Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1959 Heft 08 (08)

Die Diskussion
Das Volkswagenwerk und
Österreich
Die Auseinandersetzungen um das
Volkswagenwerk können auch für
Österreich grundsätzliche Bedeutung
haben. Das deutsche Bundesland
Niedersachsen, das auf Grund einer
Verordnung der britischen Militär¬
regierung das Volkswagenwerk verwal¬
tet, hat bekanntlich beschlossen, das
Volkswagenwerk in Wolfsburg in eine
Stiftung umzuwandeln, deren Erträg¬
nisse zur Förderung der Wissenschaft
und Forschung verwendet werden
sollen. Die deutsche Bundesregierung
hingegen verfolgt völlig andere Ziele.
Nach ihrer Auffassung ist das Werk als
ehemaliges Vermögen der Deutschen
Arbeitsfront der Deutschen Bundes¬
republik als der alleinigen Nachfolgerin
des Deutschen Reiches verfallen. Das
Unternehmen, dessen Wert auf rund
6 Milliarden Schilling veranschlagt
wird, etwa 45.000 Arbeitnehmer be¬
schäftigt und im Jahre 1958 556.000
Fahrzeuge produziert hat, soll nach den
Absichten der Bundesregierung in pri¬
vates Eigentum übergeführt werden,
wobei unter anderem an die Ausgabe
von Volksaktien gedacht ist. Der Jahres¬
produktionswert von wenigstens 16 Mil¬
liarden Schilling zeigt, daß der Schätz¬
wert zu niedrig angesetzt und damit das
Formalmäntelchen für die „recht¬
mäßige" Verschleuderung von Volks¬
vermögen gewebt ist.
Direktor Dr. Wirlandner von der
Wiener Arbeiterkammer hat erst un¬
längst darauf hingewiesen, daß durch
die Ausgabe von Volksaktien dem
Kapitalmarkt und damit der Investi¬
tionsfinanzierung im wesentlichen keine
neuen Mittel zufließen. Schon die bis¬
herigen Versuche mit Kleinaktien be¬
stätigen vollauf die Voraussage, daß
auch diese Wertpapiere nach einiger
Zeit in den großen Akkumulationstopf
der Finanz- und Industriegewaltigen
wandern. Derzeit herrscht auf den
westeuropäischen Börsen große Nach¬
frage nach Aktien, wodurch die Kon¬
zentrationstendenz noch verschärft
werden dürfte.
Die Verschleuderung von Volks¬
eigentum in Form von Volksaktien-
Emissionen hat drei Gründe:
1. Sie dient der Ausweitung der
Macht und der Gewinnmöglichkeiten
des Privatkapitals. Die Konzentration
von Kapital schreitet in Deutschland
und in Österreich rasch fort.
2. Sie dämpft den Preisdruck auf die
Privatwirtschaft, der von gemeinwirt¬
schaftlichen Betrieben ausgehen kann.
Der deutsche Volkswagen könnte übri¬
gens noch wesentlich billiger abgegeben
werden, was aber zugegebenermaßen
durch die Wirtschaftsbehörden ver¬
hindert wird.
3. Die vorbildlichen Sozialleistungen
der gemeinwirtschaftlichen Betriebe
sollen nicht weiterhin die Ertragslage
der Privatbetriebe stören.
Eine maßgebende deutsche Tages¬
zeitung illustrierte den letzten Hinweis
auf glänzende Art: Sie macht Bedenken
geltend gegen die Politik Nieder¬
sachsens, das Volkswagenwerk in Ge¬
meineigentum zu belassen. Auf der
gleichen Seite dieser Zeitung steht eine
Kritik des deutschen Industrieinstituts
an der Verkürzung der Arbeitszeit im
Kasseler Volkswagenwerk auf 40,5 bzw.
42,5 Wochenstunden.
Die Privatisierung von gemeinwirt¬
schaftlichen Unternehmungen hat zwei¬
fellos aber auch eine politische Ziel¬
setzung, und zwar in Westdeutschland
ebenso wie in Österreich: Gewissen
Teilen des Mittelstandes soll auf diese
Weise ihre politische Treue vergolten
werden.
Es darf jedoch nicht übersehen wer¬
den, daß solche Objekte vom Staat,
von Ländern oder Gemeinden mit Hilfe
der finanziellen Beiträge aller Schich¬
ten des Volkes erworben wurden. Die
bevorzugte Abgabe solcher Vermögens¬
anteile bedeutet demnach eine Schädi¬
gung aller, die dabei nichts bekommen.
Der Streit um das Eigentum am
Bücher und
Alfred Gerardi: Kunden in jedem Haus.
Econ-Verlag, Düsseldorf, Leinen, 320 Sei¬
ten, Preis 19.80 D-Mark. — Der Verfasser
ist Werbe- und Vertriebsberater des Ver¬
sandhandels. Er berichtet von den gelun¬
genen und den mißglückten Versandhaus¬
gründungen, analysiert die Typologie des
Versandhauskunden, berichtet über die
Kalkulationsspannen, schildert die Werbe-
und Vertriebsmaßnahmen sowie die inner¬
betrieblichen Arbeitsmethoden der Groß-,
Mittel- und Kleinbetriebe im Versand¬
geschäft. Mit seinem Buch will Gerardi
nicht nur Händlern, die ein Versand¬
geschäft aufbauen wollen, wertvolle Hin¬
weise geben, sondern auch Werbefach¬
leuten, Einzelhändlern, Fabrikanten, Ver¬
kaufsleitern und Vertretern praxisnahe
Anregungen für Maßnahmen zur Steige¬
rung ihrer Umsätze bieten. L.
Helmut Lenhardt: Probleme des Wert-
papiersparens. Verlag Arbeitsgemeinschaft
zur Förderung des Wertpapiersparens,
Wien 1958, broschiert, 60 Seiten, Preis
10 Schilling. — Lenhardt gibt zunächst
einen Überblick über die seit der Wäh¬
rungsstabilisierung in Österreich ergriffe¬
nen Maßnahmen zur Popularisierung der
Geldanlage in Wertpapieren. Dabei widmet
er mehr als sechs Seiten der Darstellung
der „Volksaktien-Idee" und deren bis¬
heriger Verwirklichung in Österreich. Die
Volksaktien-Idee habe von „den Wahl¬
propagandisten der bürgerlichen Volks¬
partei" gegen die Sozialisten gut ver¬
wendet werden können, meint Lenhardt.
In ihrem zweiten Teil gibt die Unter¬
suchung Erfahrungen von den ausländi¬
schen Kapitalmärkten wieder, wie sie auf
dem im Vorjahr in Paris stattgefundenen
„Internationalen Kongreß zum Studium
der Probleme des Sparens" von Experten
aus 18 Ländern ausgetauscht wurden. Auf
Grund der ausländischen Erfahrungen
setzt sich der Verfasser dafür ein, daß
Emissionen, die in breiten Schichten der
Bevölkerung Anklang finden sollen, so
ausgestattet werden, daß dadurch die
„Phantasie der Zeichner angeregt" wird
(zum Beispiel für Trefferanleihen). W.
E. M. Geba: Wie man sich die Büro¬
arbeit erleichtert. Gebr. Riggenbach Ver¬
lag, Basel, broschiert, 78 Seiten, Preis
22 Schilling. — Geba legt dar, wie man
die am häufigsten vorkommenden Arbei¬
ten am zweckmäßigsten erledigt, und
weist auf jene Eigenschaften diverser
Hilfsmittel hin, die Arbeit und Zeit sparen
helfen.
Volkswagenwerk zeigt für Österreich
noch zwei weitere Aspekte: In Öster¬
reich wurde das Vermögen der ehe¬
maligen Deutschen Arbeitsfront der
Republik Österreich überantwortet, wo¬
bei das Finanzministerium als Ver¬
walter auftritt. In Westdeutschland
haben die Besatzungsmächte dieses
Vermögen — mit wenigen Ausnahmen
— den deutschen Gewerkschaften über¬
antwortet. Es wäre daher nur folge¬
richtig, die Gewerkschaften auch bei
der vermögensrechtlichen Ausein¬
andersetzung um das Volkswagenwerk
entsprechend zu berücksichtigen.
Die Zuteilung des ehemaligen DAF-
Vermögens an die österreichischen Ge¬
werkschaften ist nach wie vor eine
offene Frage. Schließlich berührt der
Streit um das Volkswagenwerk auch
die in Österreich ansässigen Volks¬
wagensparer, die bisher weder von
Deutschland noch von Österreich eine
Entschädigung erhalten haben. jp
Zeitschriften
Egon Kötting: Herr Karlsson und sein
Königreich. Schwedens Land und Leute.
Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am
Main 1958, 115 Seiten, 8 Tafeln, Ganz¬
leinen 6.80, kart. 4.80 D-Mark. — In an¬
regender Weise führt der Autor den Leser
den Weg Schwedens von einer kriegeri¬
schen Großmacht zu einem Wohlfahrts¬
staat. Der Autor läßt durch Herrn Karls¬
son, den schwedischen „Herrn Maier",
anschaulich die vielen Faktoren, Ein¬
richtungen und Organisationen schildern,
die zusammenwirken müssen, damit das
politische und soziale Experiment, soziale
Sicherheit für alle Schweden, gelingen
kann.
Eine Art Zauberformel sind in Schwe¬
den die beiden Buchstaben „KF", die
Abkürzung für Kooperativa Förbundet
(Verband schwedischer Genossenschaften).
KF ist eines der größten Unternehmen
Schwedens. 14 Prozent des gesamten
schwedischen Detailhandels und vier Pro¬
zent des schwedischen Gesamtumsatzes
haben die Geschäfte des KF zu ver¬
zeichnen. Außerdem betreiben die Ge¬
nossenschaften eine intensive Tätigkeit
in vielen anderen Wirtschaftszweigen, vor
allem in der Bauindustrie.
Herr Karlsson schildert den Weg der
Gewerkschaften zwischen Kapital und
Arbeit, blättert mit uns in den Ver¬
fassungsurkunden, beantwortet die Fra¬
gen, wie die Karlssons zu Kirche und
Kultur stehen und warum sie auf keinen
Fall ihre allianzfreie Außenpolitik auf¬
geben wollen. Die Befürchtung, daß sich
Schweden durch die Allianzfreiheit von
den westlichen Ländern, mit denen es
kulturell, wirtschaftlich und gefühlsmäßig
verbunden ist, isolieren würde, wurde
durch die Entwicklung der letzten Jahre
entkräftet.
Herr Karlsson glaubt nicht, daß in
seinem Land der Idealzustand mensch¬
lichen Zusammenlebens erreicht ist. Aber
er ist überzeugt, daß man in Schweden
einen Weg gefunden hat, der zu gesunden
und gerechten Lösungen führt. R. N.
Verlag des ÖGB
Das Dienstrechtsverfahren. Dienst-
rechtsverfahrensgesetz — Dienstrechts-
verfahrensverordnungen — Allgemeines
Verwaltungsverfahrensgesetz. Mit Erläu¬
terungen von Dr. Alfred Stifter und Dok¬
tor Hanns Waas, Zentralsekretäre der
Gewerkschaft der öffentlich Bediensteten,
und einem Geleitwort von Bundesrat
Franz Gabriele, Wirklicher Amtsrat, Vor-
        

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