Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1960 Heft 05 (05)

Wolfgang Leonhard: Kreml ohne Stalin.
Verlag für Politik und Wirtschaft, Köln
1959, 646 Seiten, 21.80 D-Mark. — Der
Autor, der in jungen Jahren auf der
Flucht vor Hitler über Schweden in die
Sowjetunion emigrieren mußte, erhielt
dort eine Erziehung in speziellen Partei¬
schulen und wurde, nach Beendigung des
Krieges, zusammen mit Ulbricht und an¬
deren prominenten deutschen Kommuni¬
sten nach Deutschland geschickt, von wo
er aber bald — der offiziellen Partei-
politik überdrüssig — nach Tito-Jugo¬
slawien flüchtete. Wie er sich von seiner
kommunistischen Erziehung freigemacht
hat, berichtete er in seinem im Westen
viel beachteten, autobiographischen Be¬
kenntnisbuch Die Revolution entläßt ihre
Kinder.
In dem vorliegenden, von solidem Tat¬
sachenmaterial geradezu überquellenden
Buch wollte sich Leonhard mit der poli¬
tischen und wirtschaftlichen Entwicklung
der Sowjetunion kritisch auseinander¬
setzen. Das Buch ist aber ganz anders ge¬
worden; es wurde hauptsächlich zu einer
Darstellung der tatsächlichen Vorgänge,
zu einer zusammenfassenden Ubersicht
über die Entwicklung vom 19. Parteitag
im Herbst 1952 bis zum 21. Parteitag im
Jänner 1959. Es umfaßt also die Zeit kurz
vor und nach dem Tode Stalins. Der In¬
halt des Buches ist aber nicht nur eine
chronologische Zusammenfassung der Er¬
eignisse, sondern versucht — so gut dies
ein Außenstehender überhaupt kann — die
im Dunkel liegenden Hintergründe zu er¬
hellen. Wenn Leonhard zuweilen auf
frühere Jahre der Herrschaft Stalins zu¬
rückblendet, so geschieht dies nur mit
Hilfe von Zitaten aus Chruschtschows
Kritik an Stalin am 20. Parteitag.
Der Autor betrachtet das Primat der
Innenpolitik nicht nur als integralen Be¬
standteil der Sowjetideologie, sondern
auch der politischen Praxis. Eine all¬
gemeine Kenntnis der innenpolitischen
Vorgänge und Veränderungen in der So¬
wjetunion sei daher eine unerläßliche
Voraussetzung für jede Diskussion über
die sowjetische Außenpolitik.
Das Zentralproblem ist für den Autor
das Verhältnis zwischen dem Partei¬
apparat und den anderen „Säulen" der
Macht: dem Wirtschaftsapparat, dem
Staatsapparat, der Armee und der Staats¬
polizei. Unter der Führung von Chru¬
schtschow hat — wie Leonhard schlüssig
nachweist — der Einfluß des Partei¬
apparats zugenommen. Parallel damit gehe
eine Modernisierung des Wirtschafts- und
Herrschaftsapparates vor sich. Der Ein¬
fluß der kommunistischen Ideologie lasse
nach, da sich die wirtschaftspolitischen
Maßnahmen der tatsächlichen Entwick¬
lung anpassen müssen.
Die Auswirkungen dieser Entwicklung
auf die internationale Politik der Sowjet¬
union werden von Leonhard nur nebenbei
erörtert. Die Lockerung des staatlichen
Zwanges werde von allen Teilen der Be¬
völkerung verspürt, bleibe aber noch be¬
deutend hinter den Wünschen der auf¬
steigenden Schichten zurück. Unseres
Wissens ist bisher noch in keinem Buch
über die Sowjetunion der Einfluß der
wirtschaftlichen Entwicklung auf die Um¬
formung des Herrschaftsapparates so
exakt nachgewiesen worden, wie in dieser
wertvollen Untersuchung Leonhards.
