Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1960 Heft 05 (05)

Erfahrungsgut aus diesem jüngsten Zweig der Medizin. Jeder Satz besitzt Substanz. In jedem Gedanken spürt man den lebensnahen Atem der Praxis. Unter weitgehendem Verzicht auf Lite¬ raturangaben bietet dieses Buch in einer klaren, übersichtlichen Gliederung das wesentliche Rüstzeug für die nervenärzt¬ liche Unfallbegutachtung. Es wurde nicht für Theoretiker, sondern von einem Prak¬ tiker für Praktiker geschrieben und soll den Nervenarzt ohne viel Zeitverschwen¬ dung auf die Kernpunkte der Gutachter¬ tätigkeit aufmerksam machen. Dennoch ist das Buch nicht dogmatisch geschrieben; es zeigt dem Interessenten nur die allgemeinen Richtlinien. Die Unfallbegutachtung soll keinesfalls in den Geruch des Schematismus kommen. Dem ernsthaften und gewissenhaften Nerven¬ arzt bleibt ein weiter individueller Spiel¬ raum bei seiner Tätigkeit als Gutachter; er wird das Buch als Wegweiser und wert¬ volle Anregung gern in die Hand nehmen. Mit diesem Werk, wofür der Autor einen wissenschaftlichen Förderungspreis der Wiener Arbeiterkammer erhielt, er¬ öffnet die Allgemeine Unfallversicherungs¬ anstalt eine Schriftenreihe, in der prin¬ zipielle Fragen der Berufsschadenversiche¬ rung sozialpolitisch, medizinisch und juristisch behandelt werden. Weitere interessante Werke dieses verdienstvollen Vorhabens sind in Vorbereitung. Koll. Prof. Dr. Wilhelm Röpke: Die Lehre von der Wirtschaft, 8. Auflage, Eugen- Rentsch-Verlag, Erlenbach-Zürich—Stutt¬ gart 1958, 321 Seiten, 12.50 D-Mark. — Daß dieses Buch Röpkes bereits die 8. Auflage erlebt hat, ist kein Zufall, denn es ist ein gutes Buch. Man kann es ruhigen Gewissens jedem empfehlen, der sich einen Uberblick über die sozial¬ ökonomischen Zusammenhänge verschaffen will. Allerdings, Röpke ist ein Liberaler und davon überzeugt, daß die Marktwirt¬ schaft die bestmögliche Ordnung der Wirtschaft darstellt. Doch er scheut kei¬ neswegs davor zurück, die Mängel der Marktwirtschaft aufzuzeigen und so man¬ ches (wenn auch nicht jedes!) vulgär¬ ökonomische „Theorem" übereifriger Apo¬ logeten der Marktwirtschaft als Humbug zu entlarven. Er hat auch den Mut, die Nachteile eines fortwährenden Bevölke¬ rungswachstums aufzuzeigen; in einer Zeit, in der Schwärmer und Interessenten der verschiedensten politischen und welt¬ anschaulichen Gruppen nur die Vorteile der Bevölkerungsvermehrung sehen wol¬ len, ist das überaus lobenswert. Seiner liberalistischen Einstellung ist es zuzuschreiben, daß Röpke den wirtschaft¬ lich unterentwickelten Gebieten empfiehlt, in erster Linie landwirtschaftliche Güter zu produzieren und die Industrialisierung gar nicht erst zu versuchen, wenn ihre Agrarproduktion international am besten von allen Wirtschaftszweigen konkurrenz¬ fähig ist. Hätte zum Beispiel die Sowjet¬ union diesen Rat befolgt, dann hätte sie sich kaum zu einer so beachtenswerten Industriemacht entwickeln können und der Lebensstandard ihrer Bevölkerung wäre weit geringer. Allerdings, je mehr rückständige Gebiete industrialisiert wer¬ den, desto vorteilhafter wird es für Agrar- gebiete sein, die landwirtschaftliche Pro¬ duktion zu forcieren; das müssen wir offen zugestehen. Für diejenigen Leser, die tiefer in die einzelnen Probleme eindringen wollen, hat Röpke jedem Abschnitt seines Buches erläuternde Anmerkungen mit umfang¬ reichen Literaturhinweisen beigefügt. Ein recht gutes Sachverzeichnis erleichtert es dem Leser, die einzelnen Probleme in verschiedenem Zusammenhang zu be¬ trachten. Krywult Siegfried C. Cassier: Der Streit um das Miteigentum der Arbeitnehmer. Eine kritische Studie. Fritz Knapp Verlag, Frankfurt am Main 1960, 90 Seiten, 9.80 D-Mark. — Seitdem in der Deutschen Bundesrepublik die Christlich-Demo¬ kratische Union (CDU) in ihrem Partei¬ programm des Jahres 1953 die Forderung erhoben hat. das „Miteigentum" der Ar¬ beitnehmer durch ein Gesetz zu verwirk¬ lichen, ist diese Frage heftig diskutiert worden, ohne daß es zu erheblichen Kon¬ sequenzen in der Regierungspolitik und der Gesetzgebung kam. Bei diesen Dia¬ kussionen stellte sich heraus, daß es sich vor allem um die Frage einer Anpassung des traditionellen Eigentumsbegriffes an die derzeitigen gesellschaftlichen und ökonomischen Verhältnisse handelt. Der Widerstand gegen wirksame eigentums¬ politische Maßnahmen geht daher von jenen Kräften aus, die mit einem Wandel des Eigentumsbegriffes eine Schwächung ihrer Positionen befürchten müssen. Der Autor der vorliegenden Broschüre ist ein prinzipieller Gegner aller Mit¬ eigentumspläne, da seiner Meinung nach das Miteigentum der Arbeitnehmer nur durch eine Beschränkung der Alteigentums- Rechte entstehen könne. Nach den bisher gültigen Rechtsnormen gehöre der Unter¬ nehmungsgewinn demjenigen, der das Anfangskapital zur Verfügung gestellt hat. Dagegen beruhen alle Miteigentumspläne auf der Ansicht, daß zumindest ein Teil des Gewinnes denjenigen zufließen müsse, die nicht durch Bereitstellung von Kapital, sondern durch Arbeitsleistung zur Er¬ zielung des Gewinnes beigetragen haben. Die Vorschläge, die den Arbeitnehmern ein Miteigentum an den Produktions¬ mitteln sichern sollen und die Cassier kritisch betrachtet, enthalten nicht die in Österreich aktuell gewordene Form der Gewinnbeteiligung in Form von „Volks¬ aktien". Cassier verfolgt mit seiner Anti¬ kritik den Zweck, den Vertretern der „Ideologie von der Unverletzbarkeit wohl¬ erworbener Rechte am Eigentum" den richtigen Weg zur Verteidigung zu zeigen. Der Streit um das Miteigentum reduziere sich auf einen Widerstreit von politischen Wertvorstellungen. Miteigentum der Ar¬ beitnehmer müsse abgewehrt werden, da es das Prinzip des Privateigentums be¬ drohe. Allzu zuversichtlich über die Durchschlagskraft seiner Argumente er¬ weist sich der Verfasser aber nicht, wenn er meint: „Ob die innere Überzeugung der Besitzenden von der Rechtschaffenheit ihrer Position noch ausreicht für eine so unbefangene Reaktion auf die ihr drohende Gefahr, ist freilich eine andere Frage." F. St. unter den von der unparteiischen Stelle für fair erach¬ teten Bedingungen wieder aufnehmen, und Unternehmer dürfen Gewerkschafter nicht diskriminieren. Die Nicht- befolgung der Beschlüsse kann Strafen nach sich ziehen und unter Umständen kann die Registrierung der be¬ treffenden Organisation gestrichen werden. Eine davon betroffene Gewerkschaft besteht natürlich weiter und ihr Streik wird noch nicht in jedem Fall illegal; doch es gibt gewisse gesetzliche Beschränkungen. Wie verläuft das Schlichtungsverfahren? Wenn ein Arbeitskonflikt entsteht, sind die beteiligten Gewerkschaften oder Unternehmerverbände gehalten, der Schlichtungskommission davon Kenntnis zu geben. Die Kommission stellt daraufhin offiziell fest, welche Organisationen der Arbeitnehmer und der Arbeitgeber als Parteien direkt beteiligt sind. Dann prüft sie, ob sich nicht doch eine Möglichkeit bietet, den Konflikt vor sei¬ nem eigentlichen Ausbruch auf gütlichem Wege beizu¬ legen. Im Verlaufe des Disputs versucht sie dann, eine Verständigung der beiden Parteien zu erreichen und ein Abkommen mit gesetzlicher Gültigkeit über diese Ver¬ ständigung zustande zu bringen. Erst wenn die Bemühungen um einen Kompromiß fehlschlagen und ein Übereinkommen nicht zu erzielen ist, wird die amtliche Stelle einen verbindlichen Schieds¬ spruch fällen. Während der ganzen Verhandlungen er¬ scheinen die Rechtsberater der Parteien vor der Kommis¬ sion; die einen plädieren mit allen verfügbaren Rechts¬ mitteln für die Ansprüche der Gewerkschaften und die anderen bringen die Gegenargumente im Interesse der Unternehmer vor. Viele Konflikte werden durch Vermittlung der Kom¬ missionen erledigt, ehe es zu einer Arbeitseinstellung kommt. Ihre Zuständigkeit ist in Wirklichkeit weiter gefaßt. Sie sind nicht nur für offene Konflikte da, sondern befassen sich mit der Regelung von Grund- und Mindest¬ löhnen, der Arbeitszeit und der Arbeitsbedingungen im allgemeinen. Die föderative Kommission trachtet, einen möglichst für den ganzen Kontinent gültigen Standard zu erreichen. Die Entscheidungen der staatlichen Kommis¬ sionen variieren mehr oder weniger, doch streben die Kommissionen in vielen grundlegenden Dingen weit¬ gehende Übereinstimmung an. Der Grundlohn Der Grundlohn, über den schon zu Beginn dieses Artikels berichtet wurde, hat eine interessante Entwick¬ lung gehabt. Die Prinzipien des Grund- oder Lebens¬ lohnes wurden bereits 1890 von Sir Samuel Griffith, Premierminister von Queensland, propagiert, doch erst 1907 wurde ein solcher Lohn durch einen Gerichtshof in Australien praktisch eingeführt. In einem Tarif für die Arbeiter in den Sunshine-Harvester-Werken in Victoria wurde festgelegt, was ein „angemessener und anstän¬ diger" Lohn wäre. Vom Vorsitzenden der Schlichtungs¬ kommission wurde der Begriff des angemessenen und an¬ ständigen Minimumlohnes für einen ungelernten Arbeiter definiert als ein Lohn, welcher „den normalen Bedürf¬ nissen eines Durchschnittsangestellten, angesehen als ein menschliches Wesen in einer zivilisierten Gemeinschaft" angemessen ist. Er belief sich damals auf 2 Pfund und 2 Shilling pro Woche, welche Summe der Gerichtshof als ausreichend für eine fünfköpfige Familie betrachtete. 145

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.