Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1960 Heft 09 (09)

rungen abhängig, während jetzt die
französische Petroleumwirtschaft nicht
nur im Begriffe ist, von ölimporten
unabhängig zu werden, sondern sich
auch zu einem Energie-Exportland
zu entwickeln. Diesem Umbruch in
der Petroleumversorgung kommt um
so größere Bedeutung zu, als der
Anteil des Erdöls und Erdgases an
der Deckung des Energiebedarfes des
Landes andauernd zunimmt: von 12,5
Prozent im Jahre 1938 ist er auf 19,6
Prozent 1952 und auf 30 Prozent 1959
gestiegen. Über die Entwicklung der
französischen Petroleumindustrie in
den Jahren 1958/59 berichtet eine Sta¬
tistik, herausgegeben vom Berufsver¬
band der französischen Petroleum¬
industrie, der Chambre Syndicale de
l'Industrie du Petrole.
Der französische Verbrauch von
Erdölderivaten (ohne Bunkeröl) er¬
reichte 1959 20,6 Millionen Tonnen. Er
nahm gegenüber 1938 um das Vierfache
und gegenüber 1949 um das Dreifache
zu. Diese rapide Steigerung setzte große
Investitionen in den Ausbau, die Auf¬
bereitung und den Vertrieb voraus,
wozu in den letzten Jahren noch sehr
bedeutende Aufwendungen für die
Erdölsuche sowie die Erschließung der
entdeckten Vorkommen kamen. Nach
Berechnungen der Chambre Syndicale
wurden in den Jahren 1945 bis 1959
in die Erdölindustrie (ohne Tanker¬
flotte) insgesamt 14,370 Millionen NF
investiert. Die Erschließung der in der
Sahara entdeckten Vorkommen bean¬
spruchte in den letzten 2 Jahren In¬
vestitionen in der Höhe von über
4 Milliarden NF. Während Vertriebs¬
organisation und die Raffinerien von
der Industrie selbst finanziert wurden,
war der Anteil der öffentlichen Gelder
an der Finanzierung der Erdölsuche
zunächst sehr bedeutend. Die Suche
nach neuen Vorkommen und die Er¬
schließung der entdeckten Felder
nahmen einen wesentlichen Teil der
Tätigkeit der Industrie in Anspruch.
Ende 1959 erreichten die in der Sahara
erteilten Prospektionskonzessionen
einen Umfang von 658.000 Quadrat¬
kilometer. In Frankreich selbst er¬
streckt sich das durch erteilte Kon¬
zessionen bedeckte Gebiet auf 129.900
Quadratkilometer.
Neben der Erschließung der Sahara¬
vorkommen ist auch der Bau der
Rohrleitungen, die diese Vorkommen
mit der Mittelmeerküste verbinden,
von großer Bedeutung. Nach Fertig¬
stellung dieser Rohrleitungen kann
damit gerechnet werden, daß Frank¬
reich, das 1959 nur 3 Millionen Tonnen
Rohöl aus dem Inland und aus den
Ländern der Franc-Zone empfing, schon
im Jahre 1960 aus diesen Quellen ins¬
gesamt 11,5 bis 12 Millionen Tonnen
beziehen können wird. Der Anteil des
einheimischen Öls an der Gesamtver¬
sorgung, der sich 1958 auf 7 Prozent
und 1959 auf 10 Prozent stellte, könnte
demnach auf über 34 Prozent steigen.
Da das Saharaöl sich insbesondere zur
Produktion von Dieselöl und Auto-
treibstoff eignet, wird Frankreich, um
seine Versorgung mit Heizöl sicherzu¬
stellen, in absehbarer Zukunft genötigt
sein, das Saharaöl auf dem Weltmarkt
gegen schwereres Rohöl anderer Pro¬
venienz einzutauschen.
Die Einfuhr verbrauchsfertiger Erd¬
ölderivate spielt bei der Versorgung
des Landes nur eine geringe Rolle. Die
Einfuhren kommen hauptsächlich aus
den Ostländern (Sowjetunion und
Rumänien) als Gegenleistung für fran¬
zösische Warenlieferungen. Neuerdings
treten auch Bezüge aus den Ländern
des Gemeinsamen Marktes hinzu.
Schließlich müssen gewisse Spezial-
produkte, wie Petroleumkoks, be¬
stimmte Qualitäten von Flugzeugtreib¬
stoff unter anderem eingeführt werden,
da sie in Frankreich überhaupt nicht
oder in unzureichenden Mengen her¬
gestellt werden. Insgesamt erreichte
die Einfuhr von fertigen Erdöl¬
produkten 1959 rund 1,92 (im Vorjahr
1,41) Millionen Tonnen, darunter 0,79
(0,61) Millionen Tonnen aus der Sowjet¬
union, 0,39 (0,33) Millionen Tonnen aus
Rumänien, 0,36 (0) Millionen Tonnen
aus dem Gemeinsamen Markt und 0,38
(0,47) Millionen Tonnen aus anderen
Ländern.
Im Anschluß an die Suezkrise
haben die französischen Erdölgesell¬
schaften, auf Drängen der französi¬
schen Regierung, ihre Tankerflotte von
1,88 Millionen Anfang 1956 auf 2,19
Millionen Anfang 1958 und 2,84 Mil¬
lionen Tonnen Anfang 1960 ausgebaut.
Die Auslastung der Tankerflotte stößt
aber infolge einer Verkürzung der von
den Öltankern zurückzulegenden Wege
Nordafrika—Frankreich statt Mittlerer
Osten—Frankreich — auf Schwierig¬
keiten.
