Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1960 Heft 05 (05)

nismus" wurde zu einer Hauptvokabel des
Kalten Krieges und trug ganz erheblich
zu der Konfusion bei, in der sich die Dis¬
kussion Ost-West abspielt. Während die
kommunistische Opposition den „de¬
generierten" Arbeiterstaat durch eine
große Reform oder durch eine dritte
proletarische Revolution regenerieren
wollte, setzten sich die Neo-Antibolsche-
wisten dasselbe Ziel wie ihre historischen
Vorgänger, die Antibolschewisten von
1917 bis 1945: die Zertrümmerung des von
der Oktoberrevolution geschaffenen rus¬
sischen Staates durch Krieg oder durch
Umsturz oder durch die Zerlegung des
Sowjetblocks in eine Vielfalt von kleinen
und daher impotenten Staaten.
In der vorliegenden Untersuchung will
sich Fischer mit diesem Neo-Antibolsche-
wismus auseinandersetzen und ihm gegen¬
über das Ziel, die Umformung der Struk¬
tur, die im letzten Jahrfünft in der
Sowjetunion vor sich ging, in seinen
Hauptzügen beschreiben und in einigen
seiner wichtigsten Auswirkungen analy¬
sieren. Deshalb machte die Autorin den
Versuch, die „offensichtliche Renaissance
der sowjetischen Partei auf dem Hinter¬
grund der Veränderung des Plansystems
darzustellen, obwohl bei einem solchen
ersten Versuch nur einige der Haupt¬
aspekte herausgearbeitet werden konnten".
Nach der instruktiven, wenn auch teil¬
weise spekulativen Chronik der poli¬
tischen und wirtschaftlichen Ereignisse in
der Sowjetunion seit Stalins Tod bis 1958,
zieht die Autorin die Schlußfolgerung, daß
das Gerüst der Reformen solide und gut
aufgerichtet sei.
Die neuen Zwistigkeiten zwischen Bel¬
grad und Moskau könne man keineswegs
als Beweis für eine Rückkehr zum Stali¬
nismus ansehen, da es sich um einen ganz
anderen Vorgang handle als 1948. In
„stalinistische", das heißt terroristische
Regierungsmethoden würde Rußland zu¬
rückfallen, wenn der Kampf um den
Kolonialbesitz zu neuen Kriegshandlungen
führte, zu einem zweiten Koreakrieg in
den Meerengen von Formosa oder im
Nahen Osten, dem Vorfeld der russischen
Grenzen. „Jeder Sieg Nassers ist daher
ein Sieg der Demokratie in Rußland."
Würde man dieser Anschauung folgen,
so müßte ja der Westen Nassers Pan-
arabismus zum Sieg verhelfen, um da¬
durch Rußlands Demokratie zu fördern.
Bis jetzt ist es aber die Sowjetunion, die
Nasser wirtschaftlich und militärisch
stützt. Die Beweggründe dafür sind für
die Sowjetunion sicherlich ganz andere,
als Ruth Fischer glaubt.
Der informative Teil der Untersuchun¬
gen ist aufschlußreich, die politischen
Konsequenzen aber, die Ruth Fischer
zieht, sind allzu leicht errichtete Ge¬
dankengebäude, die dem Sturm der Zeit
nicht lange standhalten können.
F. St.
Hellmut Wilhelm: Gesellschaft und
Staat in China. Zur Geschichte eines
Weltreiches. Rowohlt-Verlag, Hamburg
1960, 149 Seiten, 1.90 D-Mark. — Mit die¬
sem Überblick über die Geschichte der
chinesischen Gesellschaftsstruktur und die
Entwicklung der politischen Ideologie
Chinas hat der Autor einen Versuch ge¬
macht, der in dieser Form noch nicht
unternommen worden ist. Das vorliegende
Bändchen entstand aus Vorträgen, die
Hellmut Wilhelm im Jahre 1943 in Peiping
gehalten hat. Obwohl sich die Chinakunde
in den letzten fünfzehn Jahren mit den
Fragen der historischen Entwicklung
Chinas sehr intensiv beschäftigt hat, ließ
der Autor den Text seiner Vorträge un¬
verändert. da — wie er meint — die
wesentlichen Züge des damals konzipier¬
ten Bildes auch heute noch ihre Gültigkeit
haben.
Der Bogen dieser Studie spannt sich von
der Feudalgesellschaft und dem früheren
Konfuzianismus über die Vertreibung der
Mandschu-Dynastie bis zu den ersten
politischen Maßnahmen von Sun Yatsen
in der Republik. Die den Aufsätzen bei¬
gefügten Quellentexte, die im Zusammen¬
hang mit den einzelnen Kapiteln stehen
(zusammengestellt und kommentiert von
Wolfgang Bauer), eine Studie über
„Chinesische Historiographie", Literatur¬
hinweise und Materialien ergänzen diesen
Streifzug durch die Geschichte eines
Weltreiches.
Der 1905 in China geborene Verfasser,
der 1932 in Berlin den Doktorgrad erreicht
hat, war später als Professor an der
Pekinger Reichsuniversität tätig und hat
seit 1948 einen Lehrstuhl an der Wa¬
shingtoner Universität inne.
