Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1959 Heft 08 (08)

wiederholt an den Rand des Atomkrieges gebracht. So
haben die Amerikaner im Sommer 1958 bei der Libanon¬
krise Atomwaffen und Truppen aus der Deutschen Bun¬
desrepublik in den Libanon geflogen.5)
Bei Kohle liegen die Dinge ganz ähnlich. Die Gelehr¬
ten sind sich darüber einig, daß irgendwann zwischen den
Jahren 2000 und 2050 mit den „konventionellen" Brenn¬
stoffen Kohle und Erdöl Schluß sein wird. Natürlich
haben wir schon immer gewußt, daß alles einmal zu Ende
geht, aber daß schon unsere Kinder oder spätestens die
Enkel ohne Kohle und öl auskommen sollen, wo wir uns
doch gerade erst so richtig auf ihren Verbrauch einstellen
(denken wir an die Umstellung auf Heizöl und Erdgas in
Österreich), das ist neu. Auch wenn es gelingt, die Lücke
in der Energieversorgung mit Hilfe der Atomenergie zu
stopfen — woran die Optimisten (zu denen auch der Ver¬
fasser zählt) nicht zweifeln —, bedeutet die Umstellung
auf die neue Energie im Laufe von drei oder vier Jahr¬
zehnten eine gewaltige industrielle und gesellschaftliche
Revolution. Wir stellen betrübt fest: Auch ohne Atom¬
krieg ist unser Weg in ein unfreundliches Dunkel gehüllt,
und jenseits der Jahreszahl 2000 herrscht dichte Finster¬
nis, wenn wir nicht vorher noch — und bald — resolut
mit unserem bisherigen Schlendrian brechen.
Während die bisher erwähnten Merkmale uns alle in
ihrer Wirkung betreffen — Chinesen, Inder, Russen,
Amerikaner, Japaner, Österreicher9 —, ist das dritte
Merkmal auf die modernen Industrieländer beschränkt
(Chinesen und Inder merken kaum etwas davon). Wir
meinen den „Terror der künstlichen Bedürfnisse". Zum
erstenmal in der Geschichte hat die technische Entwick¬
lung breite Massen mit Konsumgütern versorgt, die noch
vor kurzem ein Vorrecht der Begüterten waren oder noch
gar nicht existierten: Autos, Kühlschränke, Radio- und
Fernsehapparate und vieles andere mehr.
Neben dieser Masse großer und kleiner, nützlicher und
weniger nützlicher Dinge besteht ein echter Mangel an
sehr notwendigen und wichtigen Gütern: Wohnungen,
Schulen, Spitälern, ganz zu schweigen von guter Luft
und Stille. Die riesigen Maschinensysteme speien mit
wachsender Geschwindigkeit Waren aus, die unter dem
Zwang der Reklame und des Verbrauchs-Konformismus
zwar gekauft, aber nicht wirklich gebraucht werden, ja
häufig zur Selbstzerst'örung führen.7 Wer braucht ein
Auto mit 300 Pferdestärken und 200 Kilometer Stunden¬
geschwindigkeit, das 10 Quadratmeter bedeckt? Der Käu¬
fer fährt in der Stadt im Durchschnitt 20, in Stoßzeiten
4 Kilometer pro Stunde (oder gar nicht) und auf der
Landstraße mehr als 120 Kilometer nur, wenn er seinen
Kopf riskieren will. Das bisher vom Auto Gesagte (wir
betrachten es als Symbol des technischen Konsums) gilt
nicht nur für die reichen Länder. Bei uns tritt allerdings
noch Strafverschärfung ein: Das Auto wird gekauft, aber
dann ist gutes Obst zu teuer für die Kinder, wenn man
nicht mit Rücksicht auf das Auto gleich von den Kindern
Abstand genommen hat.
Früher einmal konnte man bei steigender Produktion
sagen: Unser Lebensstandard steigt! Es gibt mehr Milch,
mehr Brot, mehr Fleisch, mehr Kleider und Wohnraum.
Das Beste, was man einem Land nachsagte, war, daß es
von Milch und Honig floß. Jetzt müssen wir die gestiegene
Produktion erst auf ihren Gehalt an echter Bedarfs¬
deckung prüfen und dabei finden wir oft, daß sie uns das
Leben erschwert, statt erleichtert, und es immer kompli¬
zierter und aufreibender macht, während sie uns die
guten Dinge weiter vorenthält. Auch diese Entwicklung
breitet sich aus und beschleunigt sich, obwohl sich ihr
Fortgang nicht in einer Prozentzahl ausdrücken läßt (die
5 Nach Prof. Dr. Karl Bechert, Universität Mainz, in der Bro¬
schüre: Deutsche Politik im Schatten der Atomdrohung.
6 Die Reihung wurde nach der Bevölkerungszahl vorgenom¬
men. Diese beträgt in runden Millionen in der gleichen Folge:
640, 400, 209, 180, 90 und 7.
