Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1960 Heft 09 (09)

Niveau der Reallöhne zusammen mit der Pro-Kopf-Pro¬
duktion steigt, damit genügend Nachfrage vorhanden ist,
um die ständig wachsende Produktion des ständig wach¬
senden Bestandes an Ausrüstungen aufzusaugen ..(wo¬
bei „der wichtigste Schutz gegen die Tendenz zur Sta¬
gnation im Druck der Gewerkschaften für höhere Löhne
liegt"). „Zweitens muß jegliche zufällige Diskrepanz zwi¬
schen vorhandenen Arbeitskräften und Ausrüstungen
rasch beseitigt werden, wenn ein stabiles Beschäftigungs¬
niveau gesichert werden soll. Dies wird dann der Fall sein,
wenn — bei einem Arbeitskräfteüberschuß — die Real¬
löhne weniger rasch steigen als die Produktion pro Kopf,
gleichzeitig aber die Investitionstätigkeit so aufrecht¬
erhalten wird, daß die Akkumulation (im Sinne produk¬
tiver Kapazität) in der oben geschilderten Weise beschleu¬
nigt wird; und wenn — bei einem Arbeitskräftemangel —
die (Geld-)Löhne im Verhältnis zu den Preisen steigen,
der Reallohn mehr als die Produktion pro Kopf steigt und
das Tempo der Akkumulation sich verlangsamt. Funktio¬
niert dieser Mechanismus, dann wird die Bereitstellung
von Kapitalgütern laufend an die Bereitstellung von
Arbeitskräften angepaßt, und jedwede Tendenz zu Über¬
schuß oder Knappheit an Arbeitskräften wird rasch kor¬
rigiert. — Es ist bloß erforderlich, die für die Erhaltung
der Stabilität notwendigen Bedingungen anzuführen, um
zu sehen, wie prekär die Erhaltung der Stabilität unter
den kapitalistischen Spielregeln ist." (S. 89, von mir her¬
vorgehoben, Th. P.)
Nur wenn das Tempo des technischen Fortschritts sich
nicht unversehens ändert, wenn der technische Fortschritt
sich nicht ungleichmäßig über die ganze Wirtschaft ver¬
breitet, wenn die Akkumulationsrate nicht von der Rate
des technischen Fortschritts divergiert, wenn Zuwachs¬
rate von Bevölkerung beziehungsweise Arbeitskräfte¬
potential und Akkumulationsrate nicht auseinanderklaffen
und wenn der Mechanismus der Konkurrenz nicht ver¬
sagt — nur wenn das alles nicht passiert und die Profit¬
raten daher konstant zu sein neigen und die Reallöhne
zusammen mit der Produktivität wachsen, ist eine Situa¬
tion gegeben, in der es keine inneren Widersprüche in
dem System gibt. Und wenn die Unternehmer dann fort¬
fahren, gleichmäßig zu akkumulieren, dann entwickelt
sich das System ohne Störungen. „Jährliche Gesamtpro¬
duktion und gesamter Kapitalbestand wachsen dann mit¬
einander in gleichmäßig proportionalem Tempo, wobei die
Wachstumsrate ein Produkt der Zuwachsraten von Ar¬
beitskräftepotential und Produktivität pro Kopf ist. Wir
können diese Bedingungen als Goldenes Zeitalter bezeich¬
nen — und damit zum Ausdruck 'bringen, daß das ein
märchenhafter Zustand ist, den es in der wirklichen
Ökonomie kaum gibt." (S. 99.)
Wir können die komplizierte und erschöpfende Analyse
dieses Kernstücks des vorliegenden Werks hier nicht
wiedergeben (selbst ihre konzentrierte Zusammenfassung
nimmt mehrere Seiten — 173 bis 176 — ein), sondern
bestenfalls andeuten. Inzwischen sei noch auf die zentrale
Bedeutung verwiesen, die die Reallöhne darin einnehmen
(ihr unterschiedliches Niveau bei der Beurteilung der
Lage und Entwicklung verschiedener Länder, ihre Be¬
wegung bei der Beurteilung der Lage und Entwicklung
in einem Lande).
Zum Beispiel: Bei gegebenem Stand des technischen Wissens
entscheidet das Niveau der Reallöhne den Mechanisierungsgrad
der in Angriff genommenen Investitionsprojekte (S. 106 bis 108);
bei höheren Löhnen ziehen die Unternehmer einen höheren
Mechanisierungsgrad vor, bei niedrigen Löhnen wird der Me¬
chanisierungsgrad im allgemeinen niedriger sein; letzterer ist
ein Symptom der tieferen Ursache „niedrige Löhne", nicht die
Ursache niedriger Löhne; wohl kann es (bei sinkender Akkumu¬
lationsrate) höhere Löhne ohne höhere Produktivität geben, un¬
möglich aber (unter Bedingungen der Konkurrenz) höhere Pro¬
duktivität ohne höhere Löhne. (S. 129 bis 131.) Allerdings darf
man aus der These, daß wachsende Mechanisierung mit sinkender
Profitrate und steigenden Löhnen Hand in Hand geht, nicht
schließen, daß die wachsende Mechanisierung dies verursache:
„Unsere Argumentation bringt die Tatsache ans Licht, daß es
die Akkumulation als solche ist, die die Löhne zu steigern neigt,
während die Mechanisierung die Senkung der Profitrate bremst,
die eintreten würde, wenn die Akkumulation ohne die Möglich¬
keit für weitere Mechanisierung fortgesetzt werden würde."