Nach dem Tatsachenbericht, der zirka
500 Seiten umfaßt, legt der Autor in „Zehn
Thesen über die Entwicklung nach Stalins
Tod" seine persönliche Meinung dar. Die
innenpolitischen Veränderungen in der
Sowjetunion bedeuten für ihn noch keine
Liberalisierung oder gar Demokratisie¬
rung, sondern seien vielmehr eine Mo¬
dernisierung des Systems unter der Kon¬
trolle des Parteiapparats. Die nach-
stalinsche Entwicklung habe erwiesen,
daß die Einheit des Sowjetvolkes eine
Fiktion sei. Innerhalb der Sowjetunion
seien, wenn auch manchmal noch ver¬
steckt, unterschiedliche politische Strö¬
mungen zutage getreten. In der sowjeti¬
schen Politik spiele die neue Oberschicht
eine immer größere Rolle. „Sie ist bereits
so stark, daß die Parteiführung auf sie
Rücksicht nehmen muß; aber sie ist noch
nicht stark genug, um der Spitzenführung
ihren Willen aufzuzwingen."
Die Bedeutung der internationalen kom¬
munistischen Bewegung in der Sowjet¬
politik habe seit Stalins Tod erheblich
zugenommen. Die Sowjetführung habe
neue internationale Ziele gesetzt, die sich
sowohl von der leninschen Weltrevolution
als auch von Stalins Politik unter¬
scheiden.
Mit einem Appell an die nichtsowjeti¬
schen Länder, sich von vorgefaßten Mei¬
nungen und Klischeevorstellungen über
den Kommunismus zu lösen, Veränderun¬
gen im Sowjetkommunismus wahr¬
zunehmen und mit Hilfe von Sachkennt¬
nis richtig einzuschätzen, schließt dieses
Buch, das nicht nur dem Laien, sondern
auch dem anspruchsvollen Fachmann
Interessantes zu bieten hat.
Eine aufschlußreiche Chronik der Er¬
eignisse und eine Bibliographie, die
57 Seiten umfaßt, sind dem Buche bei¬
gefügt. jy
Ruth Fischer: Die Umformung der
Sowjetgesellschaft. Eugen-Diederichs-Ver¬
lag, Düsseldorf-Köln 1958, 100 Seiten. Den
vorliegenden Studien, die im Laufe des
Jahres 1958 in den Frankfurter Heften
unter dem Titel „Chronik der Entstalini-
sierung" veröffentlicht worden sind, stellt
Ruth Fischer, die einstmals Parteibuch
Nr. 1 der Kommunistischen Partei Öster¬
reichs hatte, eine Bemerkung voran, die
sich mit den verschiedenen Auffassungen
des Begriffes „Stalinismus" auseinander¬
setzt. Die Parteioppositionen verstanden
unter „Stalinismus" eine ganze Reihe von
Abweichungen, die im Gegensatz zur
wahren Lehre, zum Leninismus, stehen.
Außerhalb dieses Kreises der anti-
stalinistischen Kommunisten wurde von
„Stalinismus" im allgemeinen nicht ge¬
sprochen. Erst seit dem Zwanzigsten
Parteitag hat sich die gesamte westliche
Publizistik den Ausdruck zu eigen ge¬
macht. Insbesondere, sagt Fischer, habe
sich die westliche Presse im letzten Jahr
zu zeigen bemüht, daß Chruschtschow ein
zweiter Stalin sei, und daß die Absetzung
Marschall Schukows und die Hinrichtung
Nagys den Beweis erbracht haben, daß die
russische Partei in stalinistische Regie¬
rungsmethoden zurückgefallen sei. Der
ursprünglich trotzkistische Begriff „Stali-
Bei dieser Summe blieb es bis 1913. Dann sprach sich der¬
selbe Richter wiederholt für eine Erhöhung aus. Die Ge¬
werkschaften verlangten die Anwendung eines besseren
Maßstabs.