' Der Tod durch Verkehrsunfall forderte in den USA 1958
mehr als 37.000 Opfer. Außerdem wurden 1,350.000 Menschen
verstümmelt.
zunehmende Motorisierung ist nur ein Teil des Problems).8
Wir müssen annehmen, daß wir auch auf dem Gebiet des
technischen Konsums bald an die Grenze der mensch¬
lichen Leidensfähigkeit — was das Nervensystem an¬
langt — herankommen werden, obwohl wir keine Jahres¬
zahl dafür anzugeben vermögen.
Als der gute Jean Jacques Rousseau sein berühmtes
„Zurück zur Natur" ausrief, ahnte er nicht, wie künstlich
künftige Generationen ihr Leben gestalten würden (wobei
wir von der Möglichkeit der künstlichen Befruchtung
vorläufig noch absehen).
Die bisher erwähnten drei Merkmale sind eine un¬
mittelbare Folge der technischen Entwicklung. Das vierte
Merkmal ist viel mehr gesellschaftlicher und politischer
Natur: Die Rebellion und der Aufstieg von Völkern, die
wir Abendländer in unserer Arroganz gern als „geschichts-
los" zu bezeichnen pflegten (wahrscheinlich, weil wir im
Geschichtsunterricht zuwenig von ihnen hörten), obwohl
manche von ihnen schon zuzeiten eine hohe Kulturstufe
erreicht hatten, als unsere Ahnen „noch scheu, vertiert
und wild durch schreckensvolles Urgefild und düstre
Wälder krochen". Aber manche dieser Völker streben
nicht nur nach nationaler Unabhängigkeit und sozialer
Erneuerung, sondern auch nach einem Lebensstandard
amerikanisch-europäischer Prägung. Gegenwärtig kon¬
sumieren 20 Prozent der Weltbevölkerung rund 85 Pro¬
zent der Weltenergieerzeugung,9 und wir können uns an
den Fingern ausrechnen, wann die Völker, die nun als
Akteure, statt wie in der Zeit des blühenden Imperialis¬
mus, als Opfer in die weltpolitische Arena treten, diese
Art der Energieverteilung bestreiten werden. Nur ein
größerer Energiekonsum wird ihnen den Aufstieg aus
dem Elend ermöglichen, den wir ihnen weder verweigern
dürfen noch können. Der bekannte indische Atomphysiker
Dr. H. Bhaba hat bei der zweiten Konferenz der Ver¬
einten Nationen über die friedliche Verwendung der
Atomenergie (Genf, September 1958) an Hand umfang¬
reicher Statistiken nachgewiesen, daß die sogenannten
unterentwickelten Gebiete der Erde nicht nur einen klei¬
nen Bruchteil des Energiekonsums pro Kopf der Bevöl¬
kerung gegenüber dem amerikanisch-europäischen Stand
(das europäische Rußland mit eingeschlossen) aufweisen,
sondern auch, abgesehen von den Ölgebieten des mitt¬
leren Ostens und Zentralamerikas, sehr stiefmütterlich
mit klassischen Energiequellen (Kohle, öl, Wasserkraft)
bedacht sind. Er hat daraus den Schluß gezogen, daß
diese Gebiete ihr Energieproblem auf längere Sicht nur
mit Hilfe der Atomenergie lösen können, aber er hat auch
unmißverständlich den Anspruch der dort lebenden Men¬
schen angemeldet, ihren Lebensstandard und damit ihren
Energiekonsum in absehbarer Zukunft auf die Hälfte der
europäischen Kopfquote zu steigern. Machen wir uns klar,
was das bedeuten würde: In das wilde Wettrennen um
Kohle und Öl, das die heutigen (vorläufigen) Weltmächte
führen, schalten sich die kulturell uralten, aber macht¬
politisch jungen Großnationen, allen voran China und
Indien, ein (die allein ein gutes Drittel der Weltbevölke¬
rung stellen). Wenn diese beiden nur ein Viertel des
Energieverbrauches pro Kopf ihrer Bevölkerung bean¬
spruchen, den sich die entwickelten Länder durchschnitt¬
lich leisten, stehen unsere Reserven an klassischen Brenn¬
stoffen schon einer 30 Prozent größeren Nachfrage gegen¬
über. Würde dieser Zustand etwa im Jahre 1970 erreicht
und der derzeitige Verbrauchszuwachs von 7 Prozent
jährlich anhalten, hieße das: Bis 1990 wären die Welt-
ölreserven auf 78 Milliarden Tonnen zusammen¬
geschmolzen und wir hätten noch für ganze 6 Jahre
Erdöl! Mit diesem Hinweis wird das Dilemma deutlich:
Merkmal vier unserer Gegenwart, der Auftritt der not¬
leidenden Völker auf der Weltbühne, verstärkt poten¬
tiell Merkmal zwei, die drohende Erschöpfung unserer
8 Im September 1937 waren in Österreich 32.373 Personen¬
kraftwagen im Verkehr, Oktober 1951 59.422, Oktober 1955 143.099,
Oktober 1957 233.175, Oktober 1958 286.053, April 1959 310.698.
* Nach E. F. Schumacher.
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