Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1960 Heft 09 (09)

und „eventuell als Freigegenstand noch
eine weitere Fremdsprache".
In den zwölfklassigen Schulen soll
„der polytechnische Charakter eine Stär¬
kung erfahren. Ebenso wie an allen
anderen Schulen II. Grades soll auch
hier ein neuer Gegenstand, die Bürger¬
kunde, eingeführt werden". Das Stu¬
dium der Werktätigen soll dadurch
eine weitere Entfaltung erfahren. „Im
laufenden Schuljahr studieren auf diese
Weise, ohne ihre Beschäftigung zu
unterbrechen, bereits 71.000 Schüler,
davon 47.000 an Gewerbeschulen."
Die neuen Lehrpläne für die Schulen
II. Grades werden am 1. September 1961
in Kraft treten.
Das Gewerkschaftsblatt Präce stellte
am 3. Mai fest, die wichtigste Änderung
liege darin, „daß die Jugend in der
Schule nicht nur lernen, sondern auch
körperlich arbeiten soll: Selbstverständ¬
lich wird der Unterricht sowie die Arbeit
den Kräften und Fähigkeiten der Kin¬
der angemessen sein. An den Grund¬
schulen werden die Kinder Handar¬
beitsunterricht enthalten und auch an
allgemein nützlichen Arbeiten (wie zum
Beispiel Verschönerung der Schule und
deren Umgebung) teilnehmen. Im 6. bis
9. Jahrgang wird die Jugend in Schul¬
werkstätten und auf Schulgründen ar¬
beiten, ferner wird sie an allgemein
nützlichen Arbeiten, wie zum Beispiel
bei einfachen landwirtschaftlichen Ar¬
beiten, eventuell auch an Bauarbeiten
teilnehmen.
Nach dem 15. Lebensjahr wird die
gesamte Bildung auf verschiedene
Arten mit der Arbeit in der Produk¬
tion verbunden werden.
Über die ersten Versuche mit der
Verwendung der Hochschulstudenten
in der Produktion (neben dem Vor¬
lesungsbetrieb), berichtete Mlada Fronta
Bücher und
F. Lenz: Politische Ökonomie in unserer
Zeit, Heft 215/216 der Schriftenreihe
„Recht und Staat", J. C. B. Mohr, Tübin¬
gen 1958, 42 Seiten, 3.80 DM. — F. Lenz ge¬
hört zu denjenigen Autoren, die ihre
starke Beeinflussung durch Marxsche Ge¬
danken weder verleugnen können, noch
verleugnen v/ollen; schon der Ausdruck
„Politische Ökonomie" im Titel der Bro¬
schüre zeigt dies mehr als deutlich. Aber
Lenz ist weit davon entfernt, das gesamte
Marxsche Konzept gedankenlos zu über¬
nehmen, sondern versucht vielmehr, sich
kritisch mit dem historischen Materialis¬
mus auseinanderzusetzen. Ein typisches
Beispiel für die radikale Abkehr von einer
orthodoxen Marxinterpretation ist seine
Behauptung, in der geschichtlichen Ent¬
wicklung sei zwar „reale Freiheit und
reale Notwendigkeit des Handelns in eins
gesetzt" (analog der von Marx und Engels
übernommenen Formulierung Hegels, Frei¬
heit sei Einsicht in die Notwendigkeit),
aber „darin unterscheiden sich die Gesetz¬
mäßigkeiten der gesellschaftlichen Be¬
wegungen von jenen des Denkens und der
äußeren Natur" (während der orthodoxe
Marxismus keine Scheidung zwischen
historischen und logischen Kategorien
kennt). Der Ausgangspunkt von Lenz fällt
allerdings mit jenem von Marx zusammen:
„Die Wirtschaftswissenschaft unterliegt
dem Wechsel wissenschaftlicher Grund¬
tendenzen, die sich aus den politischen
und wirtschaftlichen Gegebenheiten her¬
ausheben; in ihrem Stoff verknüpft sie
sich unlösbar der geschichtlichen Gesamt¬
entwicklung." Daher sagt auch Lenz über
am 3. Mai 1960. Danach arbeiten
die Hörer der Hochschule für Ver¬
kehrswesen in Prag bereits seit Herbst
des vergangenen Jahres 30 Stunden pro
Woche in Betrieben und besuchen
16 Stunden pro Woche die Vorlesungen.
Die Studenten für Schwachstromtechnik
sind im Betrieb für Fernmeldewesen
und Sicherheitstechnik in Prag einge¬
teilt. Sie sind hier in ein Lehrverhältnis
eingereiht und werden nach Absolvie¬
rung ihrer Lehrzeit in der Produktion
einen Lehrbrief erhalten. Eine zweite
Gruppe, die Studenten für Maschinen¬
technik, arbeitet in Eisenbahnwerk¬
stätten. Sie stehen in keinem Lehrver¬
hältnis, besitzen aber „alle Rechte nor¬
maler Lehrlinge". Die dritte Gruppe,
Studenten der Elektrotechnik, arbeitet in
verschiedenen Werkstätten des Betrie¬
bes „CKD Stalingrad". Sie sind in Zwei¬
oder Drei-Mann-Gruppen aufgeteilt, die
den Arbeitstrupps qualifizierter Arbei¬
ter direkt zugeteilt sind. Darin hätten
sie, wie Mlada Fronta schreibt, einen
gewissen Vorteil gegenüber ihren ande¬
ren Mitschülern, die in einem Lehrver¬
hältnis stehen und deshalb bei der
Arbeit das Arbeitermilieu nicht sehr
genau kennenlernen können. Trotz dieses
„Vorteils" seien sie unzufrieden. Als
Beweis dieser Unzufriedenheit veröf¬
fentlicht das Blatt einen Leserbrief, in
dem es unter anderem heißt: „In der
Produktionspraxis können wir vieles
lernen, was wir beim Studium und im
Leben brauchen werden. Die Arbeiter
kommen uns entgegen und erklären uns
bereitwillig alles, was wir nicht ver¬
stehen. Wir sind jedoch überrascht, daß
wir für unsere Arbeit — die ja produk¬
tiv ist — keine Bezahlung bekommen.
Wir sind die einzige spezialisierte Stu¬
dieneinrichtung unserer Schule, die die
Praxis umsonst ausübt."
Zeitschriften
den klassischen Liberalismus: „Der An¬
spruch unserer liberalen Marktlehren auf
Weltgeltung stand im Dienste des moder¬
nen Imperalismus und einer industriellen
Revolution, deren Träger die europäischen
See- und Handelsmächte des 18. Jahrhun¬
derts waren. Aus den Interessen des Han¬
dels* und Schiffahrtskapitals und aus dem
Export von Manufakturwaren sind die
modernen Markttheorien wie das bisherige
Völkerrecht in Holland, Frankreich und
Großbritannien entstanden."
Lenz breitet eine Fülle von Gedanken
vor uns aus, die uns aufrichtig bedauern
läßt, /laß die Broschüre nur knapp 40 Seiten
umfaßt. Speziell die sozialphilosophische
Kritik an Euchens modelltheoretischer
Konzeption (Polarität von freier Markt¬
wirtschaft und Zentralverwaltungswirt-
schaft als Idealtypen) wäre wert, in einem
eigenen Werk ausführlicher dargelegt zu
werden: Lenz wirft nämlich Eucken vor,
er mache bestimmte normative Strukturen
des freien Marktes zur natürlichen Ord¬
nung der Wirtschaft, während- alle nicht¬
konformen Merkmale der Wirklichkeit zu
Gegebenheiten, Tatsachen, Daten oder
Fakten herabgesetzt werden — ein Ge¬
danke, der die Parallele zu Max Webers
bekannter Auffassung darstellt, man könne
die alleinige Richtigkeit der materialisti¬
schen Geschichtsauffassung nicht dadurch
beweisen, daß man alle nicht-ökonomischen
Momente zu bloßen Zufällen degradiere.
Die Broschüre ist um so wertvoller, als
Lenz damit gleichzeitig denVersuch unter¬
nimmt, einen Beitrag zur Lösung jener
Aufgabe zu liefern, die nach seiner An¬
sicht der Politischen Ökonomie gestellt ist:
„die immanente Gesetzmäßigkeit der ge¬
sellschaftlichen Bewegungen ins Bewußt¬
sein zu heben". Wie Lenz abschließend
sagt: „Kein Zeitalter freilich ist ohne
»tabus« und »fables convenues«; kein
Erkenntnisgegenstand ist in ihm, der nicht
Gegensatz wäre und Widerstand leistete.