Der Begriff des „Grund"- oder „Lebens"-Lohnes hat
von seiner ursprünglichen Auslegung als Minimum oder
Basis, die nötig ist, einen Arbeiter und seine Familie
einigermaßen ordentlich zu ernähren, inzwischen eine
grundlegend andere Formulierung bekommen. Es wird
jetzt allgemein anerkannt, „daß der bestimmende Faktor
zur Festsetzung des Grundlohnes... der Wirtschafts¬
oder Produktivitätsfaktor ist, und der Grundlohn so hoch
bemessen sein soll, wie die Industrie als Ganzes zu zahlen
in der Lage ist". In jedem Fall ist seine Bestimmung un¬
abhängig vom Wert der aufgewendeten Arbeit, und die
Spruchkammern können, was sie für einen gerechten
Grundlohn halten, ohne Rücksicht auf die besonderen
Umstände der betreffenden Industrie oder des Arbeits¬
platzes, in dem die Arbeiter beschäftigt sind, festlegen.
Qualifizierte Mindestlöhne
Zu dem Grundlohn, unter dem kein (ungelernter) Ar¬
beiter arbeiten darf, kommen dann noch die Aufgelder
für Qualifikationen, Erfahrungen und andere zu berück¬
sichtigenden Elemente eines Handwerks und Berufs sowie
das Äquivalent für besonders mühsame oder gefahrvolle
Arbeit. Der Ausdruck Mindestlohn wird daher allgemein
gebraucht, um die niedrigste Lohnrate zu bezeichnen, die
in einer bestimmten Industrie oder Fachgruppe zu zahlen
ist. Ein Beispiel mag das besser erklären.
Während der Grundlohn, wie bereits erwähnt, etwa
14 Pfund beträgt, liegen die Mindestlöhne etwa bei Tisch¬
lern bei 18. Sie machen aus bei Holzarbeitern 16, Elektro-
mechanikern 18, Schriftsetzern 21, Maurern 20, Bau¬
arbeitern 17, Textilarbeitern 15 und Eisenbahnern
20 Pfund. Besonders erwähnenswert sind die verhältnis¬
mäßig hohen Löhne in der Vieh- und Landwirtschaft:
Landwirte und Gärtner 15 bis 17 Pfund, Viehzüchter
20 bis 26 Pfund, Landarbeiter 14 bis 16 Pfund.
Lohn für weibliche Arbeitskräfte
Wie steht es mit der Gewerkschaftsforderung: glei¬
cher Lohn für gleiche Arbeit, ohne Unterschied des Ge¬
schlechts? Die kurze Antwort ist: Dies gibt es nicht oder
noch nicht.
1934 erreichten die Löhne weiblicher Arbeitskräfte
55 Prozent der Löhne der männlichen; vorher sogar nur
50 Prozent. Eine Kampagne für die Aufbesserung der
weiblichen Sätze war zunächst erfolglos. Ein Tribunal
entschied negativ. Dann erließ die Labourregierung 1945
eine Vorschrift, wonach in allen „lebenswichtigen In¬
dustrien" die Löhne der weiblichen Arbeitskräfte 75 Pro¬
zent der männlichen Raten betragen sollten. Dieser Satz
wurde 1950 auf alle Branchen ausgedehnt. Der Prozent¬
satz von 75 gilt sowohl für den Grundlohn als auch fast
überall für die Mindestsätze in den verschiedensten Be¬
rufen. 1952 beantragten die Unternehmer eine Reduzie¬
rung der Frauenlöhne auf 60 Prozent. Das Schiedsgericht
verwarf die Begründung der Unternehmer und lehnte ihr
Ersuchen ab.
Im Dezember 1958 brachte das Parlament von Neu-
Südwales ein Gesetz durch, das nach den Worten des
Premierministers „gleichen Lohn für männliche und
weibliche Angestellte für Arbeit von gleichem Wert be-
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