Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1960 Heft 09 (09)

erschien. In den letzten Monaten war
jedoch ein Abflauen der bestehenden
Spannungen zwischen den wichtigsten
arabischen Hauptstädten festzustellen,
weshalb die Hoffnungen der Arabischen
Liga, über eine wirtschaftliche, zu einer
politischen Einigung zu gelangen, wie¬
der aufgelebt sind.
Die Problematik einer arabischen In¬
tegration, die einen rascheren wirt¬
schaftlichen Aufstieg der einzelnen
unterentwickelten Länder dieses Rau¬
mes gestatten soll, liegt vor allem in
der ungleichen Verteilung der vorhan¬
denen Bodenschätze sowie einer durch
die geographische Lage bedingten
differenten Wirtschaftspolitik. Der
mittelöstliche Ölreichtum konzentriert
sich im wesentlichen auf den Irak,
Saudiarabien und die Fürstentümer
am Persischen Golf. Bei einem inve¬
stierten Kapital von rund 800 Millionen
Leg1 wird eine jährliche Einnahme von
rund 270 Millionen Leg erzielt, was
51 Prozent der Staatseinnahmen im
Irak, 71 Prozent in Saudiarabien und
79 Prozent in Kuweit entspricht.
Während die ölproduzierenden Län¬
der teilweise einen sehr ansehnlichen
Kapitalüberschuß erzielen, der im Aus¬
land fruchtbringend angelegt werden
kann, besteht in den anderen arabi¬
schen Staaten ein ungestillter Kapital¬
bedarf, der wohl das Haupthindernis
eines raschen wirtschaftlichen Fort¬
schrittes darstellt. Es liegt auf der
Hand, daß die arabischen Ölbarone
bisher keine große Bereitschaft zeigten,
ihr Kapital den „Habenichtsen" zur
Verfügung zu stellen, weshalb auch die
recht bescheidenen Vorschläge zur
Schaffung eines gemeinsamen Investi¬
tionsfonds bei der vorjährigen arabi¬
schen Erdölkonferenz nicht verwirklicht
werden konnten. Dazu kommt, daß die
Integration der einzelnen Wirtschafts¬
systeme insofern eine besonders schwie¬
rige Aufgabe darstellt, als sie von der
mittelalterlichen Ökonomie des Jemen
über die straffe Planwirtschaft der Ver¬
einigten arabischen Republik bis zum
liberalen System des Libanon reicht.
Besonders das zuletzt erwähnte Land,
das auch als die Schweiz des Vorderen
Orients bezeichnet wird, schöpft seinen
Reichtum aus dem Transithandel und
seiner regionalen Kapitalmarktfunktion,
während andere arabische Staaten ihr
Heil in einer forcierten Industrialisie¬
rungspolitik suchen.
Trotz der vorerwähnten Gegensätze,
die keinesfalls als eine erschöpfende
Aufzählung der ökonomischen Diver¬
genzen zwischen den einzelnen arabi¬
schen Staaten angesehen werden kön¬
nen, lassen sich auch gewichtige Argu¬
mente für den Plan eines gemeinsamen
arabischen Marktes anführen, voraus¬
gesetzt, daß man die einzelnen parti¬
kularen Interessen dem Gesamtinter¬
esse des Raumes unterordnet. Wenn der
Vordere Orient bis heute ein chroni¬
scher Unruheherd gewesen ist, so ist
dies nicht nur auf sogenannte „imperia¬
listische" Einflüsse und andere rein
politische Ursachen, sondern weit¬
gehend auch auf die bestehenden wirt¬
schaftlichen und sozialen Verhältnisse
zurückzuführen.
Während Ägypten in seinem Bevölke¬
rungsüberschuß erstickt, gibt es in an¬
deren arabischen Ländern noch weite
ungenützte Flächen, die für die land-
' Leg = ägyptisches Pfund.
wirtschaftliche Erzeugung herangezogen
werden können. Den in den ölstaaten
angesammelten Kapitalreserven, die
bisher vielfach unrationell eingesetzt
oder verpraßt wurden, bieten sich in
anderen Ländern förderungswürdige
Inveslitionsprojekte, die bisher infolge
Kapitalmangels lediglich auf dem
Reißbrett existieren. Während in ein¬
zelnen Staaten schon eine fast aus¬
reichende Zahl von Akademikern und
Technikern herangebildet wurde, fehlt
es in anderen noch völlig an der er¬
forderlichen „menschlichen Infrastruk¬
tur", die die Voraussetzung jedes mo¬
dernen Gemeinwesens darstellt.
Diese nur beispielsweise angeführten
Diskrepanzen, zeigen deutlich, daß ein
wirtschaftlicher Zusammenschluß der
arabischen Staaten allen Beteiligten
Vorteile bringen würde. Dazu kommt,
daß ihre bis auf weiteres vorwiegend
agrarische Struktur in einzelnen Mono¬
kulturen durch Überproduktion zu un¬
gesunden Konkurrenzverhältnissen
führte, während in einem Großraum
eine umsichtigere, den Bedürfnissen
des Weltmarktes besser angepaßte
Landwirtschaftspolitik möglich wäre.
Ebenso würde auch im Industriesektor
die Möglichkeit bestehen, eine ver¬
nünftige Arbeitsteilung herbeizuführen
und rationellere Betriebsgrößen zu
schaffen, als dies gegenwärtig angesichts
der vielfach ungesunden Autarkie¬
politik einzelner arabischer Staaten
der Fall ist. Schließlich darf nicht ver¬
gessen werden, daß ein gemeinsamer
arabischer Markt dem Ausland größere
Investitionsanreize bieten würde, wäh¬
rend gleichzeitig die Handelspolitik auf
einer breiteren Basis austauschbarer
Produkte aufgebaut werden könnte.
Die Vorschläge der Wirtschafts¬
experten der Arabischen Liga basieren
weitgehend auf dem EWG-Vertrag und
sehen daher auch die Abschaffung aller
internen Handelsschranken und Zölle,
die Errichtung eines gemeinsamen
Zolltarifs nach außen, die Festlegung
gemeinsamer Wettbewerbsregeln und
die Koordinierung der Wirtschafts¬
politik vor, wobei der Abstimmung der
Erdölpolitik ein besonders wichtiger
Raum eingeräumt wird.
Daß diese ehrgeizigen Absichten auch
in nächster Zukunft verwirklicht wer¬
den können, muß allerdings bezweifelt
werden, da die einzelnen Staaten zu-
sehr in ihren nationalen Wirtschafts¬
problemen verstrickt sind und viele
ihrer politischen Führer noch nicht den
erforderlichen ökonomischen Weitblick
besitzen. Nichtsdestoweniger ist es mög¬
lich, daß es den Verfechtern der arabi¬
schen Einheit in einer ersten Etappe
gelingen könnte, eine stärkere Zusam¬
menarbeit herbeizuführen, die ungefähr
der europäischen Wirtschaftskoopera¬
tion im Rahmen der OEEC während
der Marshallplanperiode entsprechen
würde. Hans Berber
Die Stahlproduktion der Welt
Nicht nur die großen Industriestaa¬
ten, sondern auch die unterentwickelten
Länder machen große Anstrengungen,
um auf dem Gebiet der Stahlproduk¬
tion Fortschritte zu erzielen. So sind in
der amerikanischen Stahlindustrie, die
ihren Anteil an der Weltproduktion in
den letzten Jahren nicht mehr halten
konnte, für 1960 Investitionen der Stahl¬
industrie in der Höhe von 1,6 Milliarden
Dollar vorgesehen, gegenüber 1 Mil¬
liarde im Jahre 1959.
Das Jahr 1959 war ein Rekordjahr
der Rohstahlproduktion der Welt. Es
übertraf mit einer Produktion von 302
Millionen Tonnen, das sind 11,2 Prozent
oder 30,3 Millionen Tonnen mehr als
im Jahre 1958, das Rekordjahr 1957
(293,1 Millionen Tonnen) um mehr als
3 Prozent. Die USA konnten zwar ihre
Produktion gegenüber 1958 um 9 Pro¬
zent steigern, aber ihr prozentualer An¬
teil an der Weltproduktion war wieder
kleiner geworden. Dieser Anteil ist
schon seit Jahren rückläufig; er hat sich
von 39,9 Prozent im Jahre 1952 auf
28,1 Prozent im Jahre 1959 vermindert,
während die Sowjetunion, die übrigen
europäischen Ostblockstaaten, Japan,
China und in geringem Maße auch die
Europäische Wirtschaftsgemeinschaft
ihren Anteil an der Stahlweltproduktion
zu steigern vermochten. Besonders be¬
merkenswert ist die starke Erhöhung
der japanischen Stahlproduktion, die ge¬
genüber 1958 um 37 Prozent gewachsen
ist. Japan hat 1959 mit seiner Produk¬
tion von 16,6 Millionen Tonnen Frank¬
reich (15,2 Millionen Tonnen) überholt.
Trotz allem sind noch immer die USA
mit einer Jahresproduktion von 84,7
Millionen Tonnen der größte Rohstahl¬
produzent der Welt. Die Deutsche Bun¬
desrepublik hat zusammen mit dem
Saargebiet im Jahre 1959 30 Millionen
Tonnen Rohstahl erzeugt.
Gegenüber diesen Produktionszahlen
der großen Industriestaaten sind die
Produktionszahlen der Entwicklungs¬
länder in Asien und Lateinamerika
noch ganz unbedeutend. Das Statisti¬
sche Büro der EWG hat für diese Länder
die voraussichtliche Produktionszu¬
nahme bis 1965 im Vergleich zu 1958 zu
errechnen versucht. Nach diesen Be¬
rechnungen sollen Asien und Latein¬
amerika zusammen eine Zuwachsrate
der Rohstahlproduktion von 381 Prozent
erreichen. Die Produktion der Vereinig¬
ten Arabischen Republik erreichte 1958
100.000 Tonnen; sie wird mit sowjeti¬
scher und deutscher Hilfe im Jahre
1965 voraussichtlich bei etwa 300.000
Tonnen liegen. Israel will mit ameri¬
kanischer Hilfe söine Rohstahlproduk¬
tion (1958: 60.000 Tonnen) verfünf¬
fachen und damit 1965 ebenfalls eine
Produktion von 300.000 Tonnen errei¬
chen. Im Irak, wo bisher überhaupt
kein Rohstahl erzeugt worden ist, wird
im Jahre 1965 mit einer Produktion von
100.000 Tonnen gerechnet. Pakistan
plant, seine Produktion von 15.000 Ton¬
nen im Jahre 1958 bis zum Jahre 1965
auf 300.000 Tonnen erhöhen zu kön¬
nen. Ebenfalls mit 300.000 Tonnen Roh¬
stahl im Jahre 1965 rechnen die Phil¬
ippinen, die 1958 zirka 50.000 Tonnen
produziert haben. Indien stellte sich
das Ziel, die Stahlproduktion, die 1958
1,8 Millionen Tonnen betragen hat, bis
1965 auf 13 Millionen Tonnen auszu¬
weiten. Dadurch würde der Anteil In¬
diens an der Rohstahlerzeugung der
Welt von 0,7 Prozent im Jahre 1958
auf 2,5 Prozent im Jahre 1965 anstei¬
gen.
Für die lateinamerikanischen Länder
berechnete das Statistische Büro der
EWG folgende Produktionszahlen für
1965 (in Millionen Tonnen): Brasilien
3,4, Mexiko 2,1, Venezuela 1,2, Argen¬
tinien 1,0, Chile 0,354, Kolumbien 0,3,
Peru 0,12 und Uruguay 0,1.
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