(S. 151.)
Umgekehrt zur Wechselwirkung von Reallöhnen und Akku¬
mulation: „Die Wachstumsrate des Wohlstandes wird, auf längere
Sicht betrachtet, nicht durch irgendwelche technische Faktoren
begrenzt, sondern durch die Lethargie, die Platz greift, wenn
der Stachel der Konkurrenz und der wachsenden Reallöhne ab¬
stumpft." (S. 100.)
Insgesamt ergibt die Analyse der Bedingungen der
kapitalistischen Akkumulation auf längere Sicht (und nur
davon war bisher die Rede), daß die Realisierung der
„potentiellen Wachstumsrate" der Akkumulation, also
eines „Goldenen Zeitalters", wo sich das System gleich¬
mäßig, harmonisch, störungsfrei entwickelt, wohl logisch
denkbar, aber praktisch so gut wie unmöglich ist. Allein
die häufigen und erratischen Veränderungen in Wachs¬
tumsrate und „Schlagseite" des technischen Fortschritts
(etwa in kapitalverbrauchender8 oder kapitalsparender
Richtung) zerstören die Bedingungen dafür, ebenso die
andern oben angeführten Störungsmomente. („Und selbst
wenn die potentielle Wachstumsrate stabil und ungestört
verläuft, gibt es einen Wurm in der Knospe. Mit wach¬
sendem Bestand an Kapital neigt die Konkurrenz dazu,
abzustumpfen, und der Stachel der Akkumulation zu er¬
schlaffen, so daß die Wirtschaft aus einem Goldenen Zeit¬
alter in einen Zustand der Stagnation zu verfallen droht.")
(S. 176.) Wobei Mrs. Robinsons Analyse zeigt, daß den
Kettenreaktionen, die durch die mannigfaltigen Störungs¬
faktoren ausgelöst werden, durchaus nicht jene Automatik
zu selbsttätigen Korrekturen innewohnt, die die „neo¬
klassische" Richtung der bürgerlichen Nationalökonomie
(vor Keynes) der Akkumulation unter den Spielregeln des
Kapitalismus zuzuschreiben gewohnt war.
Keim der Krise in der Konjunktur
Die Akkumulation des Kapitals im großen Trend, auf
lange Sicht, ist das Ergebnis der Investitionsentscheidun¬
gen in einer Kette kurzer Fristen. Diese wieder basieren
auf den Profiterwartungen. Mit der Wechselwirkung von
Profiten und Investitionen und den entsprechenden
Schwankungen und Zyklen beschäftigt sich der Abschnitt
über Akkumulation innerhalb kurzer Fristen (S. 179 bis
221). Kurzfristige Nachfrageschwankungen stören den Me¬
chanismus der Anpassung (Beschleunigung) der Akku¬
mulationsrate an einen auftauchenden Überschuß von
Arbeitskräften; dies stärkt die im ersten Teil erzielte
Schlußfolgerung, daß ein Defizit der Nachfrage nach
Arbeitskräften im Verhältnis zum Angebot viel weniger
zur Selbstkorrektur neigt als ein Angebotsdefizit. (S. 197.)
Hohe Profite fördern lebhafte Investitionen, und diese
wieder hohe Profite. Wenn die Investitionen an eine Ober¬
grenze anstoßen (die durch einen Mehrzuwachs an Pro¬
duktionskapazität im Verhältnis zum Beschäftigten¬
zuwachs und folglich durch ein Nachlassen der Nachfrage
gegeben sein mag oder auch durch Engpässe in den
Investitionsgüterindustrien), sinken sie ab; schrumpfende
Investitionen erzeugen schrumpfende Profite und eine
0 Zum Beispiel führt eine starke Schlagseite in Richtung
kapitalverbrauchenderTechnik und wachsender „Real-Kapitalrate"
(Verhältnis des Bestandes an Kapitalgütern, gemessen in Arbeits¬
zeit, zum laufenden Arbeitsaufwand bei normaler Kapazitäts-
ausnützung; also etwa das, was bei Marx der organischen Zu¬
sammensetzung des Kapitals entspricht) zu einem „technokrati¬
schen Alptraum"; solange sie anhält, steigt der Konsum sehr
langsam und der Anteil der im Investitionsgütersektor beschäf¬
tigten Arbeiter wächst ständig mit der wachsenden Anwendung
von Techniken, die immer mehr Kapital, gemessen am Arbeits¬
aufwand je Kapazitätseinheit, erfordern. Dies muß nicht unbe¬
dingt zur Arbeitslosigkeit führen, aber die Reallöhne steigen
äußerst langsam und das Verhältnis zwischen Konsum und Inve¬
stitionen sinkt. Gleichzeitig ist es ein äußerst labiler Zustand.
Denn wenn es in irgendeinem Zeitpunkt zu einer Änderung in
der diesbezüglichen Schlagseite der technischen Neuerungen
kommt, würde die Investitionstätigkeit abrupt sinken und eine
schwere Krise einsetzen. „Kurz gesagt, während kapitalverbrau¬
chende Neuerungen die Unternehmerinteressen begünstigen (in¬
dem sie Kapital knapp im Verhältnis zu den Arbeitskräften
machen), schaffen sie, wenn man ihnen übermäßig frönt, Be¬
dingungen, unter denen es unmöglich wird, unter den Spielregeln
des Kapitalismus weiterzuspielen." (S. 172.)
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