Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1960 Heft 09 (09)

transaktion zwischen der Bundesbank
und der Weltbank. Der neue Kredit
besteht aus 2 Tranchen über 120 Mil¬
lionen Dollar beziehungsweise 500 Mil¬
lionen D-Mark. Für den Abruf der
Gelder hat die Weltbank 1 Jahr Zeit.
Bis zum Abruf muß sie eine Bereit¬
stellungsprovision von '/4 Prozent
zahlen. Die Zinsen von 4,5 Prozent
jährlich sind jeweils von den einzelnen
Abrufterminen an zahlbar.
Politischer Kuba-Zucker
Die Revolution Fidel Castros, die als
nationale Erhebung gegen ein grau¬
sames diktatorisches Regime begann
und sich, für viele unerwartet, nach
ihrem Sieg sowohl Moskau als auch
Peking gegenüber besonders aufge¬
schlossen zeigte, hat in den letzten
Monaten mit der zum Teil entschädi¬
gungslosen Enteignung amerikanischer
Unternehmungen eine Reihe wirtschaft¬
licher Repressalien der Vereinigten
Staaten ausgelöst, deren Wirkungen
und Folgen noch keineswegs abzusehen
sind.
Am bedeutendsten ist der Beschluß
Präsident Eisenhowers vom 6. Juli,
durch den das heurige Import¬
kontingent der USA für kubanischen
Zucker um 700.000 Tonnen gekürzt
wurde. Es handelt sich dabei allerdings
nicht nur um die einfache Stornierung
einer Lieferung, sondern auch um den
Verlust eines Vorzugspreises. Die Ver¬
einigten Staaten haben nämlich einer
Reihe von lateinamerikanischen Län¬
dern auf Grund des Zuckergesetzes aus
dem Jahre 1952 einen Preis zugestan¬
den, der merklich über dem Weltmarkt¬
preis liegt und dadurch gleichsam eine
qualifizierte Form der Wirtschaftshilfe
darstellt.
Offiziell verlautete man zwar in
Washington, es handle sich bei dem
Beschluß des Präsidenten nicht in
erster Linie um eine politische Ma߬
nahme gegen die Regierung Castro —
obwohl dies allgemein so interpretiert
wird —, sondern um eine Aktion zur
Sicherung der amerikanischen Zucker¬
versorgung. Diese wäre — wieder der
offiziellen Version zufolge — durch die
um sich greifende Vernachlässigung der
Zuckerrohrplantagen und die neuen
Lieferverpflichtungen Kubas anderen
Ländern gegenüber, vor allem gegen¬
über der Sowjetunion, auf die Dauer
gefährdet.
Die Amerikaner sind schon seit jeher
weitestgehend auf Zuckerimporte an¬
gewiesen. So konnten sie von den im
Jahre 1959 verbrauchten 8,4 Millionen
Tonnen nur 2,6 Millionen Tonnen, also
nicht einmal ein Drittel, im eigenen
Land aufbringen. Den größeren Teil
lieferten neben Kuba hauptsächlich die
Philippinen, Peru, die Dominikanische
Republik, Mexiko und Nikaragua. Kuba
stand als Lieferland an der Spitze. Im
Zuckerplan für das Jahr 1959 waren
die Käufe der Vereinigten Staaten mit
rund 3 Millionen Tonnen, bei einer
Gesamtproduktion Kubas von etwa
5,6 Millionen Tonnen, angesetzt. Der
Vorteil des amerikanischen Marktes lag
für Kuba jedoch nicht nur in dessen
Sicherheit, sondern vor allem auch, wie
schon erwähnt, im außerordentlich
günstigen Preis. Während nämlich noch
im Juni dieses Jahres für ein englisches
Pfund (453 Gramm) Kubazucker auf
dem Weltmarkt 2,95 Cent bezahlt wur¬
den, verpflichteten sich die Vereinigten
Staaten, die gleiche Menge bei gleicher
Qualität um 5,36 Cent, also fast um das
Doppelte, abzunehmen.
Nach ihrem Verzicht auf die noch
ausstehenden 700.000 Tonnen kuba¬
nischen Zuckers suchten die Ameri¬
kaner dafür anderswo einen Ersatz
und räumten den anderen Zucker¬
exportländern, die neben Kuba an dem
Abkommen über Zuckerkäufe zu einem
bevorzugten Preis beteiligt waren,
höhere Kontingente ein. Dies kam vor
allem den Philippinen, Peru, Mexiko
und Nikaragua zugute.
Welche Möglichkeiten stehen nun der
Regierung Castro offen, um das
Handikap des amerikanischen Rück¬
zugs vom amerikanischen Zuckermarkt
auf die Dauer auszugleichen und nicht
nur kurzfristig zu überbrücken? Es
darf bei derartigen Überlegungen auch
nicht übersehen werden, daß Kuba
auch auf dem Weltmarkt an sich keine
völlig freie Hand hat, sondern durch
ein internationales Zuckerabkommen
gebunden ist. Dieses weist jedem Land
eine seiner Produktion entsprechende
Angebotsmenge zu. Es würde nun von
den anderen zuckerproduzierenden
Staaten kaum ohne weiteres hingenom¬
men werden, wenn Kuba zusätzlich zu
seinem bisherigen Kontingent die von
den Vereinigten Staaten stornierten
700.000 Tonnen frei anböte und da¬
durch einen Preisverfall auf dem Welt¬
markt einleitete.