Die Zeit in Gedanken zu fassen, das Sein
in das Bewußtsein zu erheben, bleibt eben
das Ziel jedes gesellschaftswissenschaft¬
lichen Bemühens." E. W.
Statistics of Sources and Uses of Finance
1948—1959, published by the OEEC. Paris
i960, 193 Seiten, 2.50 Dollar. — Mit dieser
Veröffentlichung von Daten über die mone¬
tären Aspekte der wirtschaftlichen Ent¬
wicklung in den OEEC-Staaten wurde ein
überaus wertvoller Beitrag zur Erforschung
gesamtwirtschaftlicherzusammenhänge und
nationaler Verschiedenheiten geleistet. Es
wurde damit eine Fülle von Zahlenmate¬
rial vorgelegt, das sorgfältig zusammen¬
gestellt wurde. Die Sorgfalt macht sich
vor allem dadurch angenehm bemerkbar,
daß nicht nur technische Fragen in einem
eigenen Abschnitt erörtert werden, son¬
dern daß in einer, man möchte fast sagen,
wirtschaftswissenschaftlichen Abhandlung
der Zusammenhang der verschiedenen aus¬
gewiesenen Größen an Hand von Model¬
len demonstriert und ausführlich erklärt
wird.
Das Grundkonzept, auf dem die Tabel¬
len aufbauen, wurde schon vor einiger
Zeit ausgearbeitet und publiziert (siehe A
Standardised System of National Äccounts
— 1958 Edition, OEEC, Paris 1959). Es sind
zwei Gruppen von Tabellen vorhanden:
„Comparative Statistics" und „Country
Statistics". Die erste Gruppe bringt na¬
tionale Vergleiche von Geldzirkulation,
Produktion, Konsum, Importen, Zahlungs¬
bilanzen, Preisen usw. Die zweite Gruppe
enthält für jedes Land (Mitgliedstaaten der
OEEC und assoziierte Staaten) die grund¬
legenden Globalgrößen für eine Analyse
der Entwicklung des Geld- und Kredit¬
wesens, und zwar in einer Anordnung, die
beispielsweise die parallele Untersuchung
von Einkommen, Geldzirkulation und Zah¬
lungsbilanz ermöglicht.
Eine ausführliche Würdigung der Studie
ist in diesem bescheidenen Rahmen un¬
möglich. Wir begnügen uns mit dem Hin¬
weis, daß das Zahlenmaterial eine wahre
Fundgrube darstellt, die hoffentlich recht
oft zum Nutzen unserer Wirtschaft für
Untersuchungen herangezogen werden
wird. Alles in allem eine vorbildliche Ar¬
beit — aber das war wohl nicht anders zu
erwarten, da doch Prof. Triffin zu den
Hauptverantwortlichen zählt. E. W.
Die gewerbliche Wirtschaft Niederöster¬
reichs. Jahrbuch der Handelskammer
Niederösterreich. Verlag der Handels¬
kammer Niederösterreich, Wien 1960, 248
Seiten. — Dieses Jahrbuch gibt nach einer
Darstellung der allgemeinen Entwicklung
der österreichischen Wirtschaft ein um¬
fassendes Bild der besonderen Ent¬
wicklung der niederösterreichischen Wirt¬
schaft. Trotz der relativ günstigen Ent¬
wicklung der Wirtschaft Niederösterreichs
bestehen nach wie vor Schwierigkeiten,
die noch überwunden werden müssen, wie
zum Beispiel die Sonderprobleme der
einstigen USIA-Betriebe. Von den 61 mit
der Produktion von Ablöselieferungen an
die Sowjetunion beschäftigten öster¬
reichischen Industriebetrieben sind 18
niederösterreichische Unternehmungen, die
an den Ablöselieferungen mit mehr als
20 Prozent ihres Jahresumsatzes beteiligt
waren. Niederösterreich fordere nun, daß
es in dem Anfang 1961 in Kraft tretenden
neuen Warenaustauschabkommen mit der
Sowjetunion Berücksichtigung finden möge.
Im Gegensatz zu den vorhergehenden
Jahren suchten im Jahre 1959 viele Wirt¬
schaftszweige vergeblich Lehrlinge, da
der Jahrgang 1945, der im Berichtsjahr
die Schule verlassen hat, der schwächste
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