Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1960 Heft 09 (09)

Sorgen der amerikanischen
Eisen- und Stahlindustrie
Die Abnahme der amerikanischen
Rohstahlerzeugung hat im Juni ein
Ausmaß angenommen, das noch vor
wenigen Monaten selbst von den
ärgsten Pessimisten nicht erwartet wor¬
den war. In den ersten Julitagen ist
die Ausnutzung der Betriebskapazitäten
auf einen seit rund zehn Jahren nicht
mehr gesehenen Stand gesunken. Sie
betrug in der ersten vollen Juliwoche
— vermutlich auch wegen des National¬
feiertages, den manche Werke zum An¬
laß nahmen, um die ganze Woche
Ferien zu machen — nur 42,7 Prozent.
Die Produktion ist mit etwas über
1,1 Millionen Tonnen niedriger gewesen
als in irgendeiner streikfreien Woche
der fünfziger Jahre.
Daß diese Entwicklung nicht nur der
Stahlindustrie selbst, sondern der Wirt¬
schaft ganz allgemein Sorgen bereitet,
versteht sich von selbst. Bezeichnend
hierfür ist, daß Fragen der Stahl¬
erzeugung auch in der Pressekonferenz
des Präsidenten Eisenhower erörtert
wurden. Der Präsident gab seiner Über¬
zeugung Ausdruck, daß die gesunkene
Erzeugung eine vorübergehende Er¬
scheinung sei; er erklärte sie mit den
Nachwirkungen des Streiks und stellte
in Abrede, daß der Produktionsrück¬
gang als Vorbote eines neuen Rück¬
ganges der wirtschaftlichen Aktivität
aufgefaßt werden müsse.
Es gilt nun zwar als wahrscheinlich,
daß Anfang oder Mitte Juli tatsächlich
der Tiefpunkt der Stahlerzeugung die¬
ses Jahres erreicht sein und von dann
an eine allmähliche Erholung einsetzen
werde. Andererseits dürfte hierbei der
Ton auf dem „allmählich" liegen. Im
gesamten Juli dürfte die Kapazitäts-
ausnützung 50 Prozent kaum über¬
schritten haben, was auch angesichts
eines angeblich nur 25- bis 30prozen-
tigen Rückganges des Stahlverbrauches
sehr unbefriedigend ist.
Für den August sind die Erwartungen
längst nicht mehr so optimistisch wie
noch vor wenigen Wochen. Man spricht
von einer Rate der Kapazitätsausnut¬
zung in den „niedrigen Sechzigern",
was sich zwar im Vergleich mit der
Juli-Produktion gut ausnehmen würde,
im Vergleich mit der Gesamtkapazität
jedoch nicht sonderlich günstig wäre.
Im August rechnet man vor allem mit
größeren Lieferungen an die Kraftfahr¬
zeugindustrie für deren Modelle 1961.
Weniger zuversichtlich ist man bezüg¬
lich des zweitgrößten Kunden der
Stahlindustrie, des Stahlhandels, der
große Posten Stahl von den Werken
kauft und dann die kleineren Ver¬
braucher beliefert. Das „Steel Service
Center Institute", ein Verband des Han¬
dels, erklärte erst Ende Juli, daß seine
Lagerbestände mit 3,5 Millionen Tonnen
einen Höchststand erreicht haben und
sogar noch um rund 100.000 Tonnen
größer sind als vor Beginn des Streiks
im vorigen Jahr.
Ein weiteres Sorgenkind sind zur Zeit
die Lieferungen von Rohren usw. an
die Ölindustrie, da wegen des anhalten¬
den Überangebots von öl die Zahl der
neuen Bohrungen nach wie vor niedrig
ist.
Die eigentliche Probe für die Stahl¬
industrie wird wohl erst im September
kommen. Dann müßte, wenn sich nicht
die gesamten wirtschaftlichen Voraus¬
setzungen grundlegend ändern, die Er¬
zeugung wieder auf 70 bis 75 Prozent
der Kapazität steigen, um mit dem lau¬
fenden Verbrauch Schritt zu halten und
sich den größeren Anforderungen der
Kraftfahrzeugindustrie und der Investi¬
tionsgütererzeugung anzupassen. Nach
wie vor erwartet man für dieses Jahr
eine beträchtliche Zunahme der ameri¬
kanischen Neuinvestitionen. Deshalb
hofft man in den Stahlwerken noch
immer, die Erzeugung den Rest des
Jahres über halten zu können. Wenn
etwa während des Herbstes die Frage
einer Preiserhöhung für Stahl im De¬
zember und die im Jänner zugestan¬
denen ersten Lohnzuschläge fällig wer¬
den, so könnte dies in den vorher¬
gehenden Wochen zu einer Beschleuni¬
gung der Bestellungen führen. Zur Zeit
freilich mutet selbst die Erwähnung
von höheren Preisen abwegig an, man
hört im Gegenteil immer wieder von
Lieferungen, die zu Preisen unter den
Notierungen erfolgen.
Aber selbst wenn sich die optimisti¬
schen Erwartungen erfüllen, kann wohl
kaum noch die Rede davon sein, daß die
Werke für das Gesamtjahr den Durch¬
schnittssatz von 80 Prozent oder die
Höchsterzeugung von 110 Millionen Ton¬
nen erreichen, von der sie noch im
März und April mit solcher Gewißheit
sprachen.
Was sind die Gründe dafür, daß bei
ausgezeichneten Verkäufen der Kraft¬
fahrzeugindustrie und einem allgemein
hohen Wirtschaftsstand die Stahl¬
lieferungen hinter den Schätzungen
zurückbleiben?