Aufs erste ist allerdings sicherlich
dadurch eine gewisse Abhilfe ge¬
schaffen worden, daß die UdSSR,
China und andere kommunistische
Staaten offensichtlich politisch inspi¬
rierte Ankäufe kubanischen Zuckers
durchführten. Die Sowjetunion schloß
ja bereits zu Anfang des Jahres, also
vor dem Höhepunkt der kubanisch-
amerikanischen Auseinandersetzungen,
mit Fidel Castro einen Vertrag über den
Kauf je einer Million Tonnen Zucker
in den nächsten vier Jahren. Als
Durchschnittspreis wurden 3 Cent pro
englischem Pfund vereinbart, eine
Währungsschwankungsklausel wurde
von den Sowjets abgelehnt. Diese Ab¬
machungen sind für Kuba keineswegs
sehr günstig, wenn man bedenkt, daß
die Amerikaner sich zur Zahlung von
5,36 Cent verpflichtet hatten und'
außerdem auch bereit waren, Kurs¬
verschlechterungen des Dollars zu be¬
rücksichtigen. Neben der UdSSR haben
auch Ostdeutschland, Polen, die Volks¬
republik China und die Vereinigte
Arabische Republik Verträge über
Zuckerlieferungen abgeschlossen, wo¬
durch die laut internationalem Zucker¬
abkommen den Kubanern zustehende
Exportquote ziemlich erschöpft wäre.
Es ist nun die Frage, ob das Land von
den Vertragsstaaten des Zucker¬
abkommens eine Erhöhung seines
Kontingents zugestanden bekommen
kann oder ob sich seine Regierung über
diese Abmachungen hinwegsetzen wird.
Träte der letztgenannte Fall ein, so
müßte man mit einem Sinken der
Zuckernotierungen auf dem Weltmarkt
rechnen. Bemerkenswert ist, daß die
Regierung Castro kürzlich — vielleicht
im Hinblick auf die soeben erwähnte
Möglichkeit — einen Mindestpreis von
3,15 Cent je Pfund Zucker festgelegt
hat; Abschlüsse unter diesem Preis
sollen dadurch verhindert werden, daß
die Ausfuhr der Ware verweigert wird.
Eine dauerhafte Sanierung der kuba¬
nischen Zuckerwirtschaft bei Verzicht
auf den amerikanischen Verbraucher
ist zur Zeit noch nicht gut vorstellbar.
Die bereits mit den Ostblockstaaten
vereinbarten Lieferungen sind zwar er¬
staunlich hoch, doch erreichen sie nicht
einmal über eine kurze Periode die
Höhe der 3 Millionen Tonnen, die die
USA jedes Jahr gekauft hatten. Es ist
weder anzunehmen, daß die Sowjet¬
union Kuba zuliebe mit ihrem Zucker¬
rübenbau zurückhält, noch werden sich
die kommunistischen Staaten plötzlich
und auf Dauer entschließen, den Ver¬
brauch von Zucker stark zu inten¬
sivieren. Heuer ist allerdings die Auf¬
nahmefähigkeit der Sowjets größer als
sonst, da ihre eigenen Ernten an
Zuckerrüben in vielen Teilen des Lan¬
des die Erwartungen nicht erfüllten.
Für die nächsten Jahre wird von man¬
chen zuckerproduzierenden Ländern
befürchtet, daß der eine oder andere
Bezieher von Kubazucker unter den
Ostblockstaaten die in Kuba gekaufte
Ware reexportieren könnte, wodurch
größere Störungen auf dem Weltmarkt
für Zucker entstehen würden. Doch
solche langfristigen Überlegungen
spielen derzeit nur eine untergeordnete
Rolle. Es geht jetzt vielmehr um Ein¬
flußsphären und Prestige, wobei Kuba
selbst, das noch vor kurzer Zeit den
Amerikanern als Partner in einer
politischen Auseinandersetzung gegen¬
überstand, immer mehr zu einem ziem¬
lich abhängigen Einsatz im Kräftespiel
zwischen den Großmächten wurde.
Dr. Romuald Riedl
Hintergründe der Kongokrise
Der afrikanische Boden liefert ge¬
genwärtig die Gesamtheit der Diaman¬
ten des Weltmarktes, die Hälfte des
Antimons, ein Drittel des Kupfers und
Chroms, 40 Prozent des Mangans, 15 Pro¬
zent des Bleis und des Zinns, 10 Pro¬
zent des Urans, 65 Prozent des Goldes
und des Kobalts. Fast alles afrikanische
Kupfer, Chrom, Kobalt, Uran, alle Dia¬
manten und alles Gold sowie ein Drit¬
tel des afrikanischen Zinns kommen
aus der Südafrikanischen Union, aus
Nordrhodesien und aus dem Kongo
— präziser gesagt aus Katanga (Ka-
tanga allein liefert 53 Prozent der Welt¬
vorkommen an Kobalt, 9 Prozent Kup¬
fer und Zinn, 5 Prozent Uran und Zink).
„Die Vereinigten Staaten werden 1975
80 Prozent ihres Mangans, 70 Prozent
ihres Bleis, 75 Prozent ihres Kupfers
und 40 Prozent ihres Erzes im Ausland
kaufen müssen", hieß es in einem Be¬
richt des Ökonomen Paley an Präsident
Eisenhower im Jahre 1955. Ein Jahr
später machte Vizepräsident Nixon eine
große Afrikatournee. Die Erzvorkom¬
men sind offensichtlich die Haupt¬
ursache des lebhaften Interesses, das
die Vereinigten Staaten seit vier Jahren
für Afrika zeigen.
Im November 1959 schrieb die außen¬
politische Kommission des amerika¬
nischen Senates in einem Bericht über
Afrika: „Auf Grund der Beiträge des
Kongo für die industriellen und mili¬
tärischen Bedürfnisse der Vereinigten
Staaten ist es wichtig, daß die kommen¬
den Beziehungen zu diesem Land die
Fortsetzung seiner Lieferungen an uns
sicherstellen."
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