F. St.
Wolf Middendorf!: Soziologie des Ver¬
brechens. Erscheinungen und Wandlungen
des asozialen Verhaltens. Eugen Diede-
richs Verlag, Köln 1959, 379 Seiten, 24 D-
Mark. — Obwohl sich im Verlauf der Ver¬
änderungen der Gesellschaft grundlegende
Wandlungen des Begriffes der Kriminali¬
tät ergeben haben, klingt es doch über¬
raschend aktuell, wenn es in den Ver¬
trauten Gesprächen des Erasmus von Rot¬
terdam (Anfang des 16. Jahrhunderts)
heißt: „Stiehlt einer ein Geldstück, dann
hängt man ihn. Wer öffentliche Gelder
unterschlägt, wer durch Monopole, Wucher
und tausenderlei Machenschaften und Be¬
trügereien noch soviel zusammenstiehlt,
der wird unter die vornehmsten Leute
gerechnet. Wer irgend jemandem Gift ver¬
abfolgt, wird wie ein Giftmörder bestraft,
wer durch gepantschten Wein oder ver¬
dorbenes 01 das Volk vergiftet, geht frei
aus."
Der Autor legt in dem vorliegenden
Buch die Zusammenhänge zwischen Kri¬
minalität und Gesellschaft bloß, das heißt,
er untersucht nicht nur die Frage der
Wandlungen der Kriminalität im Verlauf
der soziologischen Veränderungen, sondern
auch die Erscheinungsformen des asozialen
Verhaltens innerhalb der heutigen Gesell¬
schaft.
Moralische Anschauungen variieren
von Land zu Land und von Staat zu
Staat; sie unterliegen auch starken Ver¬
änderungen im Laufe der Zeiten. Wäh¬
rend für die Kriminologie der Ver¬
brechensbegriff des Strafrechts bindend
ist, spricht die Soziologie von normalem
und von der Norm abweichendem Verhal¬
ten. Da die Kriminologie sich ihrem Wesen
nach nur mit dem Verbrechen beschäfti¬
gen kann, dieses aber nur einen kleinen
Teil des abweichenden Verhaltens aus¬
macht, kann die Soziologie der Kriminolo¬
gie wichtige Dienste leisten.
deuten wird". Die Betonung liegt auf den Worten „Arbeit
von gleichem Wert", und die näheren Ausführungen be¬
stimmen, daß der Satz von 75 Prozent in den Fällen, wo
Frauen Arbeit derselben oder ähnlicher Art und gleichen
Wertes wie Männer tun, bis zum Jahre 1963 schrittweise
auf 100 Prozent erhöht werden soll. Das wird zum Bei¬
spiel auf Lehrerinnen und Schaffnerinnen zutreffen. Im
ganzen gesehen aber ist die Auswirkung noch recht un¬
bedeutend und weit entfernt von der gewerkschaftlichen
Fo rderung. 40-Stunden-Arbeitswoche
In Australien gibt es heute in allen Zweigen der Wirt¬
schaft die 40-Stunden-Woche für männliche und weib¬
liche Arbeiter und Angestellte. Die 40-Stunden-Arbeits-
woche wurde durch einen Spruch der föderativen
Schlichtungskommission mit Wirkung vom 1. Jänner 1948
angeordnet; damals hatte übrigens ganz Australien eine
Labourregierung. Die Entwicklung zeigt folgendes Bild:
1914 dauerte die Arbeitswoche 49 Stunden, 1921 wurde
sie auf 46,5 und 1939 auf 44,5 Stunden herabgesetzt. Im
Jahre vor der endgültigen Verkürzung auf 40 wurde
43 Stunden lang gearbeitet.
Es ist nicht uninteressant, daß die Unternehmer ein
paar Jahre, nachdem die 40-Stunden-Woche allgemein
eingeführt worden war, eine Verlängerung der Arbeits¬
woche forderten, und zwar mit dem Argument, daß „eine
der Hauptursachen für hohe Kosten und Inflation eben
der Produktionsverlust infolge der Einführung der
40-Stunden-Woche wäre". Der Schiedsgerichtshof wies
1952 ihr Verlangen ab und führte aus: Die Unternehmer
hätten nicht nachweisen können, daß die bestehenden
ökonomischen Verhältnisse eine Reduzierung des allge¬
meinen Standards in bezug auf die ordentliche Arbeits¬
woche erforderten. Die Industrie des Landes sei gesund
und blühend genug, die 40-Stunden-Woche durchaus zu
rechtfertigen. Seitdem sind keine solchen reaktionären
Vorstöße mehr versucht worden.
Amtliche Schlichtung und freie Vereinbarung
Obwohl das Schlichtungsverfahren nicht die einzige
und ausschließliche Art der Erledigung von Arbeits¬
konflikten auf dem australischen Kontinent und in Neu¬
seeland ist, ist es doch der heute am häufigsten begangene
Weg. Gelegentlich werden zwar auch durch direkte Kol¬
lektivverhandlungen zwischen Unternehmerverbänden
einer Industrie und Gewerkschaften freie Vereinbarungen
und Tarifabkommen abgeschlossen. Das war zum Beispiel
1957 der Fall in der Bauindustrie von Melbourne. Das
Abkommen enthielt sogar bessere Bedingungen als ein
Schiedsspruch versprochen hatte. Aber dies ist eine Aus¬
nahme.
Überdies kommt es gelegentlich zu kurzlebigen Ar¬
beitseinstellungen, in denen meist nach einem oder nach
ein paar Tagen die Arbeit ohne jegliche Verhandlung und
ohne ein Abkommen wieder aufgenommen wird. Das
kommt hauptsächlich im Kohlenbergbau und bei den
Hafenarbeitern vor, für die die Verhältnisse nicht günstig
sind. In der Regel jedoch, und besonders in den größeren
Konflikten, bedienen sich beide Seiten der ständigen Ein¬
richtung der überparteilichen Schlichtungskommission.
Sie tun das nicht so sehr aus Prinzip, als wegen der prak¬
tischen Erfahrung, daß sie damit schneller und, wie die
Verhältnisse in Australien liegen, gewöhnlich auch zu
einem günstigeren Resultat kommen.
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