auf dem Weg
zur großen Wandlung erst ein ganz kleines
Stück zurückgelegt hat, viel kleiner, als sehr
viele europäische Staaten.
Da Allen indes auch von den Gewerk¬
schaften spricht (S. 39), so muß man sich
angesichts dieser Tatsachen fragen, warum
er es unterläßt, darzulegen, was eigentlich
diese Organisationen in den USA geleistet
haben, wenn die Verhältnisse auch heute
noch für breite Massen so unbefriedigend
sind? Leider spricht sich der Verfasser über
diese Dinge kaum aus. Der einzige Einblick,
der uns in diesem Zusammenhang gestattet
wird, ist ein indirekter, und zwar über das
Negerproblem. Hier muß sich Allen mit den
Dingen auseinandersetzen, da es angesichts
des weltbekannten Gutachtens von Gunnar
Myrdal während des zweiten Weltkriegs doch
wohl kaum angegangen wäre, darüber zu
schweigen (S. 143).
Allen tut dies auch, aber er tut dies in
einer Form, die wir im ganzen Buch immer
wieder aufzuzeigen vermögen und die uns
deshalb für den Autor und die von ihm
vertretene Art von Schriftstellern typisch
erscheint. Es ist dies eine gewisse Vernied-
lichungsmanie. Diese Art, die Dinge zu ba¬
gatellisieren, ist aber ebenso geschickt wie
gefährlich. Sie ist geschickt, weil man —
demokratisch und objektiv — die Mißstände
ja immerhin genannt hat und der Leser also
den Eindruck gewinnt, völlig unparteiisch
unterrichtet zu werden, und sie ist gefähr¬
lich, weil die auf diese Art behandelten Pro¬
bleme in Wirklichkeit von wesentlich ein¬
schneidenderer Bedeutung sind, als es der
Autor wahrhaben will und weil der Leser
auf diese Weise abgelenkt werden soll und
sein Gewissen eingeschlummert.
Friedl Stegmueller (Graz)
Neue önormen
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tag abend von 18.30 bis 20.30 Uhr, nächster
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ten der Vollkurse): 6 Doppelstunden, jeden
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Teilzahlungen entrichtet werden. Be¬
schränkte Teilnehmerzahl. Kursleitung: Hilde
Grohs.
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(Montag, Mittwoch und Freitag von 10 bis
13 Uhr) an das Frauenreferat der österreichi¬
schen Arbeitsgemeinschaft für Volksgesund¬
heit, Wien I, Hanuschgasse 3, oder an das
Sekretariat, Wien I, Stubenring 1 (Telephon:
U 10 5 90, Klappe 1331 oder 1332).
        

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