Auch der Ausbau der Raffinerien ist
in den beiden letzten Jahren intensiv
fortgesetzt worden. Die Verarbeitungs¬
kapazität der französischen Raffinerien
ist von 33,49 Tonnen Rohöl jährlich auf
40,44 Millionen Tonnen gebracht wor¬
den. Gleichzeitig ging ein Ausbau der
petrochemischen Anlagen von sich. Die
in diesem Bereich vorgenommenen
Investitionen werden für 1956 auf
175 Millionen NF, für 1957 auf 245 Mil¬
lionen NF und für 1958 auf 385 Mil¬
lionen NF geschätzt. Die Gewinnung
petrochemischer Erzeugnisse stieg von
80.000 Tonnen Karbongehalt im Jahre
1957 auf 118.000 Tonnen 1958 und auf
260.000 Tonnen 1959.
Das neue Wirtschaftsprogramm
der SP Schwedens
Der Parteikongreß der schwedischen -
Sozialdemokratie, der Anfang März
1960 stattgefunden hat, nahm tiefgrei¬
fende Änderungen an dem im Jahre
1944 beschlossenen Nachkriegspro¬
gramm vor. Nachdem das neue Grund¬
satzprogramm in seinem prinzipiellen
Teil den langen und schwierigen
Kampf der Arbeiterklasse für politische
Rechte und sozialen Fortschritt schil¬
dert, stellt es fest, daß die ungleiche
Verteilung des Eigentums und des Ein¬
kommens autoritäre und undemokra¬
tische Verhältnisse im Arbeitsleben,
Benachteiligung der Frauen im Er¬
werbsleben, und unkontrollierte
Macht, die sich vom Besitz herleitet,
geschaffen habe, was den Idealen der
Demokratie widerspricht. Deshalb
verlangt das Programm neben der po¬
litischen auch eine wirtschaftliche
Demokratie und die Kontrolle der
Produktion durch die Gemeinschaft.
Die schwedische Sozialdemokratie faßt
in ihrem neuen Programm die moderne
Wirtschaft als ein Gebilde auf, in dem
verschiedene Formen des Eigentums
und der Kontrolle der Wirtschaft mög¬
lich, ja nötig sind. Im folgenden Ab¬
satz des Programms kommt die Viel¬
zahl der Formen und Kontrollmöglich¬
keiten zum Ausdruck.
„Die Sozialdemokratie will in jedem
einzelnen Fall prüfen, welche Formen
des Besitzes, der Unternehmen und des
Neuschaffens am besten dem materiel¬
len Fortschritt und der Wohlfahrt der
Menschen dienen. Sie stellt die Forde¬
rung nach gesellschaftlichem Besitz
oder gesellschaftlicher Kontrolle der
Naturschätze, Kreditinstitute und Un¬
ternehmen in dem Umfang als es not¬
wendig ist, die Interessen der Bevöl¬
kerung wahrzunehmen. Sie ist bereit
neue Unternehmen als Eigentum oder
unter der Kontrolle der Gesellschaft
zu errichten, wenn die private Unter¬
nehmerschaft nicht imstande ist, diese
wesentlichen Aufgaben zu erfüllen. Sie
will das Entstehen und die Entwick¬
lung von Gemeinschaftsunternehmen
in allen Fällen fördern, wenn man er¬
warten kann, das sie den Interessen
der arbeitenden Menschen dienen
werden. Die kollektiven Unternehmen
können staatlich, kommunal oder ge¬
nossenschaftlich sein, ebenso kann eine
direkte Zusammenarbeit zwischen
privaten und kollektiven Unternehmen
in vielen Fällen nützlich sein. Die
Formen der Unternehmen dürfen nicht
als Selbstzweck betrachtet werden.
Die Wahl zwischen ihnen muß davon
bestimmt werden, welche Aufgaben
gelöst werden sollen."
Das neue Parteiprogramm weist auch
auf die Gefahren hin, die die Ver¬
änderung der menschlichen Situation
in der modernen Industriegesellschaft
hervorgerufen haben. In diesem Zu¬
sammenhang heißt es: „Der wachsende
Wohlstand und die größere soziale
Sicherheit führte für die große Mehr¬
heit zu einem glücklicheren Dasein.
Doch die Konkurrenzmentalität, die
der kapitalistischen Gesellschaft das
Gepräge gibt, hat gleichzeitig psycholo¬
gische Probleme für viele Menschen
geschaffen. Übertriebene Forderungen
nach Erfolg und Prestige treiben die
Menschen zu einem inneren Wett¬
kampf, in dem viele verlieren und in
dem sie ein Gefühl des Versagens
überkommen muß. Der Wille zur Zu¬
sammenarbeit und zur Solidarität wird
allzu wenig geschätzt. Die äußeren
Formen der Demokratie haben die
Zusammengehörigkeit zwischen den
Menschen gefördert, doch vermochten
sie nicht allen das Erlebnis einer
wirklichen Gemeinschaft und der Teil¬
nahme am Leben der Gesellschaft zu
geben. Die Möglichkeiten, kulturelle
Bedürfnisse zu befriedigen, wurden
verbessert, doch sie konnten nicht
Schritt halten mit der Erhöhung der
materiellen Produktion. Kommerzielle
Interessen haben zur Bildung falscher
Ideale beigetragen und allzu oft nur ein
Surrogat an Stelle jener Anregung und
Zerstreuung gegeben, für die ein Be¬
darf besteht."
In dem dem Grundsatzprogramm
angefügten „Punkteprogramm" werden
in 31 Absätzen weit über hundert Teil¬
forderungen aufgezählt, darunter findet
man kostenfreien Unterricht, bessere
Lebensbedingungen für die Kultur¬
arbeiter, Freihandel, erhöhten Schutz
für die älteren Arbeitskräfte, die
40-Stunden-Woche, erhöhte Staatsbei¬
träge für den Wohnungsbau. Mit dem
neuen Programm, dessen wirtschaft-
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