Da sind als Hauptgrund wohl die
Kleinwagen zu nennen, die wesentlich
zu dem guten Geschäft der Kraftfahr¬
zeugindustrie beigetragen haben. Im
Schnitt verbrauchen jedoch drei Klein¬
wagen soviel Stahl wie zwei „gewöhn¬
liche" Wagen. Daß sich der Siegeszug
der Kleinwagen im Jahre 1961 mit der
Einführung neuer Typen fortsetzen
dürfte, sei nur nebenbei erwähnt. Fer¬
ner hat sich in diesem Jahr die Wohn¬
bautätigkeit nicht so gut entwickelt wie
man gehofft hatte. Auch hier dürften
die Aussichten für das kommende Jahr
nicht sehr günstig sein.
Nun braucht all dies nicht zu bedeu¬
ten, daß die Stahlgesellschaften im
Jahre 1960 schlecht abschneiden werden.
Sie werden, da in der Regel ihr „break-
even"-Punkt bei etwa 50 Prozent liegt,
auch im dritten und vierten Jahres¬
viertel wieder ansehnliche Gewinne
buchen können, und sie haben dies
ganz bestimmt in den ersten sechs
Monaten schon getan.
Dafür spricht, daß die Lieferungen
von Walzstahl in den ersten fünf Mona¬
ten dieses Jahres bis auf 3 Prozent an
die der Vergleichszeit des Vorjahres
herankamen, als schon mit Hochdruck
auf den Streik hin bestellt und ver¬
sandt wurde. Für verschiedene Sorten
von Stahl, hauptsächlich Blech und
Bandstahl, Grobstahl und schweren
Profilstahl lagen heuer die Lieferungen
mit rund 33,3 Millionen Tonnen (Jän¬
ner bis inklusive Mai) beträchtlich
höher als im Jahre 1959. Ing. K. S.
Die Einkommensverhältnisse
in den USA
Das Durchschnittseinkommen der
amerikanischen Familien erhöhte sich
von 3000 Dollar im Jahre 1947 auf
5100 Dollar im Jahre 1958. Von 1957 auf
1958 stieg das Durchschnittseinkom¬
men pro Familie um 120 Dollar, die
Kaufkraft aber blieb — infolge der
Preissteigerungen — unverändert. Im
Jahre 1958 hatten von den ungefähr
44 Millionen Familien in den USA mehr
als zehn Prozent ein Einkommen von
mehr als 10.000 Dollar; 18 Millionen
Familien hatten ein Einkommen von
5000 bis 10.000 Dollar, während 10,5
Millionen Familien 3000 Dollar und
11 Millionen Familien nur zwischen
3000 und 5000 Dollar verdienten.
Die Relation der Einkommen von
Männern und Frauen zeigte von 1957
auf 1958 keine Veränderung. In diesen
Jahren betrug das Durchschnittsein¬
kommen einer männlichen Arbeitskraft
3700 Dollar und das einer weiblichen
1200 Dollar. (Bureau of the Census des
amerikanischen Volkszählungsinstituts.)
Giganten der Industrie
Die USA-Wirtschaftszeitschrift For¬
tune hat die hundert größten Industrie¬
konzerne außerhalb der USA unter¬
sucht und nach Umsätzen, Anlagever¬
mögen und Gewinnen klassifiziert. Dem
Umsatz nach steht die Royal Dutch
Shell mit 5,3 Milliarden Dollar pro Jahr
an der Spitze, gefolgt vom Unilever-
Konzern (3,7 Milliarden Dollar), der
British Petroleum (1,7 Milliarden Dol¬
lar), der Imperial Chemical Industries
(1,4 Millarden Dollar) und dem Schwei¬
zer Nestle-Konzern (1,3 Milliarden Dol¬
lar). An der 6. Stelle steht der holländi¬
sche Philips-Konzern mit 1,1 Milliarden
Dollar, gefolgt von den drei größten
deutschen Konzernen: Siemens (0,87 Mil¬
liarden Dollar), dem Volkswagenwerk
(0,84 Milliarden Dollar) und Krupp
(0,83 Milliarden Dollar). Die 100 größten
außeramerikanischen Konzerne haben
1959 ihre Umsätze um 8 Prozent auf
55,2 Milliarden Dollar erhöht.
Milliardenkredite für die
Entwicklungshilfe
Die Deutsche Bundesrepublik hat von
1956 bis 1959 der Weltbank mehr als
2 Milliarden D-Mark für Zwecke der
Entwicklungshilfe zur Verfügung ge¬
stellt. Außerdem steuerte sie über
500 Millionen D-Mark zu den Mitteln
des Internationalen Währungsfonds bei.
Dieses Geld soll für die Stützung der
Währung von Entwicklungsländern ver¬
wendet werden. Wie der Staatssekretär
im Auswärtigen Amt, Dr. van Scherpen¬
berg, erklärte, wird Westdeutschland
in den nächsten drei Jahren über
9 Millionen D-Mark an die Internatio¬
nal Development Association (IDA)
zahlen. Aus dem Entwicklungsfonds des
Auswärtigen Amts, für den der Bun¬
destag von 1956 bis 1960 etwa 290 Mil¬
lionen D-Mark bewilligt hat, konnten
unter anderem die Entsendung von
500 Sachverständigen in Entwicklungs¬
länder und die Ausbildung von 3000
Praktikanten finanziert werden. Außer¬
dem hat die Bundesregierung die Aus¬
fuhr von Waren im Wert von 1 Mil¬
liarde D-Mark in Entwicklungsländer
durch Bürgschaft gesichert.
Im Jahre 1960 hat die Weltbank mit
der Deutschen Bundesbank die Auf¬
nahme eines neuen Kredits in US-Dol-
lar und D-Mark im Gegenwert von
rund 240 Millionen Dollar vereinbart. Es
ist dies die zwölfte direkte Kredit-
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