Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1960 Heft 05 (05)

früher Frauen hauptsächlich beschäftigt waren: in der Landwirtschaft und in gewerblichen Kleinbetrieben („mithelfende Familienmitglieder") ist ein deutlicher Rückgang zu bemerken. Die dort beschäftigten Frauen wandern in die Bereiche der tertiären und quartären Berufe hinein. Da dort sehr häufig eine schulische Aus¬ bildung verlangt wird, ist es zweckmäßig, hier als 9. Punkt unserer Aufzählung etwas über Art und Dauer der Berufsausbildung von heute zu sagen. Es läßt sich nicht leugnen, daß die Bedeutung der traditionellen Art der Lehrausbildung im sogenannten Meisterbetrieb abnimmt, dagegen die der Ausbildung in Fachschulen und in Lehrwerkstätten der Großbetriebe immer mehr in den Vordergrund rückt. Gleichzeitig mit dieser Veränderung verlängert sich im allgemeinen auch die Dauer der Be¬ rufsausbildung. Man gibt sich einer Täuschung hin, wenn man glaubt, daß eine gegenläufige Tendenz, nämlich eine Verkürzung der Ausbildungszeit bei den sogenannten Anlernberufen, eintrete. Man muß nämlich bedenken, daß ja einer solchen tatsächlich oft kurzen Anlernzeit bei den meisten Menschen eine verlängerte Schulzeit oder sogar eine anderweitige berufliche Tätigkeit vorausgeht und Anlernlinge eben erst in einem relativ fortgeschrittenen Alter überhaupt Verwendung finden. Insoweit es sich bei Anlernlingen um besser qualifizierte Hilfsarbeiter han¬ delt, hat sich bei diesen gegenüber früher überhaupt eine — so kurz sie auch sein mag — vorher nicht vorhandene Spezialausbildungszeit eingeschoben. Besonders deutlich läßt sich an der zunehmenden Zahl der Maturanten und Hochschulabsolventen ablesen, daß die Tendenz zur Ver¬ längerung der Berufsausbildung beziehungsweise der Vorbereitung der Berufsausbildung durch eine längere Schulzeit zunimmt. Strukturveränderungen und Berufswünsche Wie verhalten sich die Berufswünsche zu diesen Phänomenen? Es handelt sich dabei darum, festzustellen, inwieweit die Berufswünsche mit den berufssoziologischen Veränderungen konvergieren oder divergieren. Der Wunsch, in der Landwirtschaft eine Beschäftigung zu finden, ist bekanntlich sehr selten zu hören. Er ist sogar seltenef, als es die Nachfrage nach Berufswilligen er¬ fordern würde. Dies macht es notwendig, daß in der Landwirtschaft die Erhöhung der Produktion nicht durch Vermehrung der Arbeitskräfte erreicht wird, sondern durch stärkeren Einsatz technischer Hilfsmittel. Der Wunsch, bei einer Berufsausübung in der Landwirtschaft mit technischen Geräten, Traktoren, Mähdreschern usw. arbeiten zu können und dafür auch ausgebildet zu wer¬ den, ist daher durchaus adäquat den Tendenzen, die berufssoziologisch in diesem Bereich der primären Berufe festgestellt werden konnten. Die Berufswünsche, die sich auf sekundäre Berufe beziehen, sind sehr unterschiedlich. Hier gibt es Mangel¬ berufe, für die es schwerfällt, Interessenten zu finden, und allseits begehrte Berufe, in denen nicht alle Be¬ werber untergebracht werden können. Es scheint so zu sein, daß speziell diejenigen Berufe eine starke An¬ ziehungskraft ausüben, die eine vielseitige und dadurch anregende Berufstätigkeit versprechen. Eine solche erhofft man sich schon in der Lehrzeit und zieht daher Betriebe vor, die eine solche umfassende Ausbildung garantieren. Die Abwendung von der sogenannten Meisterlehre und die Zuwendung zur Industrielehre in Lehrwerkstätten, die einen fast schulischen Charakter haben, ist ein viel beachteter Beweis für diese Tendenz. So wie Erwachsene lieber in einem Großbetrieb arbeiten, der ihnen mehr Sicherheit und höhere soziale Benefizien gewährt und in ihnen das Gefühl der persönlichen Abhängigkeit redu¬ ziert, so streben auch schon Jugendliche in eine ähnliche Berufssituation. Besonders in manchen Gegenden, wo die Auswahlmöglichkeiten zwischen verschiedenen Betrieben nicht sehr groß sind, richten sich die Berufswünsche ein¬ fach allgemein darauf, in einen ganz bestimmten Gro߬ betrieb zu kommen und dort eine der zur Verfügung stehenden Lehrausbildungen zu erhalten, wobei es als belanglos angesehen wird, welcher konkrete Beruf das ist. Es läßt sich nicht leugnen, daß auch im Bereich dieser Berufsgruppen die geäußerten Berufswünsche durchaus konform mit den allgemeinen berufssoziologischen Trans¬ formationen verlaufen. Kaum anders dürfte es auf dem Gebiete der Ange¬ stellten- und Verwaltungsberufe sein. Durchaus der starken Vermehrung der Berufsarbeit in diesem Sektor entsprechend, steigt auch das Streben der Berufsuchen¬ den, in diese Berufe zu gelangen. Ein Anreiz dazu liegt offenbar in der günstigeren sozialrechtlichen Position, die derzeit die Angestellten noch gegenüber den Arbeitern voraus haben. Die sogenannte Fixanstellung in beamteten Verhältnissen erhöht die soziale Sicherheit noch mehr. Nicht gering veranschlagt darf außerdem werden, daß die Tätigkeit der in den tertiären Berufen beschäftigten Men¬ schen auch heute noch meist an angenehmer wirkenden Arbeitsplätzen durchgeführt wird und daß vor allem die Aufstiegschancen für Angestellte günstiger zu sein schei¬ nen als für die Arbeiter. So wie einst jeder napoleonische Grenadier in seinem Tornister den Marschallstab mit sich trug, so glauben heute viele Angestellte, in ihrer Akten¬ tasche sozusagen die Füllfeder des zukünftigen General¬ direktors mit sich zu tragen, was in der Managergesell¬ schaft mit ihrer starken Mobilität tatsächlich für einige wenige zutreffen mag. Es ist also nicht unverständlich, warum so viele Arbeiter auch heute noch danach stieben, in die Gruppe der Angestellten aufsteigen oder wenigstens in eine mit einer Dienstpragmatik versehene Berufsent¬ wicklung einschwenken zu können, und daß auch junge Menschen in vielen Fällen lieber Angestellte als Arbeiter werden. Sie alle bewegen sich durchaus in dem Trend, der unsere Gesellschaft immer mehr zu einer Angestellten¬ gesellschaft werden läßt. Ein schwieriges Kapitel bilden die Berufswünsche derer, die in die quartären Berufe gelangen wollen. Diese sind — der Sachlage entsprechend — vielfach keine Lehr¬ berufe; zu ihnen kann auch nicht angelernt werden im primitiven Sinne dieses Wortes. Es dreht sich bei ihnen meist um Beschäftigungen, die als zweite Berufe, nach der Erlernung eines anderen ersten, ergriffen werden, ob¬ wohl sie mit diesem ersten nur wenig oder gar nichts zu tun haben. Sie erfordern höchst verschiedenartige Quali¬ fikationen und unterscheiden sich voneinander denkbar weitgehend. Ihre Existenz und auch der steigende Bedarf an Menschen, den sie entwickeln, sind von den Beruf¬ suchenden bereits erkannt. Berufswünsche können aber deshalb nur schwer, besonders von Jugendlichen, ge¬ äußert werden, weil man zu diesen Berufen meist erst in einem vorgeschritteneren Lebensalter zugelassen wird. Während in den drei ersten Berufsbereichen eine deut¬ liche Kongruenz zwischen beruflicher Entwicklungs¬ tendenz und geäußerten Berufswünschen herrscht, ist in diesem quartären Bereich eine solche Übereinstimmung nicht vorhanden. Dies trifft übrigens nicht nur auf die neuen Gebiete dieses Quartärbereiches zu, sondern auch auf die alten Dienstleistungsgewerbe, wie Friseure, aber auch Kellner usw. Für diese Berufe können sich junge Menschen wahrscheinlich deshalb nicht sehr begeistern, weil sie von den modernen technischen Entwicklungen ausgeschlossen sind, wenig günstige Arbeitsverhältnisse aufweisen, hinsichtlich der Bezahlung ebenfalls nicht besonders glücklich gelagert sind und überdies nur ein geringes soziales Prestige genießen. Als Fernziel dagegen mag manchen Menschen eine Berufstätigkeit, zum Beispiel als Bühnenarbeiter in einem Theater, als Rundfunksprecher, als Fremdenführer, als Filmschauspieler usw. vor Augen schweben. Wie stark Wünsche auf diesem Gebiet gelegentlich wirken, zeigt die fast dämonische Anziehungskraft, die gerade das Film¬ geschäft ausübt und vornehmlich Mädchen dazu bringt, auf dem Wege über eine Mannequinausbildung und dürf¬ tige Tanz- und Gesangstudien dorthin vorzudringen. Das 119

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