Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1960 Heft 05 (05)

2. in der Gruppe der sekundären Berufe hinsichtlich des zahlenmäßigen Anteils dieser Berufe an der Gesamt¬ heit der Berufstätigen abspielte. Der raschen Vermehrung dieser Berufe bis zur Jahrhundertwende folgt nämlich seither — und das ist ein Prozeß, der schon einige Jahr¬ zehnte andauert — eine deutliche Stagnation. Im allge¬ meinen ist in allen großen Industrieländern der Anteil der im Gewerbe und in der Industrie Beschäftigten deutlich unter 50 Prozent der Gesamtzahl der Berufstätigen ge¬ blieben und dürfte auch keine Aussicht haben, zu wach¬ sen. Gleichzeitig damit hat sich wohl eine deutliche Schwerpunktverlagerung der Berufsausübung aus dem handwerklichen und gewerblichen Betrieb, der meist nur ein Kleinbetrieb ist, in den industriellen Mittel- und Großbetrieb vollzogen. In allen Betrieben, gleichgültig, ob es sich um einen Klein- oder um einen Mittelbetrieb handelt, hat sich die Berufstätigkeit außerdem insofern verändert, als die alten klassischen Berufe zerschlagen wurden und an die Stelle der traditionellen Schlosser, Schneider, Tischler usw. eine große Zahl neuer Berufe mit oft hochspezialisierten An¬ forderungen getreten ist. Neben dem Industriehandwerker neuester Prägung stehen aber vielfach sogenannte An¬ lernberufe, die unter Umständen mit geringer Vorbildung auch von bisher berufsfremden Personen ausgeübt wer¬ den können. Die Umstrukturierung der Berufe des sekun¬ dären Bereiches wird also von einer starken Differen¬ zierung begleitet. Ähnliches dürfte auch im nächsten Be¬ reich anzutreffen sein. 3. Die Berufe der Verteilung und Verwaltung haben in den letzten Jahrzehnten eine enorme Zunahme der in ihnen Beschäftigten erlebt. Die ungeheure Vermehrung der Produktion, die von den Berufstätigen der ersten beiden Bereiche zustande gebracht wurde, hat die Auf¬ gaben erhöht, die bei der Verteilung dieser Warenmengen erforderlich sind. Für die Ordnungsaufgaben in der Massengesellschaft von heute mit ihren komplizierten Zivilisationsbedürfnissen sind Verwaltungsbüros mit Kar¬ teien und Akten notwendig geworden. Aber auch in den Produktionsstätten sind in den Planungsabteilungen, Kalkulationsbüros und im Expedit zusätzliche Angestellte aufgetaucht. Die Tätigkeit mancher dieser Personen ist durchaus neuartig, die Unterschiede zwischen den ein¬ zelnen Berufen dieser Gruppe treten recht deutlich her¬ vor, selbst wenn sie im Prinzip ähnliche Aufgaben be¬ wältigen. Ein Lohnbuchhalter ist auf ganz andere Dinge spezialisiert als ein Schalterbeamter in einer Bank. Und nun noch einige Worte 4. zu den quartären Berufen. Die Beschäftigungskurve in diesen Berufen ist in den letzten Jahrzehnten viel stär¬ ker angestiegen als die im dritten Bereich, wenngleich die dort Arbeitenden der Zahl nach noch die kleinste unter den vier Berufsgruppenbereichen bilden. Das muß und wird aber nicht immer so bleiben. Die ständige Stei¬ gerung der Arbeitsproduktivität wird in Verbindung mit den sozialpolitischen Forderungen der Arbeitnehmer¬ schaft die Freizeitstunden vermehren und damit den Be¬ darf an Waren der Freizeitindustrien erhöhen. Immer mehr Menschen werden daher Berufe dieses quartären Bereiches ergreifen. Schon heute zählen in den USA einige Industriezweige, die hieher gehören, zum Beispiel die Film- und Radioindustrie, zu den finanzkräftigsten und reichsten. Die Ausbildungswege, die gegangen werden müssen, wenn man in diesem Bereich berufstätig sein will, sind jedoch zumeist noch höchst unklar. Aber zweifellos wird in manchen Berufen dieses Bereiches ein gewisses Maß an technischem Verständnis gefordert. Diese Feststellung leitet zum 5. Punkt hinüber, nämlich zu dem Phänomen der starken Technisierung des gesamten Berufslebens in der Industriegesellschaft der Gegenwart. Die Infiltration der Landwirtschaft durch die Technik wurde schon erwähnt. In den gewerblichen und industriellen Berufen ver¬ steht sich diese Durchdringung aller Tätigkeiten durch technische Mittel von selbst. Hier, aber auch im dritten Bereich, dem der Büro- und Verwaltungsberufe, bahnt sich seit kurzem eine besondere Intensivierung durch Verwendung von elektronischen Maschinen an, die für das beginnende Zeitalter der sogenannten Automation kennzeichnend sind. Diese Entwicklung verstärkt die seit langem sichtbar gewordene Entlastung der Arbeiten¬ den durch immer komplizierter gewordene technische Apparaturen. Haben solche Maschinen zunächst dazu beigetragen, den Berufstätigen schwere körperliche Arbeiten abzunehmen, haben sie später besonders mecha- nisch-repetitive Tätigkeiten durchzuführen vermocht, so sind sie jetzt bereits imstande, auch Kontrollfunktionen an seiner Stelle auszuüben. Es kann mit Recht behauptet werden, daß infolge der neuesten technischen Entwick¬ lung die Arbeitsleistungen der Berufstätigen sich immer mehr auf die Aktivierung höherer geistiger Funktionen verlagern werden. Damit ist aber auch eine Veränderung hinsichtlich der Bewertung der beruflichen Arbeiten ein¬ getreten. Diese wirkt sich zunächst 6. in der Bezahlung aus. Im allgemeinen wird sich nicht leugnen lassen, daß unter dem Einfluß verschiedener Faktoren eine Nivellierung der Einkommen unter den Berufstätigen aller Bereiche feststellbar ist. Diese Nivel¬ lierung erfolgte in der Richtung auf einen Durchschnitts¬ wert, der es dem Arbeitenden ermöglicht, sich viele Güter, die als Massenwaren auf dem Markte angeboten werden, anzueignen und damit einen Lebensstandard zu erringen, der etwa dem entspricht, was vor wenigen Jahr¬ zehnten noch als Mittelstandsniveau bezeichnet worden wäre. Die industrielle Massengesellschaft der Gegenwart ist im Begriff, in bezug auf die Möglichkeit der Befriedi¬ gung der Konsumbedürfnisse der Menschen zur Mittel¬ standsgesellschaft zu werden. Da die Unterschiede der Bezahlung in den Extremen stark ins Gewicht fallen, trachtet jedermann, sich vom unteren Extrem zu ent¬ fernen, den Anschluß an die Mittelgruppe auf jeden Fall zu erreichen und womöglich in die Gegend der oberen Einkommensgruppen vorzustoßen. Die Berufs- und Ge¬ sellschaftsstruktur gestattet dies nicht zuletzt deshalb, weil sie eine beachtliche Mobilität zuläßt, das heißt, daß die Aufstiegschancen wahrscheinlich in keiner anderen Gesellschaftsform und Wirtschaftsordnung so groß ge¬ wesen sind wie heute. In der gleichen Richtung wirkt sich auch 7. eine weitere Komponente aus, an der sich Ver¬ änderungen der Bewertung der beruflichen Arbeit ab¬ lesen lassen, nämlich die Komponente des beruflichen Prestiges. Ähnlich wie bei der Bezahlung ist auch hinsichtlich des Prestiges eine Nivellierung eingetreten. Die Auf¬ lockerung der traditionellen Werte, die sich zweifellos vollzog, hat wohl nicht bewirkt, daß alle Vorstellungen des sozialen Prestiges völlig verlorengegangen sind. Die Hochschätzung eines akademischen Berufes, speziell etwa der des Arztes, ist auch heute noch vorhanden. Und am anderen Ende der hierarchischen Linie des Ansehens, das Berufe genießen, stehen noch immer die ungelernten Be¬ rufe der unqualifizierten Hilfsarbeiter und Taglöhner. Die ehemals sehr stark mit Prestige ausgezeichneten Berufe haben aber doch relativ an Wert verloren; sie stehen nicht mehr so hoch über den anderen, und die mittleren Berufs¬ gruppen sind enger aneinandergerückt, wie es dem Geist der erwähnten Mittelstandsgesellschaft entspricht, in der das Prinzip der Egalität immer stärker um sich greift. Dieses Prinzip setzt sich auch 8. in dem Verhältnis von Frau und Beruf durch. Die Berufstätigkeit der Frau ist heute kennzeichnend für unser gesellschaftliches Leben, hat aber charakteristische Veränderungen erfahren. Die Zahl der berufstätigen Frauen nimmt speziell in den Berufen zu, die noch vor wenigen Jahrzehnten den Frauen fast völlig verschlossen waren; auch neue typische Frauenberufe, etwa die der Sozialarbeiterinnen, sind entstanden. Dort jedoch, wo